Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 18.1883

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Kunsthandel. — Nekrologe. — Kunsthistorisches. — Konkurrenzen. — Sammlungen und Ausstellungen.

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Traktat von Piero della Francesca. Auf diese beiden
Autoren des 15. Jahrhunderts folgt Jean Pelerin
(Viator) niit seinem 1509 in Toul erschienenen ersten
gedruckten Lehrbuch über den Gegenstand; in Deutsch-
land geht Dürer voran mit der „Unterweisung der
Messung" (1525); in Jtalien führen Serliv (1545)
und Dan. Barbaro (1569) die Lehren der Vorgänger
weiter aus. Jm 17. Jahrhundert ist sodann Guido
Ubaldo der erste, welcher die Perspektive vom Stand-
punkte der darstellenden Geometrie auffaßt. Aber erst
nachdem I. H. Lambert (1759) von diesem Gesichts-
punkte aus scine „Perspektivische Gconwtrie" und dic
auf ihr basirende „freie" oder „nialerische Perspektive"
geschasfen hatte, war die wissenschaftliche Perspektivlehre
in der Hauptsache abgeschlossen. „Jn allen neueren
Lehrbüchern der Perspektive konnte es sich nur mehr
darum handeln, auf diese Theorie gestützt die Ver-
fahrungsarten möglichst abzukürzen."

Auch NiemannS Buch hat sich in seinem konstruk-
tiven Teile keine andere Aufgabe gesetzt. Der Text
ist mvglichst knapp gehalten, alles Nebensächliche bei-
seite gelassen. Das Hauptgewicht legt der Autor auf
eine Auswahl von mehr oder weniger malerischen
Kompositionen, welche bestimmt sind, den Lernenden
durch den Augenschein darauf hinzuweisen, daß zwischen
perspektivischer Richtigkeit und malerischer Harmonie
ein inniger Zusammenhang besteht, daß die Theorie
der Perspektive nicht bloß lehrt, wie ein einzelner recht-
cckiger Kvrper oder ein Gesimse richtig zu zeichnen sei,
sondern auch, wie man die Dinge mit räumlicher Deut-
lichkeit zu gruppiren habe, um ein unser Auge be-
sriedigendes Bild zu schaffen. Einige der beigegebenen
Tafeln (XIII, XV und XVIII) enthalten Veduten,
welche weniger zum Nachzeichnen dienen, als vielmehr
in dem angedeuteten Sinne die Gesetzmäßigkeit der
perspektivischen Erscheinungen in der Natur veranschau-
lichen sollen. Die ganze Behandlung des Gegen-
standes bekundet den ebensv ersahrenen wie künstlerisch
durchgebildeten Lehrcr. 0. v. I/.

Aunsthandel.

— x. Dic Platte von E. Mandels Stich der Sixtinischen
Madonna ist in den Besitz der Kunsthandlung von Amsler <L
Ruthardt (Gebr. Meder) in Berlin übergegangen. Es ist ge-
gründete Aussicht vorhanden, wenigstens die ersten Abdrücke
dieser Meisterarbeit des Grabstichels auf dem diesjährigen
Weihnachtstische zu finden.

Nekrologe.

-1.- K. Z. Mylius ch- Am 27. April starb in dem noch
jugendlichen Alter von IlJahren der Architekt K. I. Mylius,
welcher, in Frankfurt gsboren und dort unter Prosessor
Hessemer im Städelschen Jnstitut vorgebildet, seine Studien
ünter Semper vollendete. Nach einer Studienreise in Jtalien
ließ er sich in seiner Vaterstadt nieder (186U), verband sich
anfangs dsr siebziger Jahre mit dem inzwischen als Lehrer
nach Zürich berufenen Architekten Bluntschli und errang

mit diesem eine weithin verbreitete Anerksnnung. Außer
einer Reihe von Privatbauten in Frankfurt und der Um-
gegsnd, bauten sie das Bankhaus in Mannheim und den
„Frankfurter Hof" in Frankfurt. Bei der ersten Reichstags-
konkurrenz errangen sie den zweiten Preis, bei der Rathaus-
konkurrenz in Hamburg den ersten Preis, bei der Konkurrenz
um den Centralbahnhof in Frankfurt fand ihr Plan hohe
Anerkennung. Bei der letzten Konkurrenz für das Reichs-
tagshaus hatte sich Mylius mit Neher vereinigt; sie lieferten
einen anerkennend erwähnten Plan (Nr. 85) mit > förmigem
Grundriß, Freitreppe nach dem Königsplatze und lvirkungs-
voller Gruppirung der Baumassen. Bei diesen Versinigungen
vertrat Mylius die dekorative Seite, für deren feine Durch-
bildung er eine besonders hohe Begabung hatte.

Frau Mary Heaton, eine auf denr Gebiete der Kunst-
geschichte nicht ohne Erfolg thätige Schriftstellerin, ist am
1. Juni, -17 Jahre alt, in London einer langwierigen Krankheit
erlegen. Jhr bekanntestes Werk ist eine Biographie Dürers
(Historz- ok tbs liks ok Xlbrsebt, Oürsr, I-omlon, 1889), welche
in unserer Zeitschrift, Jahrg. V. S. 157 besprochen wurde.

Aunsthistorisches.

-I. D. Jn Tivoli entdeckte man auf einem Grundstücke des
Herrn Genga in der Nähe der Kirche S. Lorenzo die Funda-
msnte des Herkulestempels, dessen genaue Lage bisher un-
bekannt war. Bemerkenswert erschienen bei diesem Funde zwei
msnss ponäsraris, übsr welche der Archäologs Senator Rosa
demnächst Bericht erstatten wird. Eine andere erfreuliche Nach-
richt aus Tivoli msldst, daß nunmehr die Untsrhandlungen
zwischen der Gsmeinde und den Besitzern bezüglich der voll-
ständigen Jsolirung des herrlichen Sibyllentempels bei den
Wasserfällen abgeschlossen wurden, so daß binnen kurzem der
Bau in seinem ganzen Umfange sichtbar sein wird.

Die Ausgrabungen iu Pergamon sind, wie bereits
mitgeteilt, wieder aufgenömmen worden. Dem „Centralblatt
der Bauverwaltung" zufolge handelt es sich hierbei in erster
Linie darum, allen Möglichkeiten nachzugehen, vermöge dsren
man noch in den Besitz gröherer oder geringerer Teile des
Gigantomachie-Reliefs vom großen Altar gelangen könnte.
Ferner sind auch die übrigen durch die früheren Arbeiten in
Fluß gebrachten Fragen zu einem Abschluß zu bringen, um
ein möglichst vollständiges Bild von der einstigen Gestalt
dieser königlichen Burg zu gewinnen. Da vr. C. Humann
in Begleitung des Or. O. Puchstein auf einer Reise nach
Kurdistan sich befindet, um ein von letzterem im vorigen
Jahre ausgefundenes höchst eigenartiges Grabdenkmal daselbst
näher zu untersuchen und aufzunehmen, so ist mit der
speziellen Leitung der Ausgrabungen in Pergamon der bereits
früher dort thätig gewesene Regierungsbaumeister R. Bohn
betraut worden. Derselbe befindet sich feit Anfang Mai auf
seinem Posten.

Aonkurrenzen.

— x. Behufs Errichtung eines Monumentes für Hugo
de Groot auf dem großen Markt in Delft wurde eins Kon-
kurrenz eröffnet, zu welcher die niederlündischen Bildhauer
und diejenigen anderer Nationen eingeladen werden. Das
Monument soll aus einem Standbild aus Bronzeguß von
3 m Höhe und einem Untersatz von Haustein bestehen. Die
Entwürfe müssen, auf V4 der wirklichen Größe modellirt,
vor dem 1. Dezember 1883 an das Museum Meermanno-
Westreenianum in 'sGravenhage (Prinzessegracht 3V)
oder an eine andere spüter zu bestimmende Stelle gesandt
sein. Der erste Preis ist 500 Fl., der zweite 200 Fl. holl.
Weitere Auskunft erteilt der Sekretär des gsnannten Museums.

Sammlungen und Ausstellungen.

Die historische Bronze-Ausstellung im Österreichischen
Museum findet von seiten des Publikums und der Kritik
viele Anerkennung. Es ist dies begreiflich, wenn man aus
den Reichtum an interessantem Material blickt, der in disser
Schaustellung gebotsn ist. Der ästhetische Sinn wird dort
ebenfosehr befriedigt wie die gelehrte Wißbegierde. Gleich
im Arkadenhofe, wo die räumlich größten Objekte Platz ge-
funden haben, finden wir eine Anzahl hochbedeutender Werke,
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