Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 18.1883

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Kunsttitteratur.

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sei frcmzösischen und viel späteren Ursprungs. Noch
Guisfrey (in der Uistoirs Asnsrirls äs lu ipuxiLssris)
läßt die genannte Technik in Frankreich im 13. Jahr-
hundert erfunden werden. So hielt man es, bis Kara-
bacek in seinem bekannten Werke über den Grafschen
Susandschird-Teppich aus gelehrten Griinden vvn
einer orientalischen Herkuuft der tapisssris äs bauts-
iisss sprechen konntc. Müntz ist in seiner unlängst
erschienenen lupisssris der Ansicht Karabaceks ge-
folgt. ^) Heute bedarf es keiner gelehrten Gründe mehr;
man hat in der Grafschen Ausstellung Gelegenheit, die
unwiderleglichen Beweise für das frühere Vorkommen
der Gobelinstechnik außerhalb Frankreichs mit eigenen
Augen zu sehen. Gerade in diesem, vielleicht wichtigsten
Teile der Stoffausstellung sind Proben von bester Er-
haltung sehr zahlreich zu finden.

Sehr merkwürdig sind ferner dieReste einerFrauen-
Tunika aus Byssus, „dem köstlichsten und berühmtesten
Florgespinnst der alten Welt't (Katalog, S. 8, 9).
„Unser Byssusgewand gehörte zweifelsohne einer vor-
nehmen Dame, deren langes, schwarzes Haupthaar, zum
Zeugnis dessen in den feinen Maschen des Gespinnstes
gesangen, hieher gelangte."

Ebenso mannigfach wie die verschiedenen Zweige
der Technik, die uns auf der Ausstellung begegnen,
sind die dort repräsentirten Arten von Gewändern und
von Ornamenten. Hemden, Uuterkleider, Überwürfe in
einfachen und reichverzierten Proben, Mützen u. a. m.
fesseln unseren Blick. Plüschartige Stoffe, genetzte
Stücke und die zahlreichen eingestickten oder aufge-
nähten Gvbelinsborten lassen auf eine hochentwickelte
Tcxtilindustrie schließen.

Auch die Ornamentik ist von großer Mannig-
faltigkeit. Auf vielen der Stoffe finden wir (in ver-
schiedener Technik ausgeführt) ein Blattornament, das
mehr oder weniger an die Pique auf den neueren
Spielkarten erinnert (besonders zu beachten Nr. 76,
202 und 403 bis 405). Daß sich dieses Ornament auch
auf Darstellungen Vvn Gewändern findet, beweisen die
Miniaturen in dem byzantinischen Manuskript (Paris,
Bibl. Nat. Coislin 79), welches sür den Kaiser
Nikephoros Botaniates (1078 — 1081) geschrieben
worden ist. ^)

(Schluß folgt.)

Aunstlitteratur.

— x. Neue Publikatioucn von Zules Rouam iu Paris.

Der rührige Verlsger der Zeitschrift 1,'ü.rt hat vor kurzem

1) Die persische Nadelmalerei Susandschird. Leipzig,
Seemann. 1881.

2) Vergl. den obenerwähnten Vortrag von Prof. Kara-
bacek. (S. 43.)

3) Vergl. Woltmann-Wörmann, Gesch. d. Mal. I.
S. 221—223.

drei neue Prachtwerke publizirt, deren vortreffliche typo-
graphische Ausstattung auf gleicher Stufe steht mit dem
Reichtum ihres künstlerischen Schmuckes. Es sind dies: llaris
lüttoresgns von M Ll. de Champeaup und F. E. Adain,
mit welchem Bande eine großartig angelegte Kollektion von
künstlerisch ausgestatteten Beschreibungen größerer französischer
Städte eröffnet wird, fernsr: ^ travsrs Vsniss von Jules
Go urdault, ein Werk, welches uns ein interessantesBild vo»
allen Herrlichkeiten der Lagunenstadt darbietet, und endlich
eine Arbsit aus der Feder Ernst Chesneau's unter dem
Titel: I-ss Vrtistss unAluis vontsmporaius, auf welches wir
später zurückkommen werden.

— x. Der Schä-el Raffaels. Den Festschriften, welche
bei Gelegenheit des Raffaeljubiläums publizirt und in der
Kunstchronik erwähnt wurden, ist noch eine Abhandlunq des
bekannten Anthropologen und Präsidenten des Rheinischen
Altertumsvereins Prof. H. Schaafshausen in Bonn anzu-
reihen. Sie führt den Titel: Der Schädel Raffaels,
(Bonn, Max Cohen L Sohn) und giebt in eingehendster
Weise die Resultate der Beobachtungen und Messungen, welche
derVerfasser im Jahre 1882 am Schädelabguß Raffaels, imBe-
sitze der Cong'i'SK. äsi Virtnosi al kantson, vorgenommen
hat. Wir begnügen uns nur einzelne interessante Punkte her-
vorzuheben Raffael besaß ein schiefgestelltes Nasenbein, ähn-
lich wie Schillsr. Mehrere Merkmale des Schädels erinnern
an das weibliche Geschlecht, so daß, „wenn das Grab Raffaels
nicht sicher festgestellt war. ein Zweifler fragen könnte, ob
dies den wirklich Raffaels Schädel sei, ob nicht etwa der
seiner Braut, der nahe seiner Gruft bestattetsn Maria
Bibbiena uns vorläge." Der Horizontalumfang des Schädels
beträgt nur 502 niin. Dem würde ein Schädelvolumen von
1343 esiii entsprechen. Jm Verhältnis zu den Schädeln
anderer berühmter Männer und insbesondere Bonner Ge-
lehrter, die der Verfasser selbst gemessen hat und namentlich
anführt, erscheint Raffaels Schädel auffallend klein. Der
Verfasser ist geneigt, in demselben Spuren des umbrischen
Raffentypus zu erkennen. Der gelehrten Abhandlung sind
zwei Abbildungen des Raffaelschen Schädels beigegeben.

x.— Von Roscnbergs Geschichte dcr modcrnen Kunst ist
wieder eine neue Lieferung erschienen (Leipzig, Grunow).
Der Jnhalt dieser dritten Lieferung bildet die Fortsetzung
des zweiten Abschnittes der Geschichte der französischen
Malerei von 1852 bis 1882 und behandelt die Schulen
Meissoniers, Cabanels und Gsröme's, ferner Fromentin und
Gleyre.

« Neue Baedeker. Das allbekannte „rote Buch", das
dem deutschen Reisepublikum die Welt erobern hilst, hat schon
lange das Anrecht darauf, auch in einer Fachzeitschrift für
bildende Kunst niit Ehren genannt zu werdsn. Jn fast allen
seinen Teilen, speziell in den Handbüchern für Jtalien und
die Niederlande, sind nicht nur die Denkmäler und Museen
eingehend berücksichtigt, sondern ein Bonner und ein Leipziger
Profeffor eigens dafür gewonnen, dem reisenden Kunstfreunde
das zu seiner Vorbereitung Notwendige in übersichtlichen Ein-
leitungen mit Anmut und Würde vorzutragen. Die voriges
Jahr erschienene zehnte Auflage des dreibändigen „Jtalien"
zeugt in erfreulicher Weise sür die dauernden und erfolgreichen
Bemühungen in dieser Richtung. Jetzt ist auch Griechen-
land, die Urheimat unserer europäischen Kunst, in die Reihe
der Baedekerschen Reisehandbücher eingetreten. Ein glück-
liches Zusammentreffen mit dem endlichen Schluß der Oon-
tsrsnLS ü gus.tre, welcher uns den direkten Eisenweg über
den Balkan bis an das griechische Meer in nahe Aussicht
stellt! Rach der Einrichtung des Buches, welche ganz nach
dem bewährten Muster der übrigen Teile getroffen ist, könnts
man sich denken, das Reisen in Griechenland sei so beguem,
wie bei uns zu Lande, und jedenfalls wird das Baedekersche
Buch mächtig dazu beitragen, daß wir uns dem ersehnten
Ziele nähern. Auch dieser Teil beruht wiederum vollständig
auf persönlicher Anschauung. Der Text rührt im wssentlichen
von Or. Lolling her, welcher das Land durch zehnjährigen
Aufenthalt und zahlreiche Reisen genau kennt. Den Abschnitt
über Olympia haben vr. Dörpseld und vr. K. Purgold
gearbeitet, beide von den dortigsn Ausgrabungen rühmlich
bekannt; letzterer steuerte auch andere archäologische und
museographische Details bei. Die kunsthistorische Übersicht
in der Einleitung stammt aus der bewährten Feder Reinh.
Kekuls's. Aufgefallen ist uns, daß die geschichtlichen Daten
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