Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 18.1883

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Der Zierbrunnen für die Stadt Görlitz.

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risch ausblickenden Fischweibes. Jhr herrlicher Körper
wird nicht durch störende Überschneidungen der Arme
beeinträchtigt: ein meist schwer zu vermeidender Übel-
stand bei Werken der Skulptur. Die Fischschwänze der
Nixe schmiegen sich in schöner Rundung der Form des
Sockels an und bilden eiuen wirksamen Gegensatz zu
den herausspringenden Knieen der übrigen drei Figuren.
Von diesen krankt leider die Gestalt des Jägers mit
dem Speer in der Hand an einer gewissen Leblosigkeit,
fast möchte ich sagen: Starrheit, die wohl hauptsäch-
lich im Gesichtsausdruck liegt und bei der endgültigen
Ausführung leicht zu beseitigeu sein wird, da die
Sockelgestalten nicht wie die Hauptfigur in Bronze
gegosien, sondern in karrarischem Marmor hergestellt
werden sollen. — Zwischen den Eckfiguren sind vier
als Wasierspeier gedachte Masken angebracht, unter
denen der Kllnstler sein eigenes Bildnis in diskreter,
sogar etwas karikirter Weise verewigt hat. Darunter
sangen große Muscheln, von Fruchtguirlanden durch-
zogen, das Wasser auf, und noch tiefer speicn es phan-
tastischeFabeltiere in das große Steinbecken desBrunnens.
Diese chimärischen Geschöpfe sind wahre Meisterwerke
künstlerischer Gestaltungskraft. Sie setzen sich aus reich
mit Pflanzenornament überzogenen Motiven des Grei-
fen, der Sphinx, des Drachen, des heraldischen Panthers
und anderer fabelhafter Tiere zusammen und sollen bis
zur Brusthöhe im Wasser zu stehen kommen, so daß
ihre mit souveräner Berachtung irdischer Anatomie und
Proportion kreisförmig gekrümmten Leiber in den be-
wegten Fluten des Bassins nur undeutlich und geheim-
nisvoll sichtbar werden. — Die Sockelgestalten des
Brunnens haben etwa anderthalb des menschlichen
Maßes, währeud die Hauptsigur fast doppelte Mannes-
länge erreicht. Die Totalhöhe vom Bassin bis zur
Muschel beträgt 25 Fuß. Außer der Hauptfigur und
den Wasserspeiern im Becken sollen auch die Muscheln
und Fruchtguirlanden in Bronze ausgeführt werdeu.
Sache der Patinirung dieses farbigen Materials wird
es nun sein, eine mit dem Marmor des Sockels und
seiner Gestalten harmonirende Tönung des ganzen
Werkes zu schaffen. Es ist zu hoffen, daß der in der
Technik des Bronzegusses besonders erfahrene Meister,
der den Prozeß des Gießens zudem gewissenhaft über-
wacht, auch hier das Richtige mit kundigem Blick finden
werde, damit nicht die Schönheit der Form durch den
Mangel au Harmonie der Färbuug beeinträchtigt werde.

Noch eiuige Worte über die in kleinem Maßstab aus-
geführte Skizzefür den LeipzigerZierbrunnenmögen
die künstlerische Bedeutung dieses Entwurfes rechtferti-
gen, der leider aus Sittlichkeitsgründen *) zurückgewiesen
wurde. Der Leser dieser Zeitschrift ist über den tragi-

*) Auch wegen einesVerstoßss gegend.Programm. Anm.d.R.

schen Ausgang der Leipziger Konkurrenz bereits durch die
humorvolle Schilderung auf S. 617—623 der „Kunst-
chronik" unterrichtet worden, und ich würde auf den
Toberentzschen Entwurf nicht zurückkommen, wenn mich
nicht — wie gesagt — die Vorzüge des Werkes dazu
veranlaßten. Ein zurückgewiesenes Modell, das be-
stimmt ist, in der Werkstatt zu verstauben und zu
zerfallen, hat ja selbst für den teilnehmendsten Kunst-
freund nur ein ephemeres Jnteresse. Umsomehr scheint
es mir wert, durch eine Erwähnung an dieser Stelle
dem Gedächtnis erhalten zu werden, nnd wär's auch
nur, damit man späler, wenn sich der endlich gewählte
Tugendbrunnen zur Freude der Leipziger auf dem
Augustusplatz erhebt, daran erinnert werde, wie hübsch
er hätte werden können.

Ohne weiteres will ich dem launigen Kunst-
chronisten zugestehen, daß die ungenirten Tritonen mit
ihren sich räkelnden Nymphen für den öffentlichen Platz
einer ehrbaren Stadt ganz und gar unpassend sind
und keinesfalls Anspruch erheben können, vor den
Augcn einer pstichttreuen und sittenstrengen Jury Gnade
zu fiuden. Die gleiche Rigorosität kann ich aber »icht
auf die bekrönende Aphrodite ausdehnen, deren einziges
Berbrechen ihr Mangel dn Kleidung ist. Jn nieinen
Augen wird wenigstens dieser Mangel durch das er-
hebliche Plus an Formenschönheit ganz und voll er-
setzt. — Die schaumgeborene Göttin steht ein wenig
vorgeneigt, die Füße hintereinandergesetzt in zierlicher
Pose da, bemüht ihr langes Haar, das sie mit den
Händcn in Strähnen ausbreitet, von den Sonnen-
strahlen trocknen zu lassen. Bei der Ausführung sollte
das Wasier aus den üppigen Haaren der Aphrodite
herabträufeln, und diese hübsche, ungesuchte Jdee scheint
mir für eine Brunnensigur besonders glücklich zu sein.
Wäre es nicht angegaugen, den im architektonischen
Aufbau der Schönheit der Hauptstgur sicherlich eben-
bürtigen Brunnen, desien den Platzverhältniffen so ge-
schickt angepaßten Grundriß das Preisgericht überdies
für die engere Konkurrenz als maßgebend adoptirte,
mit der Bedingung einer Ungestaltung der beiden Seiten-
gruppen zu genehmigen?

Wie ich höre, hat sich Toberentz entschlosien, bei
der engeren Konkurrenz mit drei anderen Bewerbern
nochmals in die Schranken zu treten. Ob die vier ueuen
Entwürfe, deren Schöpfer durch den Mißerfolg der
alten, wenn nicht entmutigt, so doch jedenfalls in etwas
beeinflußt sind, den frühern ebenbürtig sein werden? —
Wer weiß es! — Hoffen wir, daß die Bewohner dcr
Musenstadt Leipzig mit dem endgültig preisgekrönten
Modell zusrieden sein mögen, und daß auch die eigent-
lichen Musensöhne des benachbarten Augusteums mit
ihren Komniilitonen weiland in Auerbachs Keller sagen
können: „O schöuer Brunnen, der uns fließt!" Ll.ll.
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