Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 18.1883

Page: 479
DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kunstchronik1883/0242
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
479

Laokoonstudim.

480

der Kinder als die höchste Staffel des Affektes be-
zeichnet, beim Laokoon den Tod aber nicht; denn es
ist etwas total Verschiedenes um eine im Affckt er-
folgende Tötung eines anderen, vder auch seiner eigenen
Person, und den infolge eines Schlangenbisses ein-
tretenden Tod, wie beim Laokoon. Die höchste Staffel
der Handlung wie des Affektes — ich bleibe bei dieser
Gleichstellung — liegt ja nicht im Sterben, sondern
im Handeln: beim Laokvon aber wäre, wie gesagt, im
Augenblick seines Tvdes kein Handeln mehr da. — Auch
die Opferung der Jphigenie sührt Herr Valentin an:
„der Höhepunkt des Affektes, dessen letzte fhier gebraucht
also Herr Valentin geradezu „letzte" als identisch mit
„höchste'ff Staffel, ist das Opfer selbst; dasür wird
ganz einfach wieder snämlich von mirf der „Höhepunkt
der Handlung" gesetzt." — Ich srage: welcher Augcn-
blick aus der Opferung der Jphigenie ist denn sonst
der Höhepunkt der Handlung, wenn nicht eben dieser?

Ani unbegreiflichsten aber wird Herrn Valentins
Mißverständnis beimBeispiel vom rasendenAjas. „Bei
dem rasenden Ajas ist es nicht etwa der Höhepunkt
der Handlung, sein Wüten gegen die Herden, sondern
sein Selbstmord, in welchem das Begonnene, die Scham
und Berzweiflung, zur Vollendung kommt/' Damit
vergleiche man den Wortlaut Lessings: „Ajax erschien
nicht, wie er nnter den Herden wütet und Rinder und
Böcke für Menschen fesselt und mordet. Sondern der
Meister zeigte ihn, wie er nach diesen wahnwitzigen
Heldenthaten ermattet dasitzt und den Anschlag fasset,
sich selbst umzubringen. Und das ist wirklich der
rasende Ajax; nicht weil er eben jetzt raset, sondern
weil man sieht, daß er geraset hat; weil man die
Größe seiner Raserei am lebhaftesten aus der ver-
zlveiflungsvollen Scham abnimmt, die er nun selbst
darüber empfindet." Von der Medea sagt Lessing
kurz vorher: „Die Medea hatte er nicht in dem Augen-
blicke genommen, in welchem sie ihre Kinder wirklich
crmordet, svndern einige Augenblicke zuvor, da die
mütterliche Liebe noch mil der Eisersucht kämpfet. Wir
sehen das Ende dieses Kampfes voraus u. s. w." Diese
Worte stehen denen über den Ajax hinsichtlich der lvgi-
schen Anordnung ganz parallel; inhaltlich umschrieben
heißcn sie: u) der Künstler hat nicht den Höhepunkt
des Affektes (Wüten unter den Herden, Morden der
Kinder) gewählt; b) er hat vielmehr dvrt einen späteren,
hier eincn früheren Angenblick dargestellt; o) aber
gerade dieser führt unsere Phantasie zum Höhepunkt,
dort rückwärts, hier Vvrwärts schließend. Was wvllte
denn auch das wundervolle Gleichnis am Schluß:
„Man sieht den Sturm in den Trümmern und Leichen,
die er an das Land geworfen", besagen, wenn die
höchste Staffel dcs Affektes nach Lessings Meinnng
nicht die Raserci, sondern dcr Selbstmord wäre? —

Wenn nun beim rasenden Ajax die Raserei der Höhe-
Punkt des Affektes ist, so folgt darans vvn selbst, daß
Lessing auch einen späteren Moment als fruchtbar an-
erkannte.

Aber, meint Herr Valentin, „nach Lessing, welcher
Handlung und Affekt unterscheidet, folgt auf die höchste
Staffel des Affektes überhaupt weiter nichts mehr."
Falsch; salsch im Nebensatz wie im Hauptsatz. Lessing
gebraucht selbst im 16. Abschnitt das Wvrt „Hand-
lung", wo er nach Herrn Valentin hätte „Affekt" ge-
brauchen müssen. Denn wenn er dort sagt: „Die
Malerei kann in ihren kvexistirenden Kompositivnen
nur einen einzigen Augenblick der Handlung nützcu
und muß daher den prägnantesten wählen, aus welcheni
das Vorhergehende und Folgende am begreiflichsten
wird", so hat bisher noch jeder Erklärer und Ästhetiker
dies nicht anders betrachtet, denn als eine Rückbeziehung
auf die im dritten Abschnitt gemachte Prämisse von
der Wahl des sruchtbarsten Augenblicks Les AsiektcS.
Der Künstler muß einen Moment der Handlung
wählen, und zwar den prägnantesten; und dieser
prägnanteste muß zugleich, aus den im dritten Ab-
schnitt entwickelten Gründen, ein fruchtbarer sein.
Muß ich Herrn Valentin außerdem noch auf jene (in
meinem Kommentar, S. 602, besprochene) Stelle aus
der Abhandlung über die Fabel aufmerksam machen,
woraus hervorgeht, daß Lessing auch den Affekt als
Handlnng betrachtete? Nach der dort gegebenen Defini-
tion Lessings ist in der That jeder Affekt Handlung,
wenn auch natllrlich darum noch keineswegs jede Hand-
lung Asiekt ist.

Und zweitens: Lessing sagt nicht, daß auf die
hvchste Staffel des Affektes nichts mehr fvlge: sondern
nur, daß über ihr nichts sei. Natürlich, denn sie ist
ja eben die höchste. Affekt und Handlung gleichen einer
anf- und absteigenden Kurve, über dem höchsten Punkt
derselben ist nichts, wohl aber folgen demselben noch
andere, wieder niedriger belegene Punkte. Es scheint
damit im Widerspruch zu stehen, wenn Lessing vom
Laokoon sagt: „Wcnn er schreit, so kann die Phantasie
von dieser Borstellung weder eine Stufe höher, noch
eine Stufe tiefer steigen, ohne ihn in einem leidlicheren,
fvlglich uninteressanteren Zustand zu erblicken. Sie
sieht ihn erst ächzen, oder sie sieht ihn schon tvt." Aber
dieser Widerspruch ist nur ein scheinbarer. Denn wir
haben geseheu, daß Lessing, wie ein Vergleich eben dieser
Worte mit dem Vorhergehenden zeigt, als die höchste
Staffel des Affektes nicht den Tod, sondern das
Schreien betrachtet; folglich kann er hier bei dem Aus-
drucke, „eine Stufe höher resp. tiefer steigen" nicht
eine Steigerung dcs Affektes meinen, sondern nur das
zeitliche Fortschreiten der Handlnng, „eine Stufe höher"
ist sv viel als „cine Stnfe weiter in der Zeit". Herr
loading ...