Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 18.1883

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Die Programme und die Entwiirfe für das Parlamentsgebäude in Berlin.

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pvr, in welcher, umnittelbar bis in Las Hauptgeschoß
aufsteigend, die Freitreppe liegt. Dadurch wird ent-
schieden das Hauptgeschoß als dasjenige Geschoß ange-
zeigt, in welchem die wichtigsten Räume zu erwarten
sind, mit dem Sitzungssaale fiir die Reichstagsabge-
ordneten, welcher, die ganze Baumasse überragend,
äußerlich auch dnrch seinen kuppelartigen Abschluß ge-
kennzeichnet ist. Die gegen den Königsplatz offene
Halle ist im Jnnern seitlich verbreitert und sv bchandelt,
daß sie große halbkreisförmige Mvsaik- oder Fresco-
gemälde historischen Jnhaltes auf ihren oberen Wand-
flächen, ebenso Gemälde auf ihren Gewölbeflächen
aufnehmen kann. Dadurch wird diese Treppenhalle
gewissermaßen Miteigentum des Volkes, dessen Vertreter
im Jnnern des Palastes tagen. Jn der Halle ist zugleich
Ptatz für Standbilder bedeutender Persönlichkeiten. An
seinem Außeren gewährt der Vorbau Plätze für zwei
große Skulpturgruppen, als Erinnerungen an dic
Kämpfe der Jahre 1812—1815 und 1870 nnd 1871.
Allegorische Standbilder oberhalb des Hauptgesimses
beziehen sich auf die Beschäftigungen der einzelnen
Ministerien. Die das Portal krönende Quadriga soll
das nunmehr geeinigte Deutschland versinnbildlichen.
Das die Bogenanfänge tragende Hauptgesimse mit
seinen Säulen zieht sich zu beiden Seiten längs der
Westfront bis zu den Eckrisaliten hin und faßt gegen
den Königsplatz durch Säulenstellungen geöffnete Bal-
kons ein, welche vor den Erfrischungs- und Lesesälen rc.
für die Benutzung der Reichstagsabgeordneten bestimmt
sind. An den Wandflächen hinter den Balkonsäulen
sind geeignete Räume für geschichtliche Reliefdar-
stellungen belassen, gleichfalls dem außen sich bewegen-
den Publikmn sichtbar. Vor den Säulen der Balkons
können wiederun: Standbilder großer Männer ange-
bracht werden. Dadurch wird die Ausschmückung der
Architektur kein leerer Putz, sondern für das Bauwerk
bedeutungsvoll. Das Erdgeschoß nebst dem Sockel ist
durchgehend als Nnterbau behandelt. Das nämliche
Motiv, also die gleichen Formgestaltungen gehen auch
an den anderen Fronten herum und bewirken, daß das
ganze Bauwerk als ein einheitliches, ruhiges, wie aus
einem Gusse erzeugtes Werk erscheint. Die sestliche,
vom Königsplatz aufsteigende Treppe führt zu einem
Vorsaal oder Vestibül (im Hauptgeschosse), an dessen
beiden Seiten geräumige Garderoben nebst Toiletten rc.
liegen, — darauf in das Foyer und von hier aus
weiter in den Sitzungssaal, so daß alle diese Räume
in der Querachse des Parlamentshauses aufeinander
folgen. Der im Grundrisse guadratische Sitznngssaal
ist in seinem unteren Teile von nicht hohen Wänden
cingefaßt, welche die BalkonS niit den Zuhörerplätzen
unterstützen. Hinter diesen Balkons oder Galerien
vcrbreitert sich der Saal zu seiner vollen Weite,

wiederum ein Quadrat, jedoch mit einspringenden
Ecken, bildend. Viertelkreisförmige Ubergänge vvn den
oberen Wänden und dcn ihnen Vvrgesetzten Pfeilern
leiten zu dem die Mitte des Saales überspannenden
Glasplafvnd hinüber. Diese Pfeiler tragen Marmvr-
figuren (Jndustrien der Länder darstellend) mit den
den Landesteilen angehörenden Wappen in Mosaik
oberhalb der Figuren.

Dem Glasplafond gewähren bei Tage die Licht-
öffnungen der Anßenknppel, bei Nacht dic unter ihr
angebrachten Lichtquellen (elektrische Flammen rc.) die
erforderliche Helle.

Das Eigentümlichc der Gestaltung des Äußeren
des 1872 preisgekrönten Entwurfes ist sür die Be-
handlung sehr vieler der 1882 eingereichten Entwürfe
nicht ohneEinflußgewesen. Durch eben diese Arbeiten
ist die Uberzeugung tüchtiger Künstler zum AusLruck
gelangt, daß es fast unerläßlich sei, den Haupteingang
am Königsplatze herzustellen. Niemand aber hat es
gewagt, das so offen und entschieden durchzuführen,
wie Bohnstedt im Entwurfe von 1872.

Die Forderungen, richtiger Verbote des Pro-
grammes von 1882 scheinen den Künstlern die Hände
gebunden zu haben; sie haben trotz mancher Versuche,
die Mitte der Königsplatzfront imponirend hervorzu-
heben, direkt die Freiheit der Gestaltungsweise be-
schränkt. Nur der neue Bohnstedtsche Entiourf (Motto:
Lava) ist in seinem Äußeren eine Wiederholung des
1872 prämiirten Entwurfes, mit Berbesserungen in
der Formgestaltung einzelner untergeordneter Gliede-
rungen und harmonischer Durchführung des Königs-
platzmotivs auch an den andern drei Seiten. Ähnlich
wie an der Westseite, ist hier auch an der Svmmer-
straße eine Loggia bildende Überwölbung der Mitte
projektirt und diese Überhöhung mit der Mauermasse
des Sitzungssaales in einheitliche Verbindung gebracht.
Die Loggia wird durch eine Bronzegruppe bekrönt:
„Germania mit den modernen kulturgeschichtlichen Er-
rungenschaften" darstellend. Dieses Äußere ist dnrch
keinen der neuprämiirten Entwürfe ästhetisch überboten
worden; im Gegenteil sind sie sämtlich dabei auffällig
zurückgeblieben.

Und doch konnte das Projekt „Lava" in dieser
neuen Bewerbung nur als bor8 oonoours stehend
aufgefaßt werden, also auf eine Prämiirung keine An-
sprüche machen (so lange die Prllsungskommission die
Bestimmungen des neuen Programmes, als einzig
maßgebend und bindend sllr die Beurteilung zu achten,
sich fllr verpflichtet hielt), da es: 1) früher bereits in
seinem Vorbilde Prämiirt worden war und 2) nur eine
Verändernng der alten Pläne, svlveit thunlich, gemäß
den Forderungen des Programmes von 1882 darstellte,
während es von deniselben darin abwich, daß es den
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