Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 18.1883

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Nekrologe.

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drei Gruppen ein. Die erste bchcmdelt die „natiirlichen
Grnndlagen" deS Ornaments (geometrische, pflanzliche,
tierische und menschliche Formcn); die zweite bringt
das „Ornament als solchcs", gcvrdnct nach dcn Funk-
tionen desselben (als Band, sreie Endigung, Flächen-
verzierung u. s. w.); die dritte cndlich zeigt das
„Ornamcnt in seiner wirklichen Verwendnng" (an Ge-
räten, Gefäßcn, Schmncksachen, Bauteilen, in der Heral-
dik n. s. f.). Für alle drei Abtcilnugcn ivird der voll-
ständige Jnhalt bercits im Prospckt angegeben, und dic
bisher erschienenen 50 Tafeln gewähren uns ein klares
Bild von der Art, in welcher das Ganze durchgeführt
werden wird. Für den Schulgebrauch sind besvndere
Bemerkungen Vvrausgeschickt, welche den guten Ein-
druck, den schon die Taseln machen, dahin vervoll-
ständigen, daß es sich hier durchaus nicht uin eine
bloße Schule der Handfertigkeit, sondern um die Ein-
führung in ein wichtiges Gebiet künstlerischer Gedanken-
arbeit handclt, wie sie nur ein geschichtlich und ästhetisch
durchgebildeter Lehrer zu bieten im stande ist. Dem
systematisch geordneten Lehrstoff, welcher dem Schüler
in den Taseln zum Kopiren unterbreitet wird, haben
nach der Überzeugung des Verfassers Erläuterungs-
vorträge kunstgeschichtlicher und technischer Art zur seite
zu gehen. Der Schüler soll nicht nur die Formen-
sprache lesen und verstehen, er soll in ihr auch Neues
schaffen lernen. Dieses Resultat kann nnr durch das
Zusammenwirken jener zwei Faktoren erzielt werden.

Dcr Autvr giebt uns über die Art der Durch-
fllhrung seiner Grundsätze an der Karlsruher Kunst-
gewerbeschule dankenswerte Auskünfte. Das Wichtigste
daraus ist, daß von dem Unterricht alles geistlose, bloß
manuelle Nachahmen ferngehalten wird. Jnneres
Verständnis ist die Hauptsache. Der Verfasser wünscht
auch die Tafcln seines Werkes in dcrselben Weise ver-
wendet zu sehen; sie sollen nicht kopirt, sondern in
einem doppelten vder vervielfachten Maßstabe nachge-
zeichnet werden.

Von den bisher uns vorliegenden Blättern be-
handeln Taf. 1—20 die geometrischen Grundlagen des
Ornamcnts, vom geivvhnlichen Onadratnetz bis zu
den komplizirten Bogen- und Gewölbeformen. Überall
zeigt sich das Bestreben, die Motive aus ihrem Kern
heraus zu entwickeln und ihre gesetzmäßige Verwendung
anzndeuten. Taf. 21 — 40 reihen daran die Haupt-
mvtive der pflanzlichen Ornamentik, zunächst die antiken,
wie Akanthus, Lorbeer, Lotus, Papprus u. s. w., dann
die mittelalterlichen und modernen, Hopfen, Ähren,
Winden u. dergl. Die Formen werden erst in ihrer
natllrlichen, dann in ihrer stilistischen Erscheinung
vorgeführt. Den Beschluß dieser Tafelnreihe bilden
einzelne schöne plastische Blumen- und Fruchtge-
hänge. Darauf folgt die Fauna des Ornaments, be-

ginnend mit dem Lvwen, der auch der König der
ornamcntalen Tierwelt ist; Tiger, Panthcr, Widder,
die phantastischen Gcstalten der Chimära, des Greifs
u. a. schließen sich an. Den Adler und das sonstige
Geslügel, dann die halbmcnschliche und cndlich die
menschliche Formenwelt werden die nächsten Lieferungen
bringen, denen wir mit lebhaftem Jnteresse entgegen
sehen.

Es brancht kaum noch besvndcrs hervvrgehoben
zu werden, daß ein so gut angelegtes Schulwcrk auch
dem gewerblichen und vrnamentalen Musterzeichner
hochwillkommen sein muß. Es bietet ihm nicht nur
eine Fülle schvn und sorgsältig gezeichneter Motive dar,
sondern es cmpfiehlt sich ihm namentlich durch die
übersichtliche, von praktischem Sinn zeugende Anordnung
des Stoffes.

Die Herstellung der Tafeln (durch lithvgraphischen
Umdruck) und die svnstige AuSstattung des Werkes
haben durchweg den Charaktcr gediegener und geschmack-
voller Einfachheit, wie wir ihn fllr solche Werke nur
Wünschen könncn. U.

Nekrologe.

Jost Schiffmann ch. Am II. Mai ist zu München der
Landschaftsmaler Jost Schiffmann aus dem Leben geschieden.
Derselbe war am 24. August 1822 in Luzern geboren und
stammte aus einer alten Patrizierfamilie. Nachdem er sich
srüh der landschaftlichen Kunst zugewendet, studirte er zehn
Jahre in Rom und siedelte hierauf nach Münchsn über, wo
er in stiller, fleißiger Arbeit und danebsn in eifriger Hin-
gabe an die Werke der alten Knnst volle zwanzig Jahre ver-
lebte. Der Tod seines einzigen Kindes, dem die Muttsr
vorausgegangen, trieb ihn von München weg, und er wählte
Salzburg zum Aufenthalte; seine reiche kulturgeschichtliche
Sammlung aber ging an Hans Makart über, mit dem er
befreundet und vsrwandt war. Jn Salzburg wurde ihm die
Leitung des städtischen Museums Carolino-Augusteum über-
tragen, in welchsr Stellung er eine für die Entwickelung des
Kunstgewerbes und für die Gestaltung derartiger Museen
bahnbrechende Thätigkeit entfaltete. Jnfolgs der feuchten
Lokalitäten zog er sich ein schweres Gichtleiden zu, welches
seins Finger so krümmte, daß er außer stande war, einen
Pinsel zu führen. Die Einrichtung des reizenden kleinen
Mnseums fand in Wien wenig Beifall und galt dort manchen
als „unwissenschaftlicher Tand". Jn seiner Thtttigkeit mehr
und mehr gehemmt, körperlich leivend und der ewigen An-
feindungsn müde, gab Schiffmann nach zehn Jahren emsigen
Schaffens seins Stellung als Museumsdirektor auf und kshrte
1881 nach München zurück, um sich, an der Seite seiner
zweiten Frau, einer Notabilität auf dem Gebiets der Kunst-
stickerei, wieder in aller Stille ssinen kunstantiguarischen
Neigungen hinzugeben. Bei schwachem Körperbau war Schiff-
maiin außer stande, einer wiederholten Brustkrankheit erfolg-
reichen Widerstand zu leisten. Jn den Kreis seiner Freunde
hat der Tod des wackeren und lisbenswürdigen Künstlers
eine empfindliche Lücke gerissen. Carl Albert Negnet.

-ii. Iohannes Klein-f. Am8. d.M. starb zu Venedig der
Maler Johannes Klein, Mitglied der Akadeinie der Künste in
Wien und der österreichischen Centralkoiiiinission für Kunst-
und historische Denkmale. Er starb ganz plötzlich in einer
Gondel auf dem Wege von der Eisenbahnstation zum Gast-
hofe. Klein, 1823 in Wien geboren, war Schüler von Führich,
studirte nachher in Vencdig ünd nn anderen Ortcn die Kirchen-
malereien des Mittelalters und vsrlegte sich ganz auf die
kirchliche Malerei im extremsten archaistischen Stil. Seine
mit vielem Talent komponirten Bilder haben dadurch stwas
Bizarres; er war aber, wie kein anderer, der Maler nach dem
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