Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 18.1883

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Der Pariser Salon.

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erklommen worden, und da die gallische Beweglichkeit
ein längeres Hüten des Eroberten nicht gestattet, geht
es langsam wieder bergab, und man zerstreut sich lang-
sam nach verschiedenen Richtungen, die sich bereits in
mehr oder minder scharfer Ausprägung erkennen lassen.

Damit soll aber nicht gesagt sein, daß an nack-
ten Figuren, die unter irgend einem Vorwande aus-
gestellt sind, ein Mangel ist. Jm Gegenteil. Aber
es macht sich mehr und mehr eine Vernachlässigung
der Zeichnung, eine summarische Behandlung der
Modellirung zu gunsten des reinen Kolorismus be-
merkbar. Die Akademiker und ihr Anhang stellen zwar
nach wie vor ihre blanken Porzellanfiguren und ihre
rosigen Marzipanpüppchen aus. Bouguereau hat
die schwebende Figur der Nacht und eine ^lma
parsu8, welche von neun nackten Knäbchen belagert
ist, mit seiner bekannten unanfechtbaren, aber unge-
mein frostigen Korrektheit gemalt. Äules Lefebvre's
Psyche, welche mit ihrem Salbgefäß am felsigen
Gestade des Acheron den Nachen des Charon erwartet,
ist so süßlich und slau im Kolvrit wie die Vignette
einer Bonbonnitzre. Man kann es den Künstlern
nicht verdenken, welche sich angesichts dieser slauen,
charakterlosen Malerei weigerten, ihrem Urheber,
welcher um die Ehrenmedaille des Salons kandidirte,
ihre Stimme zu geben. Die Erinnerung an die
„Wahrheit" von 1870 war nicht mehr mächtig genng,
um die Wagschale zu gunsten Lefebvre's zum Sinkenzu
bringen. Auch der Umstand, daß die Ehrenmedaille
Uberhaupt nicht zur Verteilung kam, ist für diesen
dritten Salon der Künstler charakteristisch. Jm vori-
gen Jahre trug sie noch ein Vertreter der alten Schule,
Puvis de Chavannes, davon, in diesem Jahre konnten
sich die Stimmen schon nicht mehr einigen, und im
nächsten Jahre wird sie voraussichtlich einem Vertreter
des neuesten Naturalismus anheimfallen, welcher schon
im diesjährigen Salon so kühnlich sein Haupt erhoben
hat, daß ihm ein sehr wesentlicher Charakterzug in der
Physiognomie desselben verdankt wird. Es ist unver-
kennbar, daß der einfache Bauernsohn, welcher vor neun
Jahren in Barbizon ein kümmerliches Dasein beschloß,
in der kurzen Frist, welche seit seinem Tode verflofsen
ist, einen mächtigen Einfluß auf die französische Malerei
gewonnen hat. Die Wertschätzung Millets spricht sich
nicht nur in den ungemeffenen Summen aus, welche
für seine ländlichen Jdyllen gezahlt werden, sondern
in viel stärkeren Maße m der großen Zahl seiner
Nachahmer, welche die sinosrits um jeden Preis auf
ihre Fahne geschrieben haben. Millet und Proudhon
waren Geistesverwandle, obschon der erstere sich nicht
sonderlich viel um die Politik bekümmerte. Er hat
die Wege geebnet für jene Maler, welche heute mit
feierlichem Pathos das Evangelium proklamiren, daß

die Kunst nichts Befferes thun kann, als sich mit voll-
ster Entäußerung aller ererbten Anschauungen und
Überlieferungen in die Einfachheit des Landlebens zu
vertiefen und die Landleute in ihrer primitiven Um-
gcbung und in ihren Hantirungen so wiederzugeben,
wie sie das nüchterne, blöde Auge des durch keine
Civilisation verdorbenen Naturmenschen sieht. Was
die klassischen Meister von Kolorit und Helldunkel, von
Stil und Größe der Auffaffung, was David von der
Komposition, was Prud'hon vor» Licht, was Delacroip
von der Farbe gewußt haben, sei vergessen und be-
graben! Resoluter Bruch mit der Tradition! Alles
über Bord geworfen, was das steuerlose Fahrzeug des
Naturalismus beschweren könnte. Courbet hat noch
etwas von den Venetianern, von Caravaggio gehalten.
Der Thor! Ednard Manet hat gezeigt, wie man
diesen falschen Götzen gegenüber seine Unabhängigkeit
bewahren muß. Jules Breton hat im Gegensatz zu
Millet die poetische Seite des Landlebens aufgegriffen
und ist dieser seiner Auffassung noch heute tren ge-
blieben, wie zwei köstliche Jdyllen des Salons, der
„Regenbogen" und der „Morgen", beweisen. Der
Schönfärber und Lügner! Bon Bastien-Lepage
mag er lernen, wie die Bauern in Lebensgröße ohne
romantische Beleuchtung aussehen, von diesem Haupte
der naturalistischen Maler mag er lernen, daß seine
Bauern nur die Bauern Ler Operette sind. lün xlsin
uir! sn. xlsins luraiörs! Das ist das Kriegsgeschrei
dieser radikalen Schule, welche das Häuflein der
impressionistisch gestimmten Maler schnell in den
Hintergrund geschoben hat. Die dritte Republik, bis
jetzt die konservativste der drei, muß das Schauspiel
erleben, daß sie den schwersten Kampf um ihre
Epistenz mit den unheimlichen Gewalten der sozialen
Revolution zu bestehen hat, und auch die Malerei
schließt sich diesen Gewalten an, indem eine scharf aus-
geprägte, in kräftiger Entwickelung stehende Richtung
derselben den vierten Stand mit dem gleichen rhetori-
schen Pathvs feiert, mit welchcm David seine Römer
in Scene gesetzt hat.

Bastien - Lepage ist der gefeierte Banner-
träger dieser Richtung. Cabanel, sein Lehrer, diese
Jnkarnation des kühlen, vornehmen Akademikertums,
muß sein Haupt verhüllen, wenn er diesen abtrünnigen
Revolutionär sieht, welcher eine jugendliche Heeresfolge
in seine Bahnen reißt. Als den Chef der Schule kann
man ihn dabei gar nicht cinmal bezeichnen. Denn
von dem Gleichstrebenden sind ihm einige, wie L h er-
mitte, Leloir, Aims Perret, Laugse der jüngere
ebenbürtig, während Laugöe der ältere schon viel
früher als er lebensgroße Bauern und Bäuerinnen in
vollem Licht, d. h. mit ganz hellen Tönen unter gerad-
einsallender Beleuchtung gemalt hat. Seine „Wäsche-
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