Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 18.1883

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Korrespondenz cms Paris.

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les, kem Leo X.! Man behauptet, Politik und Kunst
haben nichts mit einander zu schaffen, aber dieser Grund-
satz hält nicht recht Stich, wenigstens bei uns in Frank-
reich nicht, seitdem wir die Republik haben. Die Mi-
nisterkrisen folgen einander — und die Direktoren der
schönen Künste gleichen sich nicht! Wollte man unser
Jahrhundert z. B. nach Herrn von Chenevisre be-
nennen, so würde alles reaktionäre Bestrebungen wittern;
und wenn man den Republikanern die Wahl zwischen
Turguet und Antonin Proust lassen wollte, so würden
auch diese sich kaum einigen. Bisher fand nach jedem
Ministerwechsel ein Wechsel in den Beherrschern der
schönen Künste statt. Einmal war es Guillaume, der
große Bildhauer, ein anderes Mal der Deputirte Tur-
guet odcr Herr Antonin Pronst. Von allen behaup-
tete man, sie seien den hergebrachten Traditionen treu
— aber bei keinem war es der Fall. Das kommt
überhaupt nie vor. Die erste Handlung eines jeden,
dcr in eine Stellung gelangt, ist alles zu verwerfen,
was sein Vorgänger gethan hat. Heute hat man noch
nicht genug an den Ministerkrisen; die Berwaltung der
schönen Künste benutzt ihre Unabhängigkeit vom Mi-
nisterium dazu, sich ihre eigenen Parteistreitigkeiten zu
bilden. Wir werden nächstens Revolutionen im Palast
der schönen Künste erleben, die sich ganz ohne Minister
und ohne Kammer abwickeln werden. Kürzlich erst
haben wir es mit ansehen müssen, wie Herr Logerotte,
Abgeordneter und Unterstaatssekretär im Ministerium
für Unterricht und schöne Künste, entdeckt, daß Herr
Mantz, ein vollendeter Administrator und ausgezeich-
neter Schriststeller, sein Amt ernst nimmt und seine
Beamten selbst auswählt. Das genügt Herrn Loge-
rvtte, ihn den Herrn fllhlen zu lassen, er schickt ihn
einfach zu seinen kunstkntischen Arbeiten zurück und
sagt wie Louis XIV.: „Die schönen Künste, das bin
ich!" — Hiermit wäre ein neues Shstem eingeführt
und ein neuer Kandidat für die Civiltaufe unseres
Jahrhunderts aufgestellt, das man vielleicht das Jahr-
hundert des Herrn Logerotte nennen könnte.

Herr Guillaume, dessen Name ich vorhin genannt
habe, schüttelte die Leitung der schönen Künste schnell
wieder ab, um zu seinem Meißel zurückzukehren. Sein
Name hat im Auslande ebenso wie in Frankreich den
besten Klang, weil er es, wie nicht leicht ein anderer
Bildhauer, versteht, seinen Figuren den Stempel mensch-
licher Wahrheit und Würde zugleich aufzudrücken. Er
ist auch nicht allein Bildhauer, er schreibt sür die
Ilsvno ckss äsnx inonäss Berichte und Kunstkritiken,
die jedenfalls zu dem Außergewöhnlichen gehören. Als
es sich darum handelte, die Lehrkanzel der Ästhetik, die
durch den Tod Charles Blancs im Januar 1882 er-
ledigt war, neu zu besetzen, fiel die Wahl einstimmig
auf Guillaume. Er hat seinen Kurs mit einem sehr

bemerkenswerten Vortrage eröffnet, der ganz der Be-
deutung und den Vorzügen seines Vorgängers gewid-
met war. Der Ruhm, ven Typus des officiellen
Kenners geschaffen und die Ästhetik in die Reihe der
andern Wissenschaften eingefügt zu haben, gebührt in
Frankreich unstreitig Charles Blanc. Früher erwarb
man sich mit der Behauptung, Raffael habe schön
gemalt und Rembrandt das Helldunkel erfunden, den
Ruf eines Mannes von gutem Geschmack. Heute sind
dergleichen Urteile fruchtbarer: sie tragen Ehren und
Stellen ein, einen Sitz in der Akademie, eine Lehr-
kanzel im dollsAs äs Urunss. Das ist nun nicht ge-
rade der Gesichtspunkt, von dem ans Herr Gnillaume
die Verdienste seiues Vorgängers beleuchtete, er hat
noch andere gute Seiten gesunden. Seine weiteren
Vorlesungen werde ich verfolgen und Jhnen zuweilen
darüber Bericht erstatten.

Daß die Ausstellungsmanie ihren Höhepunkt er-
reicht hat, wissen Sie aus Erfahrung. Jn Paris
haben wir dermalen deren drei, und doch sind die
Monate November und Dezember nicht gerade beson-
ders günstig für die Malerei. Hauptsächlich sind es
die Vereine, die solche Ausstellungen auf dem Gewissen
haben. Ein paar Bilder, die tagsüber paradiren, sollen
das Getriebe der Nacht maskiren. Abends frägt nie-
mand danach, ob der die Bank bei Baccarat nnd Macav
hält, den Pinsel sühren kann oder nicht! Wir haben
bei derartigen Gelegenheiten nur Studien von mehr
oder minder bedeutenden Namen gesehen — in Summa
aber nichts, was der Rede wert wäre. Ein Verein
der sich „die Jungen" nennt und vermutlich des Gegen-
satzes halber Victor Hugo zum Präsidenten gewählt
hat, ist ganz besonders vom Glllck begünstigt. Der-
selbe hat nämlich einen Saal in der rns 8k. Nonors
gemietet, in derselben Straße, wo gegenwärtig Makarts
„Füns Sinne" das neugierige Publikum anlocken. Ein
großer Teil dieser Neugierigen wirft dann im Vorüber-
gehen auch einen Blick in das Gebiet der „Jungen",
und da mag es mit und vhne Metapher wohl öfters
zu hören sein, daß an beiden Orten der Sinn des Ge-
sichtes am schlechtesten wegkvmmt. Anf Makarts Bilde,
das in fünf hohe, schmale Compartimente geteilt ist,
nimmt das Gesicht die Mitte ein. Gesicht, Ge-
hör und Geschmack sind sn tuss genommen, Gefühl
und Geruch wenden dem Beschauer den Rücken zu.
Fünf schöne weibliche Figuren vollkommen nackt hin-
zustellen, ist ein Untersangen, das seines Erfolges ziem-
lich sicher sein kann. Der Künstler scheint auch dabei
keine andere Absicht gehabt zu haben, als den Sinnen
zu schmeicheln. Die Zeichnung ist nicht durchweg
korrekt; Beine und Füße lassen einiges zu wünschen
übrig, Lie Gelenke sind zu unnatürlich dünn, um elegant
zu scheinen. Das glänzende Licht, das über die Bil-
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