Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 18.1883

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Die Jahresausstellung im Wiener Künstlerhause.

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mal u. a. eine Ansicht der Wiener Himmelpfortgasse
mit dem prächtigen Palais des Prinzen Eugen, dem
heutigen Finanzministerium. Jn solchen architektoni-
schen Prvspekten wüßten wir ihm niemanden an die
Seite zu stellen. Ein Probestück für die Virtuosität
des Meisters war die Aufnahme des Verduner Altars
in Klosterneuburg. Alt läßt nns durch das teilweise
geöffnete Eisengitter der Kapelle, welche dem berühm-
ten Werke mittelalterlicher Emailtechnik heute als Auf-
bewahrungsort dient, in das Jnnere hineinblicken und
sührt somit die zahlreichen kleinen Täfelchen mit
ihren Hunderten von Figürchen, aus denen das Ante-
pendium besteht, uns in einiger Entfernnng vor. Wie
es ihm dabei doch gelungen ist, auch im Einzelnen
den Stilcharakter festzuhalten und keineswegs nur ein
wirres Durcheinander von Farben und Goldglanz zu
erzeugen: das muß man sehen, um es — namentlich
als Werk eines Siebzigers — fiir möglich zu halten.
Dieses Aguarell, wie die drei anderen, welche Rudolf
Alt noch zur Ausstellung brachte, sind Bestellungen des
Ministeriums für Kultus und Unterricht, welches den
Künstler seit Jahren beschaftigt. Die auf diese Weise
entstandenen zahlreichen Blätter werden der Sanimlung
der Wiener Akademie der bildenden Künste einverleibt.
Dort hat man den Alt der letzten Epoche demnach
vorzugsweise zu suchen.

Jn den anstoßenden unteren Räumen des Künstler-
hauses sinden sich ferner die einzigen nennenswerten
Schöpfungen religiöser Malerei, welche die Ausstellung
aufzuweisen hat: Prof. Trenkwalds „Marienleben"
für die Wiener Votivkirchenfenster und eine Anzahl
ebenfalls für Glasmalerei Lestimmter farbiger Kartons,
meistens mit einzelnen Heiligengestalten, von Prof.
M. Rieser. Jn allen diesen edlen, von einem echt
monnmentalen Geist erfüllten Werken lebt die Tradi-
tion der Schule Führichs fort. Wird sie auch die
Grenze unserer Zeit überdauern? Schwieriger viel-
leicht in der strengen, schlichten Weise Trenkwalds als
mit einigen Konzessionen an das Moderne, wie sie
sich bei Rieser fühlbar machen.

Endlich ist in den Sälen des Erdgeschosses noch
die Reihe wundervoller landschaftlicher Aguarelle höchst
beachtenswert, welche Prof. Ed. v. Lichtenfels, wie
schon in einer früheren Notiz berichtet wurde, für
Baron Rothschild in Wien ausgeführt hat und deren
Motive dessen Besitzungen bei Langau entnommen sind.
Da ist vor allem ein weites Thal, von der Sonne
dnrchwärmt, dann ein Stück Waldrevier mit saftigen
Wiesen im Abenddunkel, ferner ein Blick von der Höhe
auf ein reichgegliedertes Bergpanorama, dazu eine
ganze Tonleiter von Stimmungen, Tages- und Jahres-
zeiten, den Boden- und Vegetationsformen sinnig an-
gepaßt, alles von der feinsten Empsindung durchdrungen.

So schön und vriginelt in Stoff und Behandlung das
große, ein Motiv von der istrischen Küste behandelnde
Ölbild auch ist, welches Lichtenfels ebenfalls ausgestellt
hat: wir möchten doch jenen, auch in technischer Be-
ziehung ungemein interessanten Aquarellen den Vorzug
einräumen und halten überhaupt diejenigen seiner
Werke für die gelungeneren, zu denen er die Stoffe
sich aus der heimischen Natur, den lieblichen Thälern
und Fluren unserer Donaugegenden, geholt hat.

Der begabteste der jüngeren landschaftlichen
Stimmungsmaler Wiens, Emil Schindler, war nie-
mals besser vertreten als durch die kleine „Partie aus
Zütphen in Holland", ein so fein durchgebildetes, in
den zartesten Lufttönen schwimmendes Stückchen schlich-
tester Natur, wie es nur jemals ein moderner Meister
uns auf die Leinwand gezaubert hat. Auch Hugo
Darnaut in Wien und Ludwig Willroider in
München bringen empsindungsvvlle Naturschilderungen;
Herm. Baisch in Karlsruhe wollte uns diesmal etwas
manierirt erscheinen und läust Gefahr, mit seinen
Wolkenbildungen und Lufttönen in Mvnotonie zu ver-
fallen. Oswald Achenbachs im sonnigem Abcnd-
glanze prangende „Villa Torlonia" zeigt dagegen den
Birtuosen in seiner altbewährten Kraft.

Bon den Dutzenden geschickter Stilllebenmalereien
und sonstiger Kleinigkeiten, welche die geschmackvollen
Arrangeure der Ausstellung über die Wände hingestreut
haben, und auf denen das Auge gern einen Moment
verweilt, kann unser Bericht absehen, weil weder Neucs
noch wirklich Bedeutendes darin zu Tage tritt. — Unter
den Tierstücken verdienen die Bilder von Prof. Huber
Erwähnung, namentlich zwei, welche sich zu einander
verhalten, wie Jdyll und Drama. Das erstere, „Mutter-
sreuden" betitelt, führt uns in den Kreis einer Familie
vonSchweinen, zu deren gefleckter Hautfarbe das Ganze
gestimmt ist; es liegt ein eigener Duft von Naturpoesie
und Humor über diesem schweinernen Stimmungsbilde.
Das andere Stllck: „Kämpfende Kühe", bringt zu dem
spannenden Motiv auch eine dramatische Scenerie: eine
hochgelegene Alm mit schroffem Abfall in die Tiefe,
deren Schauer den Besiegten drohen. Die Charak-
teristik der Tiere ist auf beiden Bildern von gleicher
Meisterschaft.

Von den Bildhauern der Schule fehlen wenige.
Kundmann hat sein schönes Relief: „Lasset die Kind-
lein zu mir kommen" und einige vortreffliche Porträt-
büsten ausgestellt. Benk, Schmidgruber, König
u. a. sind mit ansprechenden Werken vertreten. Aber
den Preis hat wieder einmal Viktor Tilgner abge-
schossen und zwar mit dem Bronzekopf einer Jtalienerin
von solcher Schärfe und zugleich Anmut der Charak-
teristik und von einer so liebevollen, durchgeistigten
Ausführung, daß wir ihm weniges Moderne zu ver-
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