Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 18.1883

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Korrsspondenz aus Bremen.

Aorrespondenz.

Bremen, im November.

Um zwei bedeutende Kunstwerke ist unsre Stadt
in diesen Tagen anfs schönste bcreichert worden. Das
erste besteht in der Vollendung der früher in diesen
Blättern (Knnstchronik, Bd. XVI, S. 278 ff.) be-
sprochenen Wandgemälde, die unser Arthur Fitger
in der Technik der Wachsfarben im Treppenhause der
neuen Börse ansführte. Den in der eigentlichen
Treppenhalle gemalten Bildern, welche die Gefahren
des Meeres und die glückliche Heimkehr eines Schiffes
veranschaulichen, fügte er nämlich in derselben alle-
gorisch-mpthologischen Weise, aber in offenbar noch
gesteigertem Reichtum und vollendeterer Harmonie des
Kolorits, auf dem Treppenpodest und dessen Schräg-
Wänden die Darstellung eines gegen die entfesselten
Dämonen des Oceans kämpfenden Schiffes hinzu und
zeigt uns eine Schar auf Seepferden sitzender Tritonen,
die, auf den sturmgepeitschten Wogen Pseile und Lanzen
schlcudernd, auf das Schiff eindringen, während oben
aus der Höhe der Gott der Stürme in die Verderben
bringende Bucina stößt. Jn den leider zn wenig be-
leuchteten Umrahmungen der Fenster sieht man Kämpfer,
auch schöne Unholdinnen, welche dem Menschen die
Herrschaft über das Meer zu entreißen streben. Sie
treten dadurch in innere Beziehung sowohl zu den
srüher vollendeten, benachbarten Schmalwänden, welchc
einerseits die Meergöltin Leukothea, andererseits das
Paar der Dioskuren die den Schisfern Rettung bringen,
darstellen, als auch wiederum zu dem Jnhalt der
Hauptwand des Treppeuhauses, auf dessen Hauptbild
Poseidon, der Beherrscher des Oceans, das Schiff in
den Hafen der Heimat geleitet. Das ist der würdige
Abschluß dieser herrlichen, überaus phantasie- und
lebcnsvollen und doch leichtverständlichen Versinnlichung
des Seehandels.

Das zweite, aus wahrem Patriotismus hervor-
gegaugene Kunstwerk ist das vor kurzem hier einge-
troffene Bild der Schlacht bei Loigny (2. Dez.
1870), oder vielmehr im besonderen des Anteils der
hanseatischcn Brigade an derselben: ein Werk, zu dessen
Stiftnng vor fast zwei Jahren eine Anzahl hiesiger
Bürger zusammentrat. Sie bildeten ein Komito, brach-
ten die dazu nötige Summe von 15 000 Mark zu-
sammen, beauftragten eine der bewährtesten Kräfte
dieses Faches, Emil Hünten in Düffeldors, mit der
Ausführung des Wcrkes und bestimmten als Auf-
stellungsort des Bildes die der Bedeutung desselben am
meisten entsprechende obere Rathaushalle, in welcher es
jederzeit den Bürgern der Stadt wie den kunstsinnigen
Besuchern Bremens zugänglich sein wird. Dort wird
es am bevorstehenden Jahrestage der Schlacht seinen

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Platz in güustiger Beleuchtung finden. stiachdem der
Maler eine Skizze eingesandt hatte, die allgemeinen
Beifall fand, bereiste er, wie gewöhnlich für seine
Schlachtenbilder aus dem letzten Kriege, in Begleitung
cines der hiesigen Offiziere, der am Kampf teilgenom-
men hatte, die dortige Gegend, um sich ein genaues
Bild der betreffenden Ortlichkeit und des ganzen
Terrains zu verschaffcn, ließ sich auch, um möglichst
viele Teilnehmer der Aktion mit Porträtähnlichkeit
wiederzugeben, eine ansehnliche Zahl von Photo-
graphien dieser Teilnehmcr geben.

Der Jnhalt des nunmehr fertigen Bildes ist der
letzte Entscheidnngskampf des 2. Dez. 1870, der auf
einem kahlen, wellenförmigen Terrain vor sich geht.
Es ist die beginnende Abenddämmerung eines klaren
Winterhimmels, an welchem soeben der Vollmond auf-
gegangen ist. Jn der Mitte des Hintergrundes erblickt
man das Dorf Loigny, wo noch der Kampf wütet und
zwei Kompanien von links den Kirchhof stürmen.
Vor dem Dorfe spielt die Kapelle des 75. Regimcnts,
weiter rechts im Hintergrund jagt eine Schwadron
Ulanen mit erbeuteten Geschützen davon. Jm Mittel-
und Vordergrunde findet das eigentliche Gefecht statt.
Jn der Mitte das Füsilierbataillon unter seinem Major,
am linken Flügel desselben (vom Beschauer rechts) das
erste Bataillon, deffen Führung ein Hauptmann über-
nommen, da der Major (von Hirschfeld) eben schwer-
verwundet fortgetragen wird. Am rechten Flügel des
FUsilierbataillons mecklenburgische Jäger, und zwischen
den Bataillonen etwas zurück der Generallieutenant
von Treskow mit seinem Stabe; weiter nach voru
Generalmajor von Kottwitz. Weiter links französische
Truppen und päpstliche Zuaven, unter denen wir den
Oberst Charrette bemerken, der von eineni Premier-
lieutenant vom Pferde gehauen wird, währeud mehr
im Vordergrund ein Gefreiter den General Souny
gefangen nimmt. Unter den päpstlichen Zuaven ein
Feldgeistlicher, der mit erhobenem Kruzifix seine Scharen
zum Kanipf anfcuert.

Sowohl in Betreff der Komposition, derBerteilung
der Massen, der mannigfaltigen Stellung und Be-
wegung der Gestalten und der Charakterisirung des
sranzösischen wie des niederdeutschen Vvlkstypus, als
auch in Betreff des Kolorits und der Beleuchtung ist
das mit voller Naturwahrheit durchgeführte Bild
(etwa 4,70 nr lang, 2,70 in hoch) eins der gelungen-
sten Werke des Meisters, eine Kunstschöpfung, die
an ihrem hiesigen, altehrwürdigen Aufstellungsorte ein
ebenso hochbedeutsamer Schmuck und ein ebenso glänzen-
des Vorbild für die Verteidigung des Vaterlandes sein
wird, wie es derselbe, von Bleibtreu meisterhaft ge-
malte Gegenstand in der großherzoglichen Galerie zu
Schwerin ist.
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