Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 18.1883

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Kunstlitteratur und Kunsthandel. — Kunstunterricht und Kunstpflege. — Kunsthistorisches.

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Aunstlitteratur und Auusthandel.

-- Vo» Lübke's „Grundris; der Kunstgeschichte" folgen sich
die neuen Auflagen in immer kürzeren Zeiträumen: ein Be-
weis mehr für die Trefflichkeit des Buches und für die
Steigerung des Jnteresse's an kunstgeschichtlicher Bildung im
deutschen Lesepublikum. Soeben wurde die nsunte Auflags
des Werkes ausgegeben, welche wieder im Text und in den
Jllustrationen erhebliche Bcreicherungen aufweist; im Gebiete
der antiken Kunst stehen Olympia und Pergamon dabei
natürlich in erster Reihe. Als Titelkupfer ziert den Band
ein wohlgelungenes Porträt des Verfassers in Radirung von
der Meisterhand Raabs.

v. — Von Lucanus' Llpleitung zur Crhaltung, Neiniguug
uud Wicdcrhcrstcllung dcr Olgcmaldc rc. ist vor kurzem'eine
neue,vierteAuflage erschienen (Halberstadt,Helm). Das Büchel-
chen, welches auch die Bereitung der Firnisse lehrt und An-
weisungen zum Aufziehen, Reinigsn, Bleichen und Restauriren
der Kupferstiche giebt, hat den bekanntcn Kunstfreund und
Lokalforscher Lucanus zum Verfasser, der seine eignen prak-
tischen Erfahrungen in dem Buche zu Nutz und Frommen
aller, die mit alten Bildern zu thun haben, niedergelegt hat.
Da der Verfasser vor einigen Jahren das Zeitliche gesegnet
hat, ist für diese neus Auflage, von Kleinigkeiten abgesehen,
die alte Fassung beibehalten, in welcher das Buch nach wie
vor seine guten Dienste leisten wird.

Ncuc Stiche uach Naffacl und Tizian. Rasfaels unsterb-
licher Genius ist noch immer ein unerschöpflicher Born für dis
Meister des Grabstichels. Wir haben heute Gelegenheit, auf
einen Künstler und seinen neuesten Stich wiederholt aufmerksam
zu machen, der seinem Urheber zur größten Ehre gereicht und
es verdient, dem Schönsten und Gelungensten auf diesem Ge-
biste beigesellt zu werden. Johannes Burger, ein Schweizer
von Geburt (geb. 31. Mai 1829), hat sich in München in
Thäters Schuls zumStecher herangebildetund in der erstenZeit
seiner künstlerischen Thntigkeit, wis auch sein Meister, vor-
züglich den Kartonstich gepflegt, wobei er sich eins feste, sichere
Zeichnung aneignete. Jn neuerer Zeit ging er zum maleri-
schen Stich über und wurde hierin von der Wiensr Gesell-
schaft für vervielfältigende Kunst vielfach in Anspruch genom-
men. Seine Stiche nach Mieris (Dame mit Papagei), nach
A. Kaufmann (Vestalin) und die sogenannte Violante nach
Palma vecchio fanden die shrendste Anerkennung. Nach diesen
Arbeiten suchts der Künstlsr ein erhabeneres Ziel für seinen
Grabstichel, und die Frucht dieses Strebens nach höheren
Jdsalen ist sein kürzlich vollendeter Stich nach Raffaels
Madonna della Sedia. Oft schon wurde von den besten
Künstlern, wie R.Morghen, Boucher-Desnoyers, E.E. Schäffer
und in letzterer Zeit von E. Mandel eine Wiedergabe des
Meisterwerkss durch den Stich versucht, und die Kunstfreunde
wissen die Blätter der genannten Meister zu würdigen. Burger
bewies darum einen großen Mut, ein festes Selbstvertrauen,
wenn er nach solchen Vorgängern sich an die schwere Arbeit
wagte. Und er schuf nicht allein etwas, was sich mit den
Arbeiten dsr erwähnten Stecher messen kann, er überflügelte
sie auch. Das Original, so einfach in der Komposition, ist
ein Wunder der Farbsnharmonis und die sinnigste Verherr-
lichung des Mutterglückes. Jn der Farbe wie nn Ausdruck
ist es ein „Holi ms kanAsrs" selbst für große Künstlsr ge-
wesen, das sieht man erst jetzt, vor unsersm Stiche. Wenn
hier kurz die Vorzüge der Arbeit angedeutet werden sollen,
so finden wir, daß der Künstler nicht allein sein Jnstrument
mit vollster technischer Sicherheit und Freiheit beherrscht,
sondern mit diesem die Wirkung einss Gemäldes vollkommen
erreicht, indem er die Art der Grabstichelführung, je nachdem
er Karnation oder Stoffliches behandelt, mit Geschmack wechselt.
Was aber noch über dieser -technischen Vollsndung stsht, ist
die Meisterschaft, mit welcher er die ideale Schönheit des
Originals erfaßt hat und wiedergiebt. Ein Vergleich mit der
Photographie nach dem Originale wird das Gesagte bestätigen.
Kunstwerke, wie Burgers Stich, sind seltene Früchte, die in
dieser Reife nicht oft geboten werden. Jhm gebührt in den
Annalen der Künst ein bevorzugter Platz. — Noch vor dem
besprochenen Stich nach Raffael vollendete Burger noch einen
anderen, ebenfalls nach einem der ersten italienischen Maler,
die „Flora" von Tizian aus den Uffizien zu Florenz. Jm
17. Jahrhundert befand sich das Bild im Besitz des spanischen
Granden Don Lopez in Amsterdam, wo es Sandrart gestochen

hat. Dieser Stich, wis so manche andere (von Piccini,
Prenner) waren nicht imstande, die Schönheit des Originals
zum lebendigen Ausdruck zu bringen. Dies blieb Burger
vorbehalten, dem es gelungen ist mit allem Raffinement der
modernen Kupferstecherkunst in die Jntentionen des Meisters
einzudringen. Tizians Flora ist, das zu einem Genrebild
umgewandelte Porträt eines reizenden Modells. Dem Stecher
ist nachzurühmen, daß er die reife Frauenschönheit sowohl im
Ausdruck des Gesichtes als auch in den schwellenden Körper-
formsn, den Glanz des reichen, über die Schultern herab-
sallenden Locksnhaares, das Musselin wie den Damaststoff,
jedes in seiner Art künstlerisch behandelt und durch die
Harmonie des Ganzen einen Effekt erzielt hat, der das Blatt
zu einem echten Kunstwerke stempelt. Beide Stiche erschienen
im Verlage von Stiefbold öL Comp. in Berlin. ck. 6. M.

— Von Raffacl Morghcns Stich nach dem Abendmahl
Lionardo's hat die Gesellschaft für vervielfältigende
Kunst in Wien, vielfachen Aufforderungen von Sammlern
und Liebhabsrn folgeleistend, eine Heliogravure in der Größe
des Originalstiches anfertigen lassen. Diese Heliogravure
empfiehlt sich durch ihre treffliche Ausführung; sie ist in der
That von dem Originalstiche nur bei genauester Betrachtung
zu unterscheiden. Um das Blatt allgemein zugänglich zu
machen, wurde der Prsis, trotz der sorgfältigsten Herstellung
der Abdrücke auf 24 Mark für Drucke auf chin. Papier, und
20 Mark für Drucke auf weißem Papier gestellt.

8vii. v. 8. Gescllschaft für Radirkunst in Weiinar. Wenn
schon dievorigjährigePublikationdiesesRadirvereins, (Weimar,
Kraus) vielseitiges Jnteresse erweckte, so wird sie doch von
der diesjährigen bei weitem übertroffen Die größsre Übung
in der Handhabung der Nadel, die sich in den neuen Blättern
kundgiebt, wie nicht weniger die sorgfältige Auswahl, welche
die aus tüchtigen Künstlern zusammengesetzte Jury unter
den einlaufenden Platten traf, schuf in dieser 1882 ger Aus-
gabe eine sehr anerkennenswerte Erscheinung. Die beiden
Linnigs, Vatsr und Sohn, sind diesmal durch zwei Blätter
mit humoristischen Vorwürfen vertreten, und die Mitwirkung
dieser Künstler allein wird dem Werke viele Freunds er-
werben. Besonders erwähnenswert sind ferner die Land-
schaften von Prof. Hagen, Lorentz, v. Gleichen-Ruß-
wurm, dis höchst effektvollen Stimmungsbilder von Fritz
von Schennis und die „Marine" sowie der „Norwegische
Bauernhof" von Rettig. Die beidsn lstztgenannten, höchst
malerischsn Blätter lassen kaum etwas zu wünschen übrig. —
Außer den Genannten betciligten sich noch an dieser 14 Blatt
starksn Sammlung der durch seine farbenfrischen Buchenwald-
Jnterieurs bekannte Landschafter Weichberger und die
Tiermaler Brendel und Ahrendts.

Aunstmiterricht und Aunstpflege.

Glasphotogrammc für dcn kunstwissenschaftlichcn llntcr-
richt. Professor Bruno Meyer inKarlsruhe hat seit einer
Reihe von Jahren ein Unternehmen vorbereitet, welches den
Zweck verfolgt, bei öffentlichen Vorträgen über kunsthistorische
Themata der Anschauung durch Anwendung der verbeffer-
tcn Laterne magica (Scioptikon) zu Hülfe zu koinmen. Die
betreffenden Kunstwerke werden in großen, weithin sichtbaren
Schattenbildern auf eine ausgespannte Leinwand projizirt.
Um dieselben sichtbar zu machen, bedarf es nur einer mäßigen
Verdunkelung des Raumes. Die Bilder werden mittelst so-
genannter Glasphotogramme erzeugt, von denen Professor
INeyer 4000 verschiedene vorrätig hält. Nähere Auskunft
giebt ein dieser Nummer beiliegender Prospekt.

Für Kunstzwcckc fordert der nächstjährige preußische
Staatshaushaltsetat u. a. folgendes: Zur Beklsidung des
königl. Schauspielhauses in Berlin mit Sandstein 135000 Mk.;
zurFortführung desBaues des naturwissenschaftlichenMuseums
500000 Mk.; für den Bau des ethnologischen Museums
800000 Mk.; für den Weiterbau der technischen Hochschule
450000 Mk.; für Reinigung und Zusainmenstollung der per-
gamenischen Funde 28000 Mk.; zur Erwelterung der Ver-
suchsanstalt der königl. Porzellanmanufaktur 22500 Mk.

Aunsthistorisches.

Aus Kopcnhagcn wird dcr Voss. Zeitg. geineldet: Auf
einem alten Begräbnisplatze bei dem Dorfe Nordrup im Amte
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