Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 18.1883

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Nekrologe.

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Freunde" (1838, im Städelschen Jnstitut), das zu des
Meisters besten Werken zählt. Als Bendemann nach
Dresden berufen worden war, solgte ihm Hübner 1839
nach und wurde 1841 dort als Professor an der Aka-
demie angestellt. Damit hatte er das ergiebigste Feld
für eine erfolgreiche Wirksamkeit als Lehrer gefunden.
Er wurde der eigentliche Gründcr der neueren Dres-
dener Malerschule; treffliche Künstler, wie der Schlachten-
maler Schuster, die Historien- und Genremaler Scholtz,
Mühlig, Walther, Diethe, Schönherr, v. Ramberg,
Thumann u. a. haben ihm ihre erste Anleitung zu
danken. Als Schnorr von Carolsfeld 1871 seine Stelle
als Direktor der Dresdener Galerie niederlegte, trat
Hübner an seine Stelle, na'chdem er schon viele Jahre
als Kommissionsmitglied in der Galerievcrwaltung
thätig gewesen war. Sein Wirken auf diesem Posten
trug ihm viele Anerkennung, aber auch vielen Tadel
ein, namentlich seit dem Streit über die Holbeinsche
Madonna, deren Echtheit er in Wort und Schrist
aufs lebhafteste verteidigte. Er hing überhaupt mit
väterlicher Zärtlichkeit an den Schätzen der Galerie,
die sich während seiner Leitung wesentlich vermehrt
haben, und als mancherlei Verdrießlichkeit ihn veran-
laßte, am 1. September 1882 sein Amt niederzulegen,
schied er von ihnen mit einem rührenden Abschieds-
Sonett. Er hat bekanntlich auch einen Katalog der-
selben geschrieben, der eine schätzenswerte historisch-
kritische Einleitung enthält. -— Von den vielen Bildern,
die er in Dresden malte, sind noch hervorzuheben:
„Melusine" (snr den Grafcn Raczhnski), „Felicitas
und der Schlaf" ans Tiecks „Octavianus" (im Museum
zu Breslau, 1841), „Kaiser Friedrich III." (1842, für
deu Kaisersaal in Frankfurt a. M.), „St. Georg"
(1843, sür den König von Hannover), von größeren
Werken besonders sein Vorhang für das Dresdener
Hoftheater, der bei dem Brande desselben 1869 zu
Grunde ging, im Herbst 1882 aber von seinem Sohne
Edunrd, einem begabten Historienmaler, nach den noch
vorhandenen Skizzen für das Theater in Leipzig neu
gemalt wurde; sowie die Altarbilder „Christus, auf
Wolken thronend" sür die Stadtkirche in Meißen
(1843), und „Christi Auferstehung" (1844) sür Dom-
mitzsch bei Torgau; ferner „Die Verkllndigung" (1845,
im Privatbesitz in England), „Christus mit Kelch und
Brod" (1846), „Das goldene Zeitalter" (l847, in der
Dresdener Galerie), eine figurenreiche, höchst anmutige
Komposition, die ihm 1851 in Brüssel die goldene
Medaille eintrug. Eine Wiederholung dieses schönen
Bildes ist seit 1866 Eigentum der preußischen National-
galerie. Ebenso sinnig war auch ein Gedenkbild auf
den Tod des in den Mai-Unruhen 1849 in Leipzig
gesallenen Kausmanns F. A. Gontard in Leipzig.
„Samuel als Kind, den seine Mutter zu dem Hohen-
priester Eli führt" (1848) und „Büßende Magdalena"
(1849), gingen neben einigen kleineren Arbeiten dem
großen Bild aus der Apokalypse des Johannes voran:
„Der Engel des Herrn zeigt dem Evangelisten die
große Hure von Babhlon" (1850 für dcn spätern
Kaiser Alexander II. von Rußland, und nachher noch-
mals gemalt), von dem Hübner selbst so befriedigt war,
daß er in einer Anwandlung stolzen Selbstgefühls die
Worte „Macht's besier!" darauf schrieb! — Jn dem
gleichfalls sehr großen „Stephanus vor dem hohen Rat"
(mehrmals gemalt) suchte er, nicht mit svnderlichem

Glück, das Kolorit Paolo Veronese's nachzuahmen.
„Karl V. in St. Juste", „Friedrichs II. letzte Tage in
Sanssouci", „Amor im Winter", „Magdalena an der
Leiche Christi" (1864), „Der Christusknabe im Tempel"
u. a. beschäftigten ihn dann, während er schon die
Studien zu seinem größten Gemälde „Disputation
Luthers unb Ecks" sammelte, welches er sür die Dres-
dener Galerie ausführte. Dasselbe darf bei manchen
Vorzügen doch nicht zu seinen glücklichsten Schöpfuugen
gezählt werden. Es war ein unabsichtliches, eigen-
tümliches Zusammentreffen, daß gleichzeitig Hübners
Landsmann, Jugendfreund und Studiengenosie C. F.
Lessing in Karlsruhe denselben Gegenstand in einem
viel kleinern Bilde behandelt hatte, was zu manchen
Vergleichen Aülaß bot. Auch in seinen spätern Bildern,
teils vergrößerten Wiederholungen früherer, einer „Hagar
und Jsmael" n. a., erreichte Hübuer scine früheren
Werke nicht mehr, und da sich inzwischen auch der ge-
waltige realistische und koloristische Umschwung in der
deutschen Kunst vollzog, so wurden sie oft auch allzu
hart beurteilt. Sehr Tüchtiges hatte Hübner stets in
Porträts geleistet, wie die der Prinzessin Margarethe
von Sachsen (lebensgroße Figur), des Geheimrats
l)r. Carus, des Grasen Kanitz und Gemahlin, des
Fürsten Hatzseld, des Akademiedirektors Gottfried Scha-
dow in Berlin, des Kupferstechers I. v. Keller (in der
städtischen Galerie in Dllsieldorf) u. a. beweisen. Neben
seiner umfassenden künstlerischen Thätigkeit beschäftigten
den Verstorbenen auch schriftstellerische Arbeiten kunst-
wissenschaftlichen und kritischen Jnhalts, die teils in
Zeitschriften, teils als Broschüren erschienen sind. Ebenso
hat er sich als Dichter bethätigt, wie „Bilderbrevier
der Dresdener Galerie" (1857), „Hundert ausgewählte
Sonette Petrarca's" (Übersctzung 1868), „Helldunket
aus dem poetischen Tagebuch eiues Malers", Lieder
und Sonette (1872), eine „neue Folge" davon (1876)
und „Zeitspiegel. Des deutschen Reiches Krieg, Sieg
und Frieden: Sonette und Lieder" (1878). Daß er
auch als Redner bei verschiedenen Gelegenheiten, nament-
lich bei der Semisäkularfeier der Düsseldorfer Akademie
zur Enthüllung des Denkmals Wilhelms v. Schadows,
mit anerkanntem Erfolg aufgetretcn, darf gleichfalls
nicht unerwähnt bleiben. Ebenso sind noch anzufllhren
die Jllustrationen, die er für mancherlei Werke zu Holz-
schnitten und Radirungen gezeichnet hat, Kartons zu
Glasgemälden, dekorative Malereien, Aquarelle u. s. w.
Kurz, es giebt kaum ein Gebiet künstlerischen Wirkens,
welches Hübner nicht betreten. Deshalb genoß er auch
eines weitverbreiteten Rufes und hat vielfache Aner-
kennung und Auszeichnungen erfahren. Die Universi-
tät Leipzig verlieh ihm die philosophische Doktorwürde
bonoiÜ8 oanss., die Akademien von Dresden, Berlin und
Philadelphia ernannten ihn zum Mitglied und zahl-
reiche Orden schmückten seine Brust. Seine welt-
männische Bildung, seine anregende Wirksamkeit als
Lehrer, seine feinen Umgangsformen und das viele
Gute, das er durch Rat, That und Lehre, mit Piusel
und Feder, mit dem Einsatz seiner vollen Kraft ge-
leistet, sichern ihm ein ehrenvolles Andenken.

Moritz Blanckarts.
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