Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 18.1883

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Dio Ausstellung der k. Porzellan-Manusaktur zu Berlin.

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während dieser ihn wieder durch Vielseitigkeit und durch
den Reiz übertrifft, den eine scharf ausgeprägte Jn-
dividualität iimner ausübt.

Adolf Rosenbcrg.

Die Ausstellung der k. s)orzellan-Manufaktur
zu Berlin.

Wie am Beginn des verftossenen, so hat auch in
diesem Jahre die Direktion der königl. Porzellan-
Mannfaktur zu Berlin iin Knnstgewerbeniuseuni eine
Ausstellung veranstaltet, deren Zweck es ist, sowohl
weiteren Kreisen als auch Jnteressenten dic Möglichkeit
zu gewähren, sich Uber die Thätigkeit resp. die Fortschritte
des Jnstituts iin Jahre 1882 cingehcnd zn informiren.
Der kommissarische Direktor der Manufaktur, Geheimer
Oberregierungsrat Lüders, hat bei dieser Gelegenheit
einen kurzen Bericht drucken lassen, wclcher dem Bc-
sncher der Ausstellnng die notwendigen Erläntcruiigen
zu geben bestimmt ist.

Es handelt sich hier nicht um eine Schaustellung
der knnstlcrisch wertvollsten oder uä tioo angefertigter
Arbeitcn, svndcrn es sind im Gcgenteil nur solche Ob-
jekte zur Ausstellung gelangt, ivelche in künstlerischcr
oder tcchnischer Hinsicht irgend cinen Fvrtschritt gegen
frühcre Arbciten anfwcisen.

Beim Schmuck des Hartpvrzcllans nimmt sich
die Manufaktur die gnten alten Muster ihrcr früheren
Blütezeit znm Vorbild. Bvr allem in der Blumen-
malerei strebt man dahin, die alten vollendeten Arbeiten
zu erreichcn, nnd ist ihnen in manchem Stück schvn recht
nahe gckommen. Ferner geht man darauf aus, die
bemalten Figürchen in der Karnation namentlich zu
verbessern; was man darin erreicht hat, zeigt eine kleine
Venusstatuette, welchc den alten Arbeiten kaum noch
nachstehen dürfte. Hand in Hand mit der Pflege der
Malerei geht die Wiederbenutzung dcr alten oder Her-
stellung guter neuer Modelle; so ist z. B. ein neu
modellirter Aufternteller in verschiedenstem Dekor aus-
gestellt, ein Muster vvn Zweckmäßigkeil und Eleganz.
Hat in Bezug auf Verzierung des Hartporzellans die
Manufaktur jetzt unzweifelhaft alle anderen Fabriken
überflügelt, so steht sie einzig und unübertroffen da aus
dem Gebiet dersarbigenGlasuren. Die Herstellung
einer möglichst großen Skala für Scharffeuerfarben, ein
altes Problem, mit dem sich zahlreiche Fabriken seit
langem beschästigen, ist der königl. Manufaktur in
ziemlich weitem Umfange gelungen; besonders schöne
Effekte sind mit denjenigen Glasuren erzielt, welche
auf eine untere Glasur aufgeschmolzen beim Brennen
Risse bekommen. Es ist jetzt möglich geworden, diese
rissige Oberfläche sowohl in gleichmäßiger Verteilung

der Glasurcn herzustellen, als auch mit glatten Flächen
zusammen auf einem und demselben Gerät anzubringen.
Alle in dieser Weise verzierten Geräte sind von ganz
besonderen Reiz und schnell beliebt geworden. Besonders
eignen sie sich zur Montirung mit Bronze, als Lampen-
körper, Vasen mit Henkeln und dergl.: es eröffnet
sich hier ein weites Feld für künstlerische Thätigkeit.
Der Versuch, die farbigen Glasuren zur Herstellung
von Fliesen (Wandbekleidungsplatten) zu benutzen, darf
heute schon als gelungen bezeichnet werden, vbwohl
nur die ersten Proben ausgestellt sind: sie haben
jedenfalls vor den gleichen Arbeiten in Fayence den
Vvrzug unvergleichlich größerer Dauerhaftigkcit und
Wohlfeilheit.

Weit reicher ist natürlich die Farbenskala der
Glasuren auf demjenigen Material, welches bei ge-
ringeren Hitzegraden als das Hartporzellan gar brennt:
dem nach seinen Erfinder, dcm Vorsteher der Versuchs-
anstalt vr. Seger, genaunten Segerporzellan. Eine
große Menge Proben dieser Spezialität der Manu-
faktur aus zum Teil aä lloo modellirten Formen zeigt
oft ganz überraschende Effekte. Eine neu erfundeue, in
zahlreichen Abtönungen vvrhandene rosa Glasur, dem
rc>86 Oribarr/ Vvn Sövrcs am nächsten stehend, ist dazu
verwandt ein Frühstücksservice in Segerpvrzellan zu
dekoriren: ein Dutzend Teller davon sind im Spiegel
mit Landschaften in Braun und Blau unter Glasur von
Engelhardt, ein zweites Dutzend mit Blumen in Blau
und Gold vvn Schenker gemalt. Das Ganze von
höchster Vornehmheit, einer fiirstlichen Tafel würdig.

Als wichtigste Errungcnschaft des verflossenen
Jahres bczeichnct dic Manufaktur selbst dic Herstellung
des brillanten chinesischen Rot (Nanking-Rot) durch
I)r. Seger. Diese in verschiedenen Nüancen, besonders
schön in der blau, gelb und rvt geflammten, herzu-
stellende Glasur hat vor der chinesischen noch den großen
Vorzug, daß sie die Bemalung mit Emailsarben und
Bergoldung zuläßt, was bei den chinesischen Stücken
nicht mvglich ist: es ist durch diese hochwichtige Er-
findung ein ganz neues Gebiet eröffnet, auf dem sich
die dekorative Kunst versuchen kann. Die übrigen aus-
gestellten Proben haben zum Teil ein speziell technisches
Jnteresse und beanspruchen nicht mehr, als Bersuche
zu sein. Die dekorativen Leistungen der Manufaktur,
auch in Bezug auf Gebrauchsgeschirr, lasien heute schon
die gleichen Arbeiten von Meißen und anderen großen
Fabrikeu weit hinter sich. Man fühlt, daß hier ein
frischer Wind weht, der manches Alte schon weggefegt
nnv Neuem Platz geschaffcn hat. Der oben erwähnte
Bericht giebt selbst zu, daß „vhne die engen Beziehungen,
welche zwischen den technischen und künstlerischen Kräften
gepflegt werden, die Erfolge nicht hätten crzielt werden
können, von denen die Ausstellung Kunde giebt". Die
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