Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 18.1883

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Kunstlitteratur.

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Säulen mit Fragmenten ihrer Kapitäle, Schäfte und
anderer Glieder von mannigfachen Formen nnd Dekora--
tionsmotiven. Dnrch die Kolonnade tritt man in eine
Art Vestibül, dessen Decke von einer dreifachen Reihe von
je 22 Säulen gestützt war. Jn der Mitte eines weiten
Hofes, der zur Aufnahme der Menge während des
Opferdienstcs bestimmt gewesen sein mag, finden sich
fvdann dic Ruinen eines achteckigen Baues, der von
vier Vestibülen flankirt wird, so daß er ein griechi-
sches Kreuz bildet. Nach Delacroip wäre dies die
Tempelcekla, nach andern das Bassin der Wasserkunst.
Über die Cekla weiter hinaus, in der Mitte des jen-
seitigen Hofranmes sind die Reste einer kleinen Rotunde,
ähnlich dem Vestatempel in Rom, und in jeder Ecke
der Umfassungsmauer eine kleine Ädicula ausgedeckt
worden, in denen Delacroix Altäre für die Opfergaben
und das Opfergeräte erkennen will. Unter der Cella
ist ein Abzugskanal von etwa 2 nr Höhe und 1 »r
Breite noch ganz gut erhalten. Übrigens sind gerade
in diesem Teile die Ausgrabungen noch nicht soweit
gediehen, wie in den Thermen. Delacroix hat hier
einige Münzen aufgefunden, nach denen er die Ent-
stehung der Anlage gegen Ende des 1. oder Beginn
des 2. Jahrhunderts, ihre Zerstörung zu Beginn des
5. Jahrhunderts bestimmen zu können meint.

Zwischen der Südseite der Tempelanlage und dem
Bach trifft man sodann auf die Substruktionen von
sünf Gebäuden, in denen man Herbergen vermutet, und
die eine Fläche von drei Hektaren einnehmen. Der
ganz und gar ruinenhaste Zustand der Überreste macht
es sehr schwer, hierllber irgend etwas Sicheres aufzu-
stellen, doch ist soviel klar, daß ihr Rauni bei weitem
nicht genügt haben kann, die bedeutende Menge, für
welche die Tempel- nnd Thermenanlage berechnet scheint,
aufzunehmen.

Jenseits der Baches liegt gegen Südost, an den
Hügelabhang gelehnt, das Theater. Es mißt in der
größeren Achse 90 in, die Arena allein 38 rn. Seine
Vorderfassade hat eine Länge von 84 in und ihre
Mauern sind bis zu 4 in Höhe erhalten. Der kreis-
runde Umfang der Arena ist durch eine Barrieremaner
von etwa ^ ni Höhe deutlich markirt. Die Stufen,
in den Tuff des Abhanges gehauen, scheinen mit
Brettersitzen belegt gewesen zu sein, da man eine Menge
Nägel auf der davon bisher aufgedeckten Fläche von
15 bis 20 grn aufgefunden hat. Der Zuschauerraum
hatte sieben AuSgänge (voniitoria), welche die Be-
sonderheit zeigen, daß sie parallel zur Fassade herans-
sühren, nicht radial, wie sonst an Theatern und Cirkus-
bauten. Die Höhe der Umfassungswände wird, wenn
vollständig bloßgelegt, 7 bis 8 m erreichen, an ihrer
obersten Schichte hat man die Löcher für die Haken,
woran das Velum befestigt Wurde, aufgefunden. Daraus,

daß außer der kreisrunden Arena auch ein Bühnen-
ranm an der dcni Halbrund der Sitzreihen entgegen-
gesetzten Seite angeordnet ist, muß man schließen, daß
der Bau sowohl scenischen Anfführungen als Cirkns-
spielcn dicntc. Derselbe mag 8000 bis 10000 Zu-
schauer gefaßt haben, und es wird dessen Restaurirung
verhältnismäßig leicht und wenig kostspielig sein.

Was nun die Bestimmung dieser Bauten anbe-
langt, so ist man darüber einig, daß an dieser Stelle
wohl nie eine gallo-römische Stadt gestanden, sondern
daß die Anlage einen Festplatz der Piktonen, die in
diesen Gegenden heimisch waren, gebildet habe. Dela-
croix glaubt Spuren ähnlicher Anlagen, jedoch von
viel geringerer Bedeutnng, in Chasseron und St. Rövö-
rien für andere gallische Stämme nachweisen zu können.
Aus einer Stelle von Cäsars Kommentaren wußte
man nämlich bereits, daß die Gallier jährliche Ber-
sammlungen zu halten pflegten, nur glaubte man, daß
sich bei denselben die Führer allein zusammenfanden,
um die Angelegenheiten ihres Stammes zu beraten.
Der Umfang der Anlage von Sanxay beweist aber,
daß der ganze Stamm an jenen Versammlungen teil-
nehmen durfte, und daß diese einen festlichen Charakter
hatten. Die römischen Eroberer scheinen sich der Tradi-
tion dieser Feste nicht entgegengestellt, sondern bloß
ihre Ausübung überwacht zu haben; denn daß sie darauf
Einfluß nahmen, ersehen wir eben daraus, daß sie den
Besiegten Geschmack an den Errungenschaften ihrer
verfeinerten Kultur, an Thermen und Theatern, beizu-
bringen wußten.

Ob übrigens die Denkmäler von Sanxay ihre
Entstehung dem Kaiser Hadrian verdanken, der Aqui-
tanien im Jahre 121 auf seiner Reise nach Spanien
besuchte, ist noch nicht festgestellt, auch über ven Zeit-
punkt ihrer Zerstörung nichts Sicheres bekannt. Dela-
croix nimmt als wahrscheinlich an, sie seien bei der
Jnvasion der Westgoten zu Beginn des 5. Jahrhunderts
untergegangen, während von anderer Seite dafür erst
der Einfall der Sarazenen aus Spanien im ersten
Drittel des 8. Jahrhunderts als Zeitpunkt aufgestellt
wird. C. v. Fabriczy.

Aunstlitteratur.

^ektors Abschied von Andromache. Sepia-Zeich-
nung von I. A. Nahl. Jn photographischem
Druck vonWilhelm Hoffmann inDresden. Royal-
Format. Leipzig, Berlag von M. Heßling.

Mit der Vervielfältigung dieses Blattes, dcsscn
Original bei der unlängst stattgehabten Bersteigerung
der Nahlschen Sammlungen in die Hände des vr. xbil.
G. Gläßner in Kasiel gekommen ist, haben sich Be-
sitzer und Verleger den Dank aller derer erworben,
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