Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 18.1883

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Ausstellung von Gemälden älterer Meister in Berlin.

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namentlich bei Licht so recht zur Geltung tvmmen.
Dcni Rossellino wird auch ein Flachrelief der Ma-
donna mit dem Kinde zugeschrieben. Die lebensgroße
Büste eines bartlosen Mannes von unschönen Zügen,
aber von großer Lebendigkeit und Wcchrheit der Cha-
rakteristik wird durch die Jnschrift ^lsxo äi I-noa Nini
1456 als ein Werk des Mino da Fiesole bezeugt.
Eine etwas dekorativ behandelte, aber kräftig wirkende
Büste des Giovanni Capponi ist die Arbeit eines
Florentiner Mcisters des 16. Jahrhunderts. Aus
Florcnz stammen auch die schvnsten Bronzen der Hai-
nauerschen Sammlung, durchweg Arbeiten des 16.
Jahrhunderts, eine Kreuzabnahme in der Art Michel-
angelo's, zwei Bronzestatuetten, Vulkan und Venus,
die liegendc Figur der Weisheit, während eine kleine
Bronzebüste des Papstes Gregors XIV., eine Arbeit
von außerordentlicher Feinheit der Ausführung und
von sprühender Lebendigkeit, ein Guß in verlorener
Form (snr oirs xsräus), das Werk eines römischen
Künstlers aus dem Ende des 16. Jahrhunderts ist.
Die Bronzestatuette einer Venus endlich wird Peter
Vischer d. j. zugeschrieben. Es ist eine Arbcit von
großcm Formenreiz, von der nocb ein zweites Exem-
plar zu existiren scheint, da ein solches in Girauds
„Iiss arts äu nnitat" abgebildet ist, wo es als auS
der Sammlung Stein herrührend bezeichnet wird.

Auf das Renaissancekabinet fvlgt die ebenfalls mit
rotenr Stoff bekleidete Renaissancegalerie, in welcher
wiederum nicht so sehr die wenig umfangreichen Ge-
mälde, die Namen wie Bellini, Cirna da Coneg-
liano, Dirk Bouts, Quintin Massys, Cranach,
Altdorfer, de Brupn tragen, als die plastischen
Gegenstände, namentlich die berühmten Bronzen des
Grafen William Pourtalbs den Mittclpunkt des Jn-
teresses bilden. An der Spitze dieser Bronzen stehen
zwei meterhohe Statuen des Neplun und Meleager,
zwei von der Hand des Ciseleurs unberührt gebliebene
Bronzegüsse von jungfräulicher Frische, welche man auf
der Zeughausausstellung von 1872 vorsichtig bloß als
vcnetianische Arbeiten des 16. Jahrhunderts bezeich-
netc, während sic der Katalog der gegenwärtigen Aus-
stellung bereits dem Jacopo Sansovino zuschreibt.
Sie tragen sreilich in ihrer etwas manierirten Stellung
den Stempel Sansovino'scher Art. Aber es wird doch
noch zwingenderer Beweise bedürfen, bevor man diese
Bezeichnung allgemein adoptirt. Die Schönheit dieser
Bronzen wird llbrigens dnrch ihre vorläufige Anony-
mität keineswegs beeinträchtigt. Jhnen zunächst sind
eine Bronzekopie des antiken Dornausziehers aus dem
16. Jahrhundert und drei schöne Thürklopfer, ver-
mutlich florentinischer Herkunft, zu erwähnen. Eine
Bronzebüste dcs Papstes Sixtus V. (aus königlichem
Besitz), die Arbeit eines Künstlers, der unter dem Ein-

flusse Michelangelo's stand, zeichnet sich durch die kraft-
volle Charakterisiik und die energische Formengebung
aus. Eine Marmvrbüste der Katharina Cornaro,
welche uns die poesieumflossene Königin von Cypern
als eine behäbige Matrone mit derben, wenig geist-
vollen Zügen vorführt, ist mehr eine historische als
eine künstlerische Merkwürdigkeit.

Die Rokokogalerie, welche den Abschluß der nach
den Linden zu belegenen Räume bildet, enthält etwa
vierzig Gemälde von Watteau, Lancret, Pater,
Pesne und Latour, zwei Skulpturen von Tassaert
und eine Anzahl von Möbeln, unter denen besonders
eine hohe Standuhr von Ebenholz mit einer reichen
Dekoration von vergoldeter Bronze ins Auge fällt.
Pater ist von den Rokokomalern in diesem Raume
numerisch am stärksten vertreten. Neben dreien seiner
besten Bilder, dem „Blindekuhspiel", der „Gesellschaft
im Freien" und dem „Bade", welches in der Frivo-
lität bereits die änßerste Grenze streift, finden wir hicr
eine Folge von vierzehn Gemälden, welche, als Jllu-
strationen zn Scarrons Roman oomigns, die Aben-
teuer einer Schauspielertruppe und des sie begleitenden
Ragotin mit einem überaus derben und vor keinem
Wagnis zurückschreckenden Humor schildern. Diese keck
aufgefaßten Scenen aus dem Leben bilden einen scharfen
Kontrast zu den phantastischcn Abstraktionen Watteau's,
der gleichwohl seine Schüler sowohl durch den Adel
seiner künstlcrischen Gesinnnng als durch die Grazie
seiner Gestaltung und durch seine malerische Technik
ties in den Schatten stellt. Die Ausstellung hat zehn
Gemälde ersten Ranges von seiner Hand aufzuweisen,
unter ihnen das „vsburgrismsnt ponr I'tls äs
tbsrs", jene zweite verbesserte und bereicherte Redak-
tion des Gemäldes im Louvre, das in zwei Teile
geschnittene Geschäftsschild des Kunsthändlers Gersaint,
Watteau's letzte Arbeit, die kleine, nach den Klängen
derSchalmei tanzende „Iris" und die„I/syon ä'ainonr".
Wir finden außerdem Ch ardin durch zwei seiner be-
kannten Kücheninterieurs mit Einzelfiguren und ein
Bild, die „Briefsieglerin", ein Herr und eine Dame
(lebensgroße Halbfiguren), welches ihn von einer weniger
bekannten Seite zeigt, und I. Detroy mit drei Ge-
mälden vertreten, deren Jnhalt etwas an die „Galantcn
Blätter" streift.

Aus der Reihe der hervorragenden Rokokomaler
vermißt man eigentlich nur Fragonard. Aber man
glaubt wenigstens seine Hand an einer gcistrcichen
Skizze von Ruben s zu erkennen, welche niehrere Frauen
im Bade unter einer Bogenarchitektur darstellt, deren
oberer, von drei Amoretten umschwebter Abschluß im
vorigen Jahrhundert hinzugefügt worden ist, wie vr.
Bode vermutet, von Fragonard selbst. Das Haupt
der vlämischen Schule ist außerdem durch vier Ge-
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