Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 18.1883

Page: 755
DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kunstchronik1883/0380
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
755

Eine österreichische Stimme über das Niederwald-Denkmal.

den Ort für das Standbild bestimmt, so möchte man
glauben, daß man durch kunsterfahrene Überlcgung zu
dem Entschlusse gekommen sei, hier und nur hier das
allen deutschen Stämmen gemeinsame Monument zu
errichten. Gerade gegenüber liegt Bingen nnd ties
unter uns wie ein Zwerg der uralte Mäusetnrm mitten
im Rheinstrom, wo tausendjährige Erinnerungen und
Sagen zum deutschen Volke zn sprechen scheinen. Weiter
rechts vom Denkmal sindet sich der schöne Aussichts-
punkt der Rossel, von welchem man die Rheinstraße
meilenweit zu verfolgen vermag und wo sich Rhein-
stein nnd die Falkenburg präsentiren. Nnd zwischen
den engen Felsen am rechten und linken Ufer bricht
sich der Strom brausend sein Bett, verliert eine zeit-
lang seinen majestätisch ruhigen Lauf und stürzt in
raschem Gefälle anf Bacharach zn.

„An der Stelle jedoch, wo man das Denkmal ge-
gesetzt hat, läßt man den Blick lieber über das weite,
fast ebene Land hinschweifen, welches die Nahe wie
ein Silberstreifen durchzieht, und an deren Mündung
die berühmte Rebe des Scharlachberges uns winkt.
Hier liegt vor unseren Augen das vielumworbene Land
ausgebreitet, Welches der gallische Übermut seit den
Zeiten Cäsars besitzen zu müssen wähnte. Dorthin ist
auch das stolze triumphirende Auge der Germania ge-
richtet, welche die Krone in ihrer Rechten erhebt, um
es freudig über den Rhein hinüber zu rufen: „Sie ist
mein und mein ist das Land, so weit das deutsche
Auge reicht".

„Was nicht leicht bei einem Kolossalbilde ähn-
licher Art gelingen mag, ist von Schillings Germania
zu rühmen: der weitaus schönste Teil ist in der sreien,
ungezwungenen Haltung des Kopfes nnd des ganzen
Oberkörpers anznerkennen. Von Lieblichkeit und edlem
Ausdrucke des Gesichtes zu sprechen, möchte bei den
Dimensionen der Erzmasse verwegen erscheinen, und
dennoch ist es gerade das lebensvolle, sprechende Ant-
litz des herrlichen Weibes, welches den überwältigend-
sten Eindruck hervorbringt. Wie von einem Zauber
gebannt, bemerkt man die aus dem Walde hervor-
tretenden Beschauer sprachlos und nicht selten mit
Thränen im Auge nach dem erhabenen Bilde starren.
Da regt sich in Hunderten von neugierigen Touristen,
welche die steile Höhe erklommen, auch nicht der leiseste
Gedanke kleinlicher Tadelsucht. Still, fast erdrückt,
nähern sie sich dem bronzenen Denkmal, man glaubt
sich in einer Versammlung, wo alles den Atem anhält,
um die hehre Gestalt nicht zu stören; ja bezeichnend
genug kann man hier die Beobachtung machen, daß
einer dem anderen seine Bemerkung ins Ohr slüstert,
denn er hat an dieser Stelle vergessen, daß er sich im
weiten Raume, in Gottes freier Natur befindet.

„So völlig erschütternd ist der erste Eindruck des

756

Monuments. Germania hat sich von ihrem Sitze er-
hoben und hält das lorbeerbekränzte Schwert in der
Linken. Der rechte Arm, welcher die Krone hält, bildet
jedoch einen so scharf geschnittenen rechten Winkel, daß
man gut thut, die Seiteuansicht zu nieiden. Der
Mantel fällt in besonders gelungener Ausführung in
reichen Falten von der linken Schulter über die rechte
Hüfte nach vorne und ist am Gurte des Schwertes
geschürzt. Der Panzer blinkt in prächtiger Ciselirnng
und hebt in natürlicher und harmonischer Weise die
Büste des kräftigen Weibes ausdrncksvoll hervor.

„Rechts und links zu Füßen der Germania stehen
am untersten Teile des Postaments zwei Figuren, welche
Krieg und Frieden versinnbildlichen, zur Rechten der
Germania ein kräftiger, stolzer Jüngling, der frisch und
srei in die Kriegstrompete bläst und der zn den schönsten
Partien der Komposition gerechnet werden dürfte. We-
nigcr gelungen dagegen scheint der Friedensengel zu
sein, welcher den Eindruck einer verschobenen Bewegung
macht und dessen linker Flügel überdies so unglücklich
gegen die Frontansicht gestellt ist, daß er mehr einem
Schiffsschraubenflügel ähnlich sieht. Aber eine wunder-
bar ausgleichende Wirknng übt die im Bordergrunde
des Postaments besindliche Gruppe Ler beiden Fluß-
götter des Rheins und der Mosel, welche in traulichem
Berkehre, Freude und Liebe im Antlitz, bei einander
ruhen. Vater Rhein, welcher seither das Wächterhorn
an der deutschen Grenze in der Hand gehalten, über-
giebt es jetzt der blühenden Tochter, der Mosel, welche
dasselbe dankbaren Blickes entgegennimmt. Die Gruppe
wird gleichsam erläutert durch Lie Darstellung des
hiskvrischen Vorganges von 1870, welchen das große
Relief auf der Vorderseite des Unterbanes zum Aus-
druck bringt. Das bewegte und reiche Bild zeigt den
Kaiser Wilhelm überlebensgroß zu Pferde in der Mitte
der dentschen Fürsten, Feldherren und Staatsmänner;
zu den Seiten die Führer großer Truppenteile mit
ihren Stabs-Chefs und Soldaten jeder Truppen-
gattung, Kanonen und Fahnen. Alles in außerordent-
lich malerischer Gruppirung und mit frappanter Deut-
lichkeit jedes einzelnen Kopfes. Die Porträtähnlichkeit
ist bei den meisten Figuren Uberraschend. Unter dem
Relief ist die „Wacht am Rhein" vollständig zu lesen.

„Nechts und links an den Seiten oes Unterbaues
-sind die beiden schönen Neliefs: „Des Kriegers Ab-
schied" und „Die Heimkehr der Sieger" angebracht,
von welchen das letztere zur Zeit noch nicht ein-
gemauert war.

„Der obere Teil des Postaments ist mit dem
Eisernen Kreuze und dem Reichsadler, sowie nüt den
Wappen aller deutschen Staaten verziert. An den vier
Ecken sind Kränze aufgestellt, und zwar steht llber der
Erztafel: „Des Kriegers Abschied" ein Fichtenkranz,
loading ...