Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 18.1883

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Kunstlitteratur.

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zuerkcmnte, nvch als ein Werk des Engelbrechtsen an-
gesührt. Waagen aber hat schon längst dargethan,
daß er bon dem „Meister vom Tode der Maria"
herrnhrt; eine Thatsache, die seitdem nicht mehr ange-
zweifelt wurde. — Nicht minder heiter ist die Repro-
duktion einer von de Jongh, dem Herausgeber der
neuen Auflage des Karel van Mander vom Jahre
1764, erfundenen Geschichte, welche erzählt, daß der
Vater desselben Malers Engelbrechtsen, Tylograph resp.
Holzschneider gewesen sei, nnd daß von seiner Hand
Holzschnitte herrlihren, welche mit einem bi und den
Zahlen 1466 nnd 1467 bezeichnct sind. De Jongh
nahm offenbar die Kupferstiche des Meisters bl. 8. vom
Jahrc 1466, fnr Holzschnitte des altcn Engelbrecht; ihm
ist dieser Jrrtum zu verzeihen, aber Taurel mußte doch
wissen, daß überhaupt keine mit bi und einer der-
artigen Jahreszahl bezeichneten Holzschnitte epistiren;
wozu hätten denn Bartsch und Passavant so viele dicke
Bände über derlei Sachen geschrieben, wenn man sie
inr betreffenden Falle nicht einmal nachschlägt?

Ebenso überflüssig ist das Aufwärmen der längst
erledigten Hypothese, nach welcher Lucas Cornelisz, der
dritte und jüngste Sohn desselben Cornelis Engel-
brechtsen, der unter dem Monogramm L und einem
Krnge, verborgene Kupferstecher sein soll. Es ist doch
hinreichend bekannt, daß dieser Meister Ludwig Krug
hieß und ein Nürnberger war.

Jn der Biographie des Roger van der Weyden
werden natürlich die Berner Tapeten, wie dies auch
G. Kinkel versuchte, auf Grund der gleichlautenden
Jnschriften, fiir Kopien der verlorenen Brüsseler Rat-
hausbilder des Roger van der Weyden angesehen. Es
ist beinahe überflüssig in einer Sache, in welcher ein
entscheidendes Urteil aus dem Grunde nicht gefällt
werden kann, daß die fraglichen Rathausbilder nicht
mehr vorhanden sind, viel Worte zu verlieren, aber
wer nur halbwegs mit dem Geiste der niederländischen
Kunst des 15. Jahrhunderts vertraut ist, kann nie und
nimmer an eine derartige Behauptung glauben. Ein
Bild und eine Tapete waren sür Roger van der
Weyden, und für jeden niederländischen Künstler jener
Zeit, zwei so himmelweit verschiedene Dinge, daß es
nie einem von ihnen in den Sinn gekommen sein kann,
eine für ein Gemälde bestimmte Kompofition auf eine
Tapete übertragen zu lassen. Die Behauptung ist
ganz unhaltbar, wenn man bedenkt, daß der künstlerische
Prozeß, der erforderlich ist, eine Tapete herzustellen, ein
ganz anderer ist als der, welcher zur Schaffung eines Gc-
mäldes nötig ist. Übrigens zeigen die noch vorhandenen
Berner Tapeten hinlänglich, daß sie ganz gewiß
nichts als die Schristzeilen mit den Rathausbildern
gemein haben konnten. Ebenso gewagt erscheint uns
die unbedingte Zuweisung der von Taurel reprodu-

zirten „Anbetung derKönige" des bischvflichen Museums
in Utrecht an Noger van der Weyden. Das Bild
hat Ähnlichkeit mit einem anderen in München befind-
lichen, aber es scheint doch nicht von Roger herzurühren.
Auch die hier reproduzirte „Vermählung der Jungfrau
Maria" aus Lierre, welche angeblich von Jan Mabuse
herrühren soll, ist zweifelhast.

Weit gediegener sind, wie gesagt, die Aufsätze
James Weale's. Jn der Biographie Memlincs hebt
dieser gelehrte Autor hervor, daß die Farbe der Bilder
dieses Meisters den Einfluß der kölnischen Schule
verrät, eine Bemerkung, auf welche wir besonderes Ge-
wicht zu legen Ursache haben, da sie — richtig ist.
Weale hält Memlinc sür einen Nordholländer ans
Medemblick (Mcmelinck) bei Alkmar. Wir glanben
aber, daß auch mit dieser Annahme der dcutsche Name
„Hans", unter welchem der Künstlcr vorkomnit, in so
großem Widerspruche steht, daß wir uns —. trotzWeale's
Autorität — nicht recht damit befreunden können.
Auffallend ist es, daß es Weale, der sich mit Gerard
David schon wiederholt und eingehend beschäftigt hat,
noch nie anffiel, daß der Maler aller jener Bilder,
welche heute wohl niit volleni Rechte Gerard David
zugeschrieben werden, — ganz bestimmt in Jtalien
gewesen sein und die Kunstwerke in Florenz sowohl
als die Werke Giotto's gekannt haben muß. Wir
werden auf diese Thatsachen einmal bei Gelegenheit
eingehend zurückkvmmen.

Es wäre noch viel übcr dieses Buch zn sagcn,
aber wir woklen den zahlreichen Mitarbeitern die
Freude daran nicht verderben. Vielleicht aber er-
weisen wir Herrn Taurel einen Dienst, wenn wir ihm
den Namen des Künstlers nennen, von welchem das
von ihm reproduzirte Gemälde des Amsterdamer
Musenms, das sogenannte „Sühnopfer des neuen
Testamentes", herrührt. Herr Alberdingk Thijm, der
j Verfasser des dazugehörigen Artikels, giebt sich alle er-
denkliche Mühe, es von dem Verdachte zu reinigen,
daß es ein Werk des Jan van Eyck sei, auf dessen
Namen es in früheren Jahren getauft war. Es ist
ganz gewiß kein van Eyck, aber es ist ein gnter
^ Holländer und ein so interessantes, so wichtiges, so
I originelles Bild, daß wir dem Amsterdamer Museum
zu seinem Besitze nur gratuliren können; es kann näm-
lich darüber, daß es von Geertgen tot Sint Jans
herrührt, dem Maler der beiden aus dem Johannes-
hospitale in Haarlem stammenden Flügelbilder dcr
> Galerie des Belvederes in Wien, gar kein Zweifel mehr
obwalten.

Wir hätten gewünscht, daß ein Buch, welches, wie
! das Vvrliegende, mit ziemlich bedeutenden Kosten ins
Werk gesctzt Wurde, auch in einem Geiste redigirt und
geschrieben wäre, der den strengen Anforderungen der
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