Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 18.1883

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Gottfried Kinkel f.

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Der orthodoxen Fakultät mußte das Wirken eines Mannes
wie Kinkel fortan unbehaglich werden, und so war es
eine sür alle Beteiligten glückliche Lösung, als dem
feurigen Privatdocenten der Übertritt in die philosophische
Fakultät und die Professur der Kunstgeschichte angetragen
wurden. So erhielt Bonn zuerst unter allen deutschen
Universitäten einen Lehrstuhl der Knnstgeschichte
und wurde darin Vorbild der meisten anderen deutschen
Hochschulen,von deren bedentendsten nurMünchen bis jetzt
beharrlich dieser wichtigen Disciplin die Aufnahme versagt.
Als dann Johanna nach schweren Kämpfen das verhaßte
Band, welches sie gefesselt hatte, löste und dem Geliebten
die Hand reicbte, gestaltete sich das Leben der glücklich
Berbundenen zu einem Dasein von seltener Harmonie.
„Du meines Geistes heller Stern", sv redet Kinkel in
einem seiner schönsten Gedichte die Gefeierte an, und
mit volleni Rechte. Denn sie ging ihm fortan verbunden
zur Seite, wie ein treucr Kamerad, ebenbürtig an Geist
und Charakter, von gleicher Hoheit der Gesinnung, erfüllt
von idealem Drange, der sich bei ihr in poetischer nnd
musikalischer Schöpferkraft offenbarte. Wer die zarte
Gestalt mit den großen leuchtenden Augen in dem blassen
Antlitz am Klavier sitzen sah, das sie mit männlicher
Meisterschaft beherrschte, oder wer den Übungen des
kleinen musikalischen Kreises beiwohnte, der sich bei ihr
versammelte und Werke wie Glncks Jphigenie unter
ihrer Leitung einstudirte, der erkannte die Macht des
Genius in dieser seltenen Frau. Tresfend schildert der
Dichter das Wesen ihrer Kunst in einer sapphischen Ode:

„Männlich rauscht ihr Lied aus dsm weichen Busen,

Schmerzen bannt sie fest in die mächt'gen Maße,

Die im Kriegsschritttakt und im ehrnen Prangen

Donnernd einherziehn."

Das junge Paar hatte seine Wohnung in dem eine
Viertelstnnde von der Stadt gelegenen Schloß zu Pop-
pelsdorf, einem stattlichen Bau aus der kurfürstlichen Zeit.
Vor dem Wohnzimmer breiteten sich die prächtigen alten
Baumgruppen des Parks samt den Blumenbeeten des
botanischen Gartens aus, nnd hinter diesem üppigen
Vordergrnnde schlossen die malerisch bewegten Linien
des Siebengebirges, in zarten Duft getaucht, das Bild
ab. Man hätte sich keinen passenderen Rahmen für
solche ideale kUnstlerisch Poetische Existenz denken können-
Jn eineni schönen Gedichte an Jakob Burckhardt schil-
dert Kinkel selbst diesen Schanplatz seiner glücklichsten
Lebcnstage:

„Schön ist's, nächtlich zu steh'n in dem wölbigen Fenster

des Schlosses,

Das mir ein günstig Geschick als mein Asr>l überwies.

Tief in dem Fichtengehölz flammt blutrot Schimmer des

Westens,

Frisch durchsichtiges Laub lodert in goldiger Glut.

l Leise den mailichenTon versucht auch derVogel der Nacht schon
Und aus dem Schilfrohr tönt klagend der Unke Gestöhn.
Mild vom nahen Gebirg weht köstliche Lust in den Garten,
^ Welcher in dämmerndem Schein unter dem Fenster sich dehnt.
Wie ein Zaubergebild aus dunklem Grün in den Aether
Hebt sich von Blüten geschwellt hehr der Magnolie Stamm."

Es war eine Zeit hochgemuten Schaffens, die in
den Gedichten jener Periode und in dem reizenden Epos
„Otto der Schütz" ihren schönsten Ausdruck gefunden
hat. Anßer Jakob Burckhardt waren es Simrock, Ale-
xander Kaufmann, Andreas Simons und manche andere
unter den Jüngeren, welche sich in gemeinsamen poetischen
und künstlerischen Jnteressen mit dem Kinkelschen Ehe-
paare verbunden fühlten. Noch lag das letzte Abendlicht
der scheidenden Romantik über dem Leben, während
schon die ersten Morgenstrahlen einer neuen politisch bc-
wegten Zeit heraufblitzten. Alle diese Bewegungen fanden
in Kinkels Gedichtcn beredten Ausdruck. Jn jüngster
Zeit hat sich wohl die Ansicht hervorgewagt, als Poet
sei er überschätzt worden, indem die späteren tragischen
Geschicke des Freiheitskämpfers die Vorstellung von seinem
dichterischen Wert beeinflußt hätten. Jch kann dies nicht
finden. Wenn Kinkels poetische Begabung ihre bestimmten
Grenzen hatte und namentlich, wie sein „Nimrod" be-
weist, für das Dramatische nicht ausreichte, so steht er
in den Reihen unsrer lhrisch-epischen Sänger mit in
erster Linie. Er ist ini besten Goetheschen Sinn Gelegen-
heitsdichter, sofern sein eignes Leben und Lieben sich ihm
poetisch verklärt, denn selbst „Otto der Schütz" ist eine
freie Verhüllung seiner eigenen Herzensschicksale in das
Gewand einer rheinischen Sage. Überall aber enipfinden
wir in seinen Gedichten den starken Herzschlag einer
hohen Gesinnung, den Gedankenreichtum eines am
Herrlichsten in Kunst und Geschichte gereiften Geistes und
endlich das warnie Gefühl für die wonnige Schönheit
seines rheinischen Heimatlandes, die nicht blos in den
Sagen und Romanzen, sondern anch in Gedichten, wie
„Die sieben Berge", „Auf der Höhe von Altenahr", „Auf
der hohen Acht" die leicht dahinfließenden Verse durch-
klingt. Während aber hier der Grundton ein roman-
tischer, vaterländischer ist, wendet er sich in den schwung-
vollen auf italienischem Boden entstandenen Dichtungen
meist den klassischen Versmaßen zu, die er namentlich in
den Oden und den Elegieen an Johanna nicht minder
meisterlich beherrscht. Überall tritt uns hohe Formvoll-
endung entgegen; es ist ein künstlerischer Geist, der aus
diesen gepanzerten Rhythmen, wie aus deni melodischen
Fluß seiner Lieder und Romanzen uns entgegentönt. Und
vor allem ist es die Reinheit und die Hoheit einer nur
auf das Jdeale gerichteten Gesinnung, die uns auf die
Höhen edelster menschlicher Gedankenwelt hinaufhebt. Iiur
im reichen Geistesleben mit einer hochherzigen sinnes-
verwandten Frau konnte sich dies alles so voll entfalten,
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