Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 18.1883

Page: 237
DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kunstchronik1883/0121
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
237

Die Hamiltonschen Manuscripte im Berliner Kupferstichkabinet.

238

reichend sein, wenn für Aufstellung der Bücher und
Schriftstücke eine Höhe von 4—4^ rn, also nur so
viel, als mit einer einfachen Büchertreppe erreichbar
ist, bestimmt würde. Ohne den Beistand des Biblio-
thekars werden die Reichstagsmitglieder schwerlich den
Bibliotheksaal benutzen; außerdem ist für ihre Be-
schäftigung das besondere Lesezimmer vorhanden. Die
Unterbringung der Bibliothek gerade im Hauptgeschofse
ist demnach als Bedürfnis nicht erwiesen. Das Lese-
zimmer für Tageslitteratur nebst Schreibzimmern so-
wie das Ersrischungslokal liegen verhältnismüßig weit
ab vom Foyer. Ferner ist die Notwendigkeit, den
Bllreaudirektor mit seiner Kanzlei gerade im Haupt-
geschosse unterzubringen, sehr zweifelhaft; das alte
Programm von 1872 besagte namentlich, daß diese
Räume im untersten Geschoß liegen solltcn, das neue
Programm von 1882 verlangt auch nur, daß sie nahe
bei den Räumen des Präsidenten sich befinden möchten.

Betreffs des Äußeren hat, bei aller sonstigen
Stattlichkeit der Erscheinnng und bei allem reichen
Schmuck, das Gebäude nicht das Gepräge eines
solchen für den deutschen Reichstag. Auch ist
dieser Schmuck nicht so bedeutungsvoll, um mehr als
bloße architektonische Auszierung zu sein. Die behufs
Erhöhung d er Gebäudemasse auf den Eckrisaliten
angebrachteü Aufbauten tragen weder zur Charakteristik,
noch zur Verschönerung des Bauwerkes etwas bei und
sind darum zu tadeln. Sehr bedenklich in ihrem Werte
ist die äußere Bekrvnung über dcm Sitzungssaale.
Diese Bekrönung ist eine kolossale Laterne, dazu be-
stimmt, das Tageslicht von den Seiten her dem Glas-
plafond des Sitzungssaales zuzuführen (warum nicht
direkt von oben her, da bei der nvrdlichen Lage Berlins
die Sonne doch nie im Zenith stehen wird?) und für
die Nachtzeit die elektrische Beleuchtung aufzunehmen.
Die Gestaltung der Laterne spricht ihren Zweck mittelst
ihrer Form, ihrer Gliederungen und Ornamentirungen
nicht aus. Sie ist teilweise über einer großen Anzahl
Stufen oberhalb der Saalmauern in die Höhe geführt
und crscheint fast wie ein Sitzungssaal selbst, ist aber
nur die Umhüllung eines untergeordneten Vacuums.
Eine derartige Gestaltung, eine solche blvße Laterne,
wird schwerlich ein geeignctes Sinnbild oder Kenn-
zeichen sür Deutschlands Reichstagsgebäude abgeben
können, mitsamt ihren modernen Renaissancesormen.
Fällt diese Laterne weg, fallcn die erwähnten Eckturm-
aufbauten fort, also diese charattcrgebensvllenden Archi-
tekturstückc, so bleibt nichts als ein stattliches Banwerk,
das ebcnsogut und cher ein Palast, eine Bibliothek oder
etwas Ähnliches sein könnte, als wie ein deutsches
Parlamentsgebäude.

Bezüglich der Außengestaltung des zweiten, nener-

dings mit dem ersten Preise belohnten Entwurfs von
Fr. Thiersch ist folgendes zu bemerken:

Jm Kern präsentirt er sich als schöner dreistöckiger
Palast. Übcr seine Mitte ragt aber eine hohe Kirchen-
kuppel (trotz der Kaiserkrone statt der üblichen Laterne
mit Kreuz oberhalb) mit vier flankirenden Glockentürmen
hervor, so daß das Ganze eher ein Klostergebäude mit
zentraler Kirche zu sein scheint, als ein Bauwerk, in
welchem der deutsche Reichstag zu wirken berufen ist.
Größe und reiche Ausstattung sind nicht ausreichende
Mittel, um ein Bauwerk nionumental erscheinen zu lassen;
weder stattliche Plandisposition noch ähnliche Griffe
vermögen da durchzuhelfen, wenn dieGesamtkomposition
etwas anderes zur Erscheinung bringt, als das, wozu
das Bauwerk bestimmt war, was es durch sich selbst
hätte aussprechen sollen. — Wenn aber das Werk
manches zu sein vermuten läßt, nur nicht gerade das,
was sein Berfasser bezweckt hatte und was es in Wirk-
lichkeit sein sollte, so muß es verfehlt genannt werden,
doppelt verfehlt, wenn auch die Planeinteilung Mängel
aufweist.

(Schluß folgt.)

Die Hamiltonschen Astanuscripte im Berliner
Aupferstichkabinet.

II.

Der Dante des Botticelli, aus welchem wir
unseren Lesern demnächst ein interessantes Blatt vor-
führen werden, nimmt unter den Bilderhandschriften
insofern eine Ausnahmestellung ein, als wir mit dem-
selben eine bestimmte, uns wohlbekannte Künstler-
persönlichkeit verbinden können, deren Autorschaft zum
Überfluß noch durch eine Jnschrift gesichert ist. Dage-
gen stehen wir den eigentlichen Bilderhandschriften,
d. h. den Arbeiten der berufsmäßigen Miniatoren voll-
kommen ratlos gegenüber. Angesichts dieses großen,
uns urplötzlich zugewachsenen Materials werden wir
inne, daß trotz der Vorarbeiten Waagens, Woltmanns
und Buchers für eine Geschichte der Miniaturmalerei
und namentlich für die Stilkritik der verschiedcnen
Schulen noch nicht einmal halbwegs sichere Funda-
mente geschaffen worden sind. So ist man z. B. über die
Persönlichkeit des berühmtesten der italienischen Minia-
turenmaler, des Marcv Attavante, mit dessenNamen
die drei prächtigsten Stücke der Haniiltonsammlung
verbunden worden stnd, noch keineswegs im klaren.
Vasari, dessen Angaben über Attavante an außerge-
wöhnlicher Konfusion leiden, nennt ihn einen Zeitge-
nosscn des 1455 gestorbenen Fiesole. Wir wissen abcr
aus Urkunden, daß Attavante noch bis 1511 thätig
war, und zwar in Florenz, und daß er in den acht-
ziger Jahrcn sür den König Matthias vou Ungarn,
loading ...