Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 18.1883

Page: 475
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Neue Erwerbungen der Berliner Gemäldegalerie.

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deulsetben erhcbt sich auf ciner Anhvhe cin runder,
massiger Turm mit gvtisch gegliederten Fenstcrn, ein
nierkwiirdiges Bauwerk, welches vielleicht nicht ein
Produkt der Phantasie ist, da es auch auf der „Visivn
des Daniel" wiederkehrt. Der jüngere der beiden Alten,
ein Mann mit hoher Mütze, ist, von wilder Begier
getrieben, welche seinem Gesicht den Ausdruck einer
unheimlichen Bestialität aufprägt, über die Bank ge-
stiegen und zerrt an dem weißen Lakcn, welches die
Badende nach hinten verhllllt. Diese wciß noch nichts
von dem Überfak und blickt, mit der linken Hand sich
auf die Bank stützend, ängstlich nach links. Der ältere
der beiden Greise in orientalischer Kleidung und mit
einem Turban auf dem Kopfe, der seine Stirn be-
schattet, hier auf einer kanm nagelgroßen Fläche ein
zauberhaftes Clairobscur hervorbringend, nähert sich
mit behaglichem Schmunzeln aus dem Hintergrunde.
Was aber erst der ganzen Tonstimniung, dem Zu-
samnienschwimnien Vvn Licht und Schatten die rechte
Basis giebt, das ist das prächtige, scharlachrvtc, mit
einem breiten Goldbrokatstreifen besetzte Kleid der
Susanna, welches in massig zusammengepackten Falten
über die Bank geworfen ist. Vor derselben stehen zwei
rote Pantoffeln. Von diesem roten, ungemein kräftigen
Farbenanschlag verbreiten sich Reflexe in die nächste
Umgebnng, die so fcin und zart mit dem dominirenden
Goldtone, welcher namentlich den mit einer wahrhast
evrreggiesken Anmut modellirten Kvrper der Susanna
umhüllt, verschmolzen sind, daß die Harmonic des
Bildes dnrch die breite rote Masse zur Rechten nirgends
ins Wanken gerät. Über dem Weiher zur Linkeu
schweben die dunkelen Schatten der Abenddämmerung,
die, je weiter sie an deni bewaldeten Abhang im
Hintergrunde emporsteigen, desto transparenter nnd ge-
schmeidiger werden. Das Ganze ist ungemein flüssig
behandelt, ohne daß irgendwo ein stärkeres Jmpasto
zu Hilfe genommen worden ist, um eine grobsinnliche
Wirkung zu erzielen.

Auf dem zweiten Bilde durchflutet das Licht die
Schatten so gleichmäßig, daß sein harmonisirender
Einfluß. auch die wenigen resoluten Lokalfarben abge-
dämpft und auf eine sehr eng begrenzte Wirkung ein-
geschränkt hat. Vor einer Felswand steht, von einem
lichten Glanze umflossen, der Erzengel Gabriel nnd
zeigt dem neben ihm knieenden Daniel, auf dessen
Schulter er mit ungemein zärtlicher Gebärde, be-
gleitet von dem liebevollsten Gesichtsausdruck, seine
Hand gelegt hat, jenseits eines in tiefcm, wild zer-
rissenem Bette strömenden Baches den Ziegenbock (den
König in Griechcnland), welchcr den Widder (die
Könige in Medien und Persien) vernichtet hat. Jm
Hintergrunde sieht man auf einer waldigen Berges-
höhe wieder jenen massigen Thurm, welcher durch seine

eigentiimliche Form anch auf dem andern Bilde so-
fort ins Auge fällt. Habcn wir auf diesem die exquisite
Färbung, die feine Modellirung und den Zanber der
Stimmung, also mehr technisch-malerische Vorzüge,
bewundert, so fesselt uns in der „Vision des Daniel"
vornehmlich der poetische Gehalt, die wunderbare Tiefe
der Empfindung, die wahrhaft religiöse Jnbrunst, die
ebenfosehr aus den Köpfen der beiden Figuren wie
aus dem die Schatten durchdringendenLichte spricht. ü —

Das angebliche Porträt des Nürnberger Septem-
virs Muffel von Dürer präsentirt sich viel günstiger,
als man nach der etwas kühlen Beurteilung Thausings
(Dürer, S. 478) erwarten durfte, die sich vielleicht
nicht auf eine gründliche Autopsie des Verfassers stütztZ)
Zunächst ist zu bemerken, daß das Porträt unmöglich
„nach einer srüheren Zeichnung und aus der Erinne-
rung gemcilt" sein kann, da die meisterhaft behandeltcn
Partien um die beiden Augen herum mit ihren seinen
bläulichen und grünlichen Schatten, den durch das
Alter bedingten Hebungen und Senkungcn der Hant
nur mit einer bewunderungswürdigen Geduld un-
mittelbar nach der Natur nicht gemalt, nein faksiniilirt
sein können. Und dieser Sorgfalt entspricht auch die
übrige Ausführung des Bildes, das zwar im Jahre
1870 in Petersburg von Holz auf Leinwand über-
tragen worden ist, aber so geschickt, daß nicht die
kleinste Partie verletzt wurde. Es muß ein überans
feiner Pinsel gewesen sein, vielleicht von Marder-
haaren, mit welchem DUrer unter Zuhilfenahme der
Lupe dieses Bildnis gemalt hat. Wenn man es auS
unmittelbarer Nähe betrachtet, kann man sich nicht
satt genug sehen an diesem Wunderwerk einer minu-
tiösen Aussührung, die keine Hautfalte, kein Härchen
zu gering achtet, um übersehen oder umgangen zu
werden.

Der Septemvir Muffel starb am 1g. April 1526,
welche Jahreszahl bekanntlich auch das Gemälde trägt,
und darauf stützt vornehmlich Thausing seine Annahme,
daß das Bild nicht nach .dem Leben gemalt sei. Wie
aber, wenn dasselbe gar nicht den Jakob Mnffel dar-
stellte? Wenn nämlich die Zeichnung vom Jahre 1517
in der Sammlung Dumesnil, auf welche sich Ephrussi
beruft (s. OsL. äss Rsnux-^rts, Märzheft S. 221),
wirklich den Septemvir Muffel darstellt, so kann unser

1) Den Daniel hat Baronet Lechmere um mehrere Pfund
höher bezahlt, als die Susanne, ivährend sich heute das Ber-
hältnis umgekehrt stellen ivürde. Jn einer Auktion würde
die letztere niindestens auf 150000 Frcs. gehen. Dem Ber-
liner Museum haben aber beide Bilder zusammen nicht so
viel gekostet.

2) Die Radirung im Katalog der Auktion Narischkine und
in der (lanstts äss Lsanx-^-its giebt keine Vorstellung von
dem Originale.
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