Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 18.1883

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Vo»i Christ»iarkt.

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mit dm Fresken der Villa Farnesina auf.

Nicht an Raumbeschränkungen gebunden,
konnte Thumann oon ninors dem Zuge
seines Herzens folgen, und da der hübschen
Scenen gar viele sind, die zu bildlicher
Verwirklichnng verlocken, hat er sich nicht
auf die neun getuschten Kreidezeichnungen,
welche die Hauptmomente der Geschichte
vorführen, beschrankt, sondern eine Anzahl
Federzeichnungen hinzugefügt, die, photo-
typisch vervielfältigt, in den splcndid ge-
druckten Text eingestreut sind. Zudem läßt
cr in verzierten Anfangsbuchstabcn und
Schlußvignetten den Grundton eines jeden
der sechs Gesänge an- und ausklingen.

Die Freundlichkeit des Vcrlegers setzt uns
in Stand, einige dieser reizvollen Erfindun-
gen unserer Besprechung beizufügen.

Noch ein zweites Mal begegnen wir
Thumann auf dem heurigen Christmarkt.

Zu einer, wie es scheint, unvollendet
gebliebenen Arbeit von Arthur v. Ram-
berg hat er die Ergänznng geliefert in
zwei grau in grau gemaltcn Scenen des
von unserer Zeit kaum noch mit sonder-
lichem Genuß gelesenen Jdhlls „Luise" von
Joh. Heinr. Voß, von wclchem der
Grote'sche Verlag dcn von Ramberg hinter-
lassenen vier Kompositioncn zu Liebe eine
in großem Quartformat gedruckte Pracht-
ausgabe veranstaltet hat.

Die hausbackenen Figu-
ren, die sich um den
ehrwürdigenPfarrer von
Griinau gruppiren, sind
gewiß wenig geeignet,
eine Künstlerscele zu
höherem Schwunge zu
begeistern. Beide Jllu-
stratoren haben ihr
möglichstes gethan, um
ans dem gegebenenMa-
terial etwas zu schaffen,
was anziehender und
lebendigcr wirkt als die
mehr in die Breite als
in die Tiefe gehende
Dichtung. Die sechs Ge-
mälde, von denen „Das
Frühstück im Walde" Aus Sturms MLrchcn,

(Thumann) und „Die Brautschmückung"
(Ramberg) den Vorzng verdienen, sind
durch Lichtdruck vervielfältigt, dann in der
Art der Photographien mit Lack über-
gangen und auf starken Karton gezogeu,
eine Behandlungsart, die Bild und Text-
druck in einen scharfen Gegensatz treten
läßt. Einen freundlichen Schmuck haben
die Anfangsseiten eines jeden Gesanges
durch Kopfleisten von G. Nehlender er-
halten, Kinderfricse, weiß auf schwarzem
Grunde, in denen der Humor, für den Bvß
kein Verständnis hatte, ein paar Worte
drein redet, die zur Aufbesserung der
Stimmung ganz am Platze sind.

Jn weit bescheidenerer Form und
Ausführung treten uns die hübschcn Er-
findungen entgegen, mit denen Olga Vvn
Fialka(Wien) cinBändchcn kleiner sinniger
Märchen von Julius Sturm (Leipzig,
Breitkopf L Härtel) geschmückt hat. Die
Künstlerin hat offenbar von Ludwig Richter
gelernt, und wenn sie auch nicht den ener-
gischen Strich des trefflichsten aller modcr-
ncn Jllustratoren erreicht und hin und
wieder das volle Verständnis der Form in
den Figureu vermissen läßt, so sind ihre
Gebilde doch von jenem gemütvollen, nicht
selten ins Schalkhafte spielenden Znge be-
herrscht, welcher den Schöpfungen Rich-
ters ihren klassischen,
von dem Wechsel des
Geschmacks unberührtcn
Wert verleiht. Die
Kompositionen bewegen
sich in dem engen Rah-
men einer Rand- oder
Kopfleiste frei und lcicht;
außerdem sind noch kteine
Holzschnitte in den Text
und an den Schluß jeder
Märchenerzählung hin-
zugefügt, welche die
Handlung illustriren vder
eigne Gedanken aus dem
Sinne derDichtung ent-
wickelu. Die diescnZcilcn
beigefügten Proben sind
dem Märchen von dem
Schulnieister Hurrli-
illustr. von O. v. Fialka. Purrli entlehnt.
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