Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 18.1883

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Ein Pseudo-Vermeer in der Berliner Galerie.

jetzt aufgehcingt unter Nr. 796 6 und wird iu dem
Katalog, S. 218 ff., wie solgt, beschrieben:

„Das Landhaus. Jm Mittelgrunde, die voll
vou der Sonne beleuchtete Giebelseite eines weißge-
tünchten Haufes mit roten Feustcrladen, auf welchcn
die Schatten von zwei hohen links zur Seite stehenden
Bäumen spielen. Daneben rechts die mit Wein be-
rankte Mauer eincs hoheren Gebäudes mit rvtem
Ziegeldach; vor demselben ein Ziehbrunnen. Born
links ein Baumstunipf. Jn der Thür des Hauses die
Frau, uuter den Bäumeu der Mauu, ueben ihm eiu
Kind; am Brunnen ein Knecht".

Darunter lesen wir: „Hervorragendes Werk aus
der früheren Zeit des seltenen Künstlers, aus-
gezeichnet durch die Feinheit, mit welcher die Wirkung
des Sonnenlichtes bei voller Wahrheit wiederge-
geben ist. Leinwand, hoch 0,47, breit 0,39"/

Das Bild ist hübsch, man spürt darin ein glück-
liches Studium nach de Hooch uud Vermeer, aber
ein Vermeer ist es nie und nimmermehr. Ein unbe-
zeichnetes Bild deshalb, weil es etwas Verwandtschaft
mit einem großen Meister hat, gleich für ein Jugend-
bild zu erklären, ist immer eine heikle Sache. Wenn
man sehen will, wie Vermeer ein Haus malte, dnnn
studire man gründlich die schönen Bilder im Haag und
bei Six in Amsterdai», und man wird sich überzeugen,
daß das Berliner „Landhaus" cinen andcrn Autor
haben muß.

Zch kenne diesen Meister, bin auch ganz gclviß,
daß es von dessen Hand herrührt, unv seitdem mir
Herr Philip van der Kellen, Direktor des königl.
Niederländischen Kupferstichkabinets, einer der besten
Kenner der niederländischen Malerei, gesagt hat, ich
habe ganz recht, auch ihm sei es zweifellos, wer der
Maler sei — wage ich es, ihn an dieser Stelle zu
nenuen. Bei einem neulichen Besuch iu Zwolle, wo
ich Gelegenheit hatte, eine Anzahl, wenn auch nicht
gerade seiner besten Bilder zu sehen, wurde ich bestärkt
in meiner Meinung, niemand anders könne das „Land-
haus" gemalt haben als D. I. van der Laen, ge-
boreninZwolle 1759, gestorben daselbst 1828 oder 1829.
Welche Ketzerei, nicht wahr, einen Bermeer für ein
Bild aus dem 18. oder 19. Jahrhundert erklären zu
wolleu? Aber mau sehe sich nur van der Laens
Bilder an! Vor ca. einem Jahre wurde in Amster-
bam sein bestes uiir bekanntes Bild verkauft. ^) Es
stellt die Ansicht eines Kanals dar. Jm Vordergrund im
Schatteu das Wasser, dahinter die Giebelseire eines im
holländischen Stil des 17.Jahrhunderts gebautenHauses;

1) Auktion Otterbeek Bastiaans, 31. Januar 1882, Nr. 26.
Es war auf Leinwand gemalt, Höhe 146 om, Breite 165 om.
Käufer war der Kunsthändler Bundten in Amsterdam, um

Fl. 162. —

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rechts sieht man durch ein Thor (ganz de Hooch'sch)
tief in einen grell von der Sonne beleuchteten
Hof. Links ein Baum, ganz in der Art des Berliner
Bildes gemalt. ^) Vordem Hause hält anf schönem weißen
Pferde ein Reiter, der sich mit einer Frau, welche aus
der Hausthür sieht, unterhält. Pferd und Figuren
tragen merkwürdigerweise bei van der Laen einen
viel ältern Charakter als die Landschaft, besonders als
die Art des Baumschlags. Die Beleuchtung des Bildes
ist sehr schön; man denkt unmittelbar dabei, dieser
Maler habe de Hooch und Vermeer gesehen und studirt.
Bezeichnet ist das Gemälde: O. ll. van äor llmsn
inv. >8: bsoit.

Erst kürzlich, bein, Nachschlagen älterer Jahrgänge
des „bloäsrlanäsLbs Lxsotutor", siel mein Auge auf
Vosmaers Notiz über eine Auktion in Haarlem^)
1874. Was lese ich dort? „Van ssn roor rvoiniA
dolconä rnosstor nit tist lg.8.t8t äsr voriZs ssniv,
O. vun äsr llusn, wus sr ssn stuäsAsriolit in äsn
trant vun vun äsr Nssr (Vermeer), IcruolitiA
van Iclsur sn ^onsllsot, ssn wan, äis in äs
Assoliisäsnis onxsr lrunst äsr 18° ssuv ssn Avsä
pl-iatsss vsräisnt".

Das Bild Ivurde für Fl. 180 zugcschlagen. Wem? —
Ju Zwollc müsseu noch mehrere Bilder von vau der
Laen steckcn. Bei eiiicm seiuer Vcrwaudteu, Herru
L. T. Zebiudcu, sah ich cine Stadtansicht bci Winterszeit,
gut, und zwei Landschaften, geringer. Noch besitzt Herr
G- D. Jordcns daselbst zwei Landschaften. Der Dekan
Spitzcn hat auch cine solchc. Alle diese Bilder siud
aber schwächcr als das obenbeschriebene aus der
Sammlung Otterbeek Bastiaans von Deventer. Herr
Zebindenb) in Zwollc, der den Maler Persönlich ge-
kannt hat und mit ihm vcrwandt war, sagte ganz
richtig: eine Eigentümlichkeit au dcn weiblichen Figuren
des van der Laen sei die etwas übertriebene Deutlich-
lichkeit, womit er die Brüste angedeutet habe. Seine
Figurcn haben etwas sehr Charakteristisches; wer sie
einmal gut gesehcn hat, erkennt daran am ehcsten den
Meister, der übrigens zu den besten seiner Zeit gehörte.
Nach van Eynden und v. d. Willigen lernte van
der Laen bei Hendrik Meyer in Leyden, nachdem seine
Eltern vergebens versucht hatten, ihn auf das Gymna-

1) Die Bäume und der Himmel dieses letzteren tragen
doch ganz den Stempel des 18. Jahrhunderts. Nian ver-
gleiche sie mit den eigentllmlich gemalten Bäumen auf Ver-
meers Ansicht von Delft im Haag!

2) Auktion Quarles van Ufford, Haarlem, März 1874.

3) Dieser Herr, verwandt mit dem großen Gerard Ter
Borch besitzt eine einzige Sammlung von etwa 1566 Handzeich-
nungen des ülteren Gerard Ter Borch, des jüngeren Gerard,
und seiner Brüder Herman und Moses, sowie ein Album mit
vielen Zeichnungen der Gesina Ter Borch. Jch werde nächstens
einiges darüber in dieser Zeitschrift mitteilen.
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