Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 18.1883

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Die akademische Kunstausstellung in Berlin.

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nur erfreulicher wäre. Unter 120 Porträts, welche
also etwa 18 Prozent Ler Gemälde ausmachen, be-
finden sich beispielsweise nur zwei, die man als Meister-
werke bezeichnen kann, das Bildnis einer Dame in
mittleren Jahren von L. Knaus, ein Wunderwerk
zarter Malerei, feiner Modellirung und seelenvoller
Charakteristik, und das Porträt einer jungen Dame in
ganzer Figur mit einem braunen Hunde von Ferdinand
Keller, mit welchem sich der berühmte Kolorist als
Bildnismaler ersten Ranges legitimirt hat, frank und
natürlich, als ob sich Velasquez und van Dyck —
ostoris xuribns — in ihren gesündesten Stunden die
Hände gereicht hätten. Rechnet man noch zwei Bild-
nisse von Bokelmann und dem Franzosen Bretier,
einem Schüler von Cabanel und Bouguereau, die sich
durch lebendige, geistreiche Auffassung und Behandlung
auszeichnen, und zwei tüchtig gemalte und korrekt
modellirte, männliche Pvrträts von Breitbach und
F. Encke hinzu, so sind wir am Ende angelangt, denn
die beiden blechernen, bis zur Langweiligkeit „distin-
guirten" Porträts von Emile Wauters kvnnen nur
demjenigen Respekt einflößen, welcher etwas auf große
Leinewand hält. Und dasselbe können wir von dem
Kolossalgemälde „Die Berurteilung von Johannes Huß
dnrch das Konstanzer Konzil" von Vacslav Brozik
sagen, der es sich in den Kopf gesetzt hat, die Düssel-
dorfer Historienmalerei mit den koloristischen Hilfs-
mitteln von Piloty und der Pariser Schnle, zu welchen
neuerdings ein Zuschuß von Munkacsy gekommen ist,
wieder zu beleben. Was sonst von Historienmalerei
zu sehen ist, verträgt sich viel besser mit dem Genre
als mit der Malerei großen Stils.

Auch das eigentliche Genre ist nur dürftig ver-
treten. Bokelmanns „Jm Gerichtsvorsaale" zeigt
zwar wiederum eine Fülle von Typen, die mit ge-
wohnter Schneidigkeit charakterisirt sind, entbehrt je-
doch des Zusammenhangs, eines Mittelpunktes, der die
Fignren zusammenhält und etwas Einheit in die
Gruppen hineinbringt. Defreggers „Salontiroler"
aus der Nationalgalerie ist keine seiner glücklicheren
Schöpfungen: die Farbe ist stumpfer als sonst, das Hell-
dunkel nicht schwebend und durchsichtig genug und die
Figuren sind nur von mäßigem Reiz. Vautiers
„Schwarzer Peter" gehört der Periode des Meisters
an, Welche sein zukünstiger Biograph als die „flaue"
bezeichnen wird. Riefstahl hat uns ebensalls an
etwas Besseres gewöhnt, als uns sein „Anatomisches
Theater in Bologna" bietet. Dagegen zeigen sich
einige jüngere Genremaler von recht vorteilhafter Seite,
so z. B. der Berliner Röchling mit einer ergreifen-
den Szene aus dem letzten Kriege „Zum Tode wund!",
die Münchner Edmund Harburger, Hugo Kauff-
mann und Velten, ein Schüler von Diez. Otto

Kirberg, der so vielversprechend begann, hat mit
einer „Holländischen Kirmesscene" bei großem Figuren-
reichtum einen bedauerlichen Mangel an Kompositions-
talent gezeigt. Von den älteren Meistern des Genres
— Knaus ist nur mit jenem Porträt vertreten —
hat sich eigentlich nur Fritz Werner auf alter Höhe
erhalten, der mit zwei Genrebildern aus der Rococo-
zeit und einem „Zoologen" in seiner Sammlung wie-
der ein vollgllltiges Zeugnis von seinem erstaunlichen
Wiffen und Können abgelegt hat.

Aus der Zahl der Landschaften sind italienische
von O. Achenbach und Lutteroth, norwegische von
Normann, eine märkische von Scherres, einige
russische von Julius von Klever und eine mit meister-
licher Bravour und mit großartiger Auffassung be-
handelte nordische Strandscene von A. Hertel her-
vorzuheben.

Damit diese Übersicht, der wir einen eingehen-
deren mit Jllustrationen versehenen Bericht in der
„Zeitschrift" folgen lassen werden, nicht gar zu ärm-
lich ausfällt, wollen wir noch hinzufügen, daß Am-
berg, A. Baur, O. und A. Begas, Bellermann,
Biermann, Böcklin, I. Brandt, H. Eschke, W.
Gentz, Gude, Gussow, A. v. Heyden, Holm-
berg, Hünten, E. Koerner, Menzel, Paul
Meyerheim, Gnstav Richter, Steffeck und A. v.
Werner auf der Ausstellung vertreten sind, ohne daß
damit gesagt sein soll, daß diese Künstler durchweg
Gemälde ausgestellt hätten, die ihres Namens würdig
sind. Vielleicht hat auch manchen die Ungewißheit
über den Charakter des Ausstellungslokals zurückge-
halten. Die Räume des Polytechnikums sind Säle
zum Lesen, Lernen nnd Zeichnen, aber nicht zur Aus-
stellung von Kemälden geeignet. Wenn man auch
durch Draperien, durch Scherwände, durch Verdeckung
Ler unteren Fensterteile alles mögliche versucht hat,
um eine günstige Beleuchtung zn erreichen, so ist das
doch nur in einem sehr geringen Maße gelungen.

Auch der gewaltige Lichthof mit seinen stolzen
Säulenhallen schädigt den Eindruck der Skulpturen,
welche in demselben ihre Ausstellung gefunden haben.
Nur durch künstliche Mittel hat man es zuwege ge-
bracht, Laß Eberleins schönes Relief „Der Genins
Deutschlands", eine figurenreiche Verherrlichnng Kaiser
Wilhelms, einigermaßen zu seinem Rechte kommt. Viel
günstiger präsentiren sich die Bildwerke, welche auf
Lem terrassenartigen Vorplatz im Freien aufgestellt
worden sind.

Hier hat man Siemerings Lutherdenkmal für
Eisleben einschljeßlich des granitenen Sockels im Ori-
ginal errichtet, ferner das Modell zur Prinz Adalbert-
statue für Wilhelmshaven von Schuler, eine koloffale
Gruppe aus bronzirtem Gips, einen Löwen, der seine
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