Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 18.1883

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Denkmal Johann Winckelmanns.

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spielen. So konnte er zehn Iahre lang am Hofe zu Kassel,
wohin er einst mit Empfehlungen Voltaire's gekonimen
war, in Fragen des Geschmacks den Ton angeben, bis
1785 der Tod des Landgrafen seinen Sturz herbei-
führte. Mit mehreren andern seiner abentenernden
Landsleute wnrde er von dein Nachfolger Friedrichs II.,
Wilhelms IX., alsbald in Ungnaden entlassen. Leider
war es dieser eitle und oberflächliche Franzose, dein die
Ausfiihrnng eines schönen Gedankens anbertrant wnrde,
den Landgraf Friedrich, begeistert bon dem Anblick der
Kunstschätze zu Florenz, Nom und Neapel, von einer zu
Ende des Jahres 1776 angetretenen Neise nach Jtalien
mit hcimgebracht hatte. Die meisten antiken Bildwerke,
welche hente das Kasseler Museum besitzt, wnrden von
dem Landgrafen aus dieser Reise erworben. Aber sie
erhielten nicht nnr bald in würdigcn Räumen Auf-
stetlung, sondern auch ein Kreis wissenschaftlich gebilde-
ter Männer, empfanglich für die Herrlichkeit des klassi-
schen Altertums, sollte durch die Sanimlungen des
Fürsten an Statnen, Büsten, Gemmen, Münzen u. s. w.
Anregung zu weiteren Studien empfangen und in
lebendigen Jdeen austauschen, den Sinn für das Schöne,
Wahre nnd Gute vermehren und stärken helfen. Jn
jene Jahre fällt auch eine Reihe anderer Schöpfungen
Friedrichs für wissenschaftliche und künstlerische Zwecke.
Noch lebte damals in den Herzen aller, die fiir die
Kunstwerke der Alten Empsindung besaßen, in frischesten
Andenken der Name des Mannes, welcher der Geschichte
der Kunst ihre Stelle als Glied in der Gesamtgeschichte
der Mcnschheit errungen, der die Knnst als eine Blüte
der Volksbildung erkannt hatte — Äohann Joachim
Winckelmanns, und so ist es denn sehr erklärlich, daß
in ciner Vereinigung, die der Landgraf am 11. April
1777 alsbald nach seiner Rückkehr aus Jtalien stistete,
die Verehrung Winckelmanns und die Liebe zu der von
ihm begründeten Wissenschaft den Mittelpunkt bildete.
Das Studium der Altertumswissenschast in seiner
weitesten Ausdehnung sollte der Zweck der neuen Ge-
sellschast sein, und, wie es den Neigungen des Land-
grasen entsprach, lehnte sich die Organisativn derselben
an das Vorbild der Pariser und der von Friedrich
dem Großen erneuerten Berliner Akademie an. Jn
den Sitzungen führte Landgraf Friedrich II. als Stifter
der Gesellschast selbst den Vorsitz. Durch ein auf je
drei Jahre gewähltes „Koiiiita" vvn sechs Mitgliedern,
dem der ständige Sekretär präsidirte, wurden der Ge-
sellschast die ausznschreibenden Preisfragen vorgeschlagen,
die einlaufenden Arbeiten geprüft und die Herausgabe
der Schriften geleitet. Sowohl bei der Wahl neuer
Mitglieder als bei Beurteilnng der eingehenden Ab-
handlungen hatte der Sekretär eine maßgebende Stinime.
Daß der Landgraf diesen Posten seinem Liebling, dem
Marguis de Luchet, nbertrug, war sür die Richtung,

Welche die Bestrebungen der Akademie nahmen, von
vornherein verhängnisvoll. Das erste Preisausschreiben,
datirt vom Jahre 1777, war französisch abgefaßt und
die gestellte Aufgabe lautete: „I-'bllvZo äs Nr. IVinekst-
wann, äans Isgnsl on ksra ontrsr 1s point on il
a. tronvö 1s. soisnes äes sntignitss, et s gnsl xoint
il 1's Isissös".

Als Preis war eine goldene Medaille im Werte
von 400 Livres bestimmt. Die Bewerber hatten ihre
Abhandlungen an den Sekretär, Marguis de Luchet,
bis spätestens zum 1. Mai 1778 einzusenden.

Zur Proklamirnng des Siegers und Austeilung
des Preises wurde gemäß den Statuten der 16. August
bestimmt. Bezeichnend für den Geist, in deni die Ge-
sellschaft geleitet wurde, ist die Bestimmung über die
Form der Lobrede. Das Ausschreiben dekretirt: „II xsnt
Strs oei'it sn §rsnosi8, sn ^llsinsnä, sn Itslisn ou
sn bistin, insis il ns ssrs imprims gn'sn
I?rsn^si8". Die Hoffnung, daß viele Arbeiten zur
Preisbewerbung eingehen würden, erfüllte sich nicht.
Nur zwei gelangten an Luchet; die erste aus Göttingen
am 30. April 1778, demnach am vorletzten Tage der
gestellten Frist, die zweite ans Wcimar erst einige Tage
später, am 11. Mai. Auf beideu Manuscripten ist das
„lisyn" nebst dem betresfenden Datum von Luchets
Hand bemerkt. Laut den Bestimmungen des Preis-
ausschreibcns durfte die znletztgesandte Abhandlung zur
Preisbewerbung gar nicht zugelassen werden, da sie zu
spät eingetroffen war. Doch verfuhr man nicht so
rigoros, zumal da der Terniin zur Preisverteilung
fiir die Mitte Augnst angesetzt war. Über die Beur-
teilung der beiden Arbeiten geben die von Luchet höchst
flüchtig geführten Sitzungsprotvkolle des Kvmitö's nur
sehr dürftige Nachricht. Der Göttinger Arbeit wurde
der Preis zugesprochen. Für die von Weimar gesandte,
die man für mittelmäßig erklärte und nicht zu Ende
las, erhvb sich nnr eine Stimme.

Daß Luchet nach Feststellung des Urteils den
übrigen Komitsmitgliedern auch den Verfasser der
unterlegenen Abhandlung genannt habe, den er nach
Öffnung des ihr beiliegenden verschloffenen Couverts
erfuhr, soüte man doch denken. Jmmerhin bleibt es
höchst auffallend, daß sich nachmals unter den Mit-
gliedern der Gesellschaft keinerlei Tradition erhalten
zu haben scheint, wer der zweite Bewerber war, ob-
gleich dieser 1778 schon längst hvhen und wohlver-
dienten schriftstellerischen Ruhm in deutschen Landen
genoß.

Der Sieger, welcher, in der vffentlichen, am
15. August abgehaltenen Sitzung prvklamirt wurde,
war der bekannte verdienstvolle Philologe Christian
Gvttlvb Heyne, „Hofrat und Profeffor ver Redekunst
und Dichtkunst" zu Göttingen, eins der Ehrenmit-
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