Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 18.1883

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Kunstlitteratur.

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von Miniaturgemälden aus dem 16. bis 18. Jahr-
hundert zu erwähnen, welche Herr Prof. Seyffer,
Jnspektor der königlichen Altertnmersammlung, aus
seinem Privatbesitz in der permanenten Kunst-
ausstellung ausgestellthat. Ebenso hat die Jnspektion
der kvniglichen Staatsgalerie wieder eine auserlesene
Zahl Ölgemälde von den Meistern Löffz, Zügel,
Lier, E.Zimmermann u. a. im Festsaal des Kunst-
gebäudes ausgestellt. Besonders angezogen hat uns
die „Audienz" von Laugheimer, einem ehemaligen
Zögling unserer Kunstschule. Wir sehen in cinem mit
großer Virtuosität gemalten Festsaal in den Formen des
Uppigsten Barocco's und reizend in der Perspektive ein
Paar Damen, welche den Besuch eines Husarenoffiziers
empfangen, der eben im Begrisf ist, einer der Damen
die Hand zu küssen. — Der Kunstverein brachte in
letzter Zeit ein paar prächtige Bilder von Schönleber,
Motive aus Holland, großartig in Stil und Auffassung,
zur Schau. U. L.

Aunstlitteratur.

Beschreibeude Darstelluug der ältereu Bau- und
Ruustdenkmäler des Rönigreichs Sachsen. I. Heft:
Amtshauptmannschaft Pirna. Dresden, in Komm.
bei Meinhold L Söhne. 1882.

Trotz aller Fortschritte der Forschung, trotz des
immer mehr erwachten historischen Sinnes wird bei
nns in Deutschland immer noch häufig genug gegen
die alten Denkmäler gesnndigt, und zwar ebenso-
sehr durch Verwahrlosung und Zerstörung wie durch
taktlose Restauration. Unter diesen Umständen ist nnd
bleibt es eine der wichtigsten Forderungen, daß vor
alleni durch genaue Jnventarisirung des noch bestehen-
den Vorrats an alten Kunstwerken wenigstens eine
Grundlage für die Kontrolle über dieselben geschaffen
werde. Wie wichtig außerdem derartige beschreibende
Verzeichnisse für eine umfassende Knnde unserer Monu-
mentenwelt sind, braucht kaum angedeutet zu werden.
Preußen hat bekanntlich ncucrdings diese Angelegenheit
energisch in die Hand genommen, nachdem besonders
der verstorbene kunstsinnige Oberpräsident von Möller
zuerst in Hessen, dann in Elsaß-Lothringen die Bahn
gcbrochen hatte.

Mit Freuden begrüßen wir demnach den Anfang
einer Jnventarisation der Denkmäler des Königreichs
Sachsen, der uns in dem kürzlich ausgegebenen statt-
lichen und rcich illustrirten ersten Hefte, auf sechs Druck-
bogen gr. 8, vorlicgt. Die sächsische Staatsregierung
stellt sich in Deutschland an eifriger Kunstpflege wett-
eifernd neben die preußische. Nach Maßgabe der Mittel
des Landes erfreut sich dort sowohl die Sorge für die
lebende Kunst als auch für die der Vergangenheit einer

nachdrücklichen Unterstützung. Wie man die Kunst der
Gegenwart durch Staatsaufträge zu heben und auf
monumentaler Höhe zn halten sucht, so geht man nun
auch in der Fiirsorge für die alten Denkmäler rüstig
voran. Der königl. sächsische Altertumsverein hat die
auf Kosten der Negierung durchzuführende Arbeit unter
seine Aufsicht genommen, und die bewährte Kraft des
Architekten Prof. vr. Steche ist es, welchc sich der
Ausführung des Werkes zunächst für die Amtshaupt-
mannschaft Pirna unterzogen hat.

Es handelt sich hier um ein zwar nicht sehr aus-
gedehntes, aber an eigentümlichen Denkmälern der
verschiedenen Epochen reiches Gebiet. Und zwar ist
es nicht bloß das Mittelalter, dem man Aufmerksam-
keit schenken will, nicht bloß die Renaiffance, von
welcher Sachsen gerade einige der frühesten und ori-
ginellsten Werke aufzuweisen hat, sondern selbst nm
die Schöpfungen der letzten beiden Jahrhunderte, in
welchen dort der Schauplatz einer besonders glänzenden
Kunstübung zu suchen ist, bewegt sich die Darstellung.
Mit vollem Recht, da wir aufgehvrt haben, irgend
eine kunstgeschichtliche Periode mit dem Anathem zu
belegen und von unserer Forschung auszuschließen.

Die Anordnung des vorliegenden Heftes befolgt
das alphabetische Prinzip, die Mitteilungen bernhen
im wesentlichen ans einer künstlerischen Würdigung und
Darstellung der Denkmale, wobei indes ersorderlichen
Falls auch archivalische Quellenforschung nicht ausge-
schlossen ist. Überaus erfreulich und für derartige
Arbeiten kaum zu entbehren ist die Hinzufügung einer
reichen Zahl von Jllustrationen, die durchweg bis jetzt
unedirte nnd meist unbekannte Denkmäler vorführcn.
Diese Abbildungen sind meistens durch Zinkätzung nach
einfachen aber charakteristischen Zeichnungen ausgeführt;
für wichtigere Arbeiten ist auch die Lithographie und,
was mit besonderem Dank anerkannt werden muß, der
Lichtdruck in verzüglichen Aufnahmen von Römmler und
Jonas herbeigezogen worden.

Den Glanzpunkt des Ganzen bildet Pirna, deffen
reiche Denkmäler der verschiedenen Epochen eingehend
geschildert und dargestellt sind. Zunächst kommt hier
die ansehnliche Stadtkirche in Betracht, ein Hallenbau
der spätgotischen Zeit, deffen Vollendung sich bis in
die Zeit der Renaissance, bis tief ins 16. Jahrhundert
hineinzieht. Die schlanken Pfeiler, die hohen, reich-
entwickelten Stern- und Netzgewölbe verleihen dem
Jnneren des Baues eine bedeutende Wirkung. Be-
sonders merkwürdig sind aber die Gemälde, welche alle
Gewölbeflächen des imposanten Baues bedccken. Da
dieselben gleich nach Einftthrung der Reformation ent-
standen sind, und da sie durchweg den Charakter der
Frührenaissance tragen, so sind sie ohne Frage das
merkwürdigste derartige Werk jund eins jder seltenen
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