Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 26.1915

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KUNSTCHRONIK

Neue Folge. XXVI. Jahrgang

1914/1915

Nr. 1. 2. Oktober 1914

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GEFÄHRDETE KUNSTWERKE
Dem fürchterlichen Kriege, dessen Schauplatz Eu-
ropa seit zwei Monaten geworden ist, wird manches
unersetzliche Kunstwerk auch zum Opfer fallen müssen.
Das steht heute bereits fest, obgleich auch über das
Geschehene Einzelheiten, die aus zuverlässiger Quelle
stammen, größtenteils noch fehlen. Wir werden uns
gedulden müssen, bis nach dem Kriege das große
Aufräumen folgt, bis wir wissen werden, den Verlust
welcher Schätze wir für immer zu beklagen haben,
was nur beschädigt wurde und was durch sorgfältige
Restaurierungsarbeit der Nachwelt erhalten werden kann.

Schon heute aber gilt es, den Standpunkt fest-
zulegen, den weiteste Kreise in Deutschland, den zumal
das kunstliebende Publikum und die Pfleger der Denk-
mäler gegenüber den unvermeidlichen Zerstörungen,
die der Krieg mit sich bringt, einnehmen müssen.
Es war vorauszusehen, daß die ausländische Presse
jeden derartigen Fall mit Eifer ausbeuten würde, um
die barbarische Kriegführung der Deutschen zu brand-
marken. Diesen absichtlichen Entstellungsversuchen
muß auf das entschiedenste widersprochen werden.
Wir haben das unbedingte Vertrauen zu unserer Heer-
führung, daß sie sich der Pflichten der Zivilisation
auch im grausamsten Kampfe bewußt bleibt. Aber
es gibt Grenzen auch für diese Pflichten. Jedes mög-
liche Opfer muß der Erhaltung kostbarer Denkmäler
gebracht werden. Da aber, wo das Ziel des Ganzen
es erheischt, kann ihnen kein Schutz gewährt werden
Der Ausgang des Kampfes ist jetzt das einzige Trachten
aller. Was ihm im Wege steht, muß zum Opfer fallen.

Uns scheint dieser Standpunkt der einzig mögliche,
der einzig menschliche für die Zeit, in der wir nun
leben. Aber wir wollen nicht dahin mißverstanden
werden, daß wir den Untergang kostbarer Werke nicht
beklagten. Ja, wir lassen es uns von niemandem in
der Welt nehmen, die ersten zu sein in dieser Klage.
Und die schwere Beschuldigung, die gegen unsere
Nation erhoben wird, glauben wir mit besserem Rechte
zurückgeben zu dürfen. Alle zuverlässigen Berichte
stimmen bisher darin überein, daß niemals leichtfertige
Zerstörungslust deutscher Truppen, immer nur der
harte Zwang der Notwehr den Untergang alter Bau-
werke im Feindesland verschuldete. Nachdem die
Zerstörung eines beträchtlichen Teiles der Stadt
Löwen in der gesamten zivilisierten Welt als untrüg-
liche Zeichen deutscher Barbarei verkündet worden
war, mußte langsam überall in der Presse zugegeben
werden, daß die Belgier selbst durch hinterhältigen
Franktireurkrieg das Unheil verschuldet haben1). Wir

1) Als Beleg hierfür mag die folgende Stelle aus einem
Aufsatz des englischen Schriftstellers H.N. Brailsford dienen:
»Der Leser mag einwenden, daß die Niederbrennung von

geben unten eine offizielle Darstellung über die Rettung
der Kunstschätze Belgiens, die von einem der Herren
herrührt, die von dem deutschen Generalgouverneur
in Brüssel mit der Sicherung und Pflege der belgischen
Kunstschätze betraut worden sind. Wir glauben allen
Grund zu haben, stolz darauf zu sein, daß in dem
Getümmel eines mörderischen Kampfes deutsche Sol-
daten Geistesgegenwart genug bewahrten, an die Bilder
des Dirk Bouts zu denken und sie mit eigener Lebens-
gefahr zu retten.

Wir sind stolz darauf, und wir bezweifeln, daß
im gleichen Falle auf deutschem Boden von belgischen
oder französischen Soldaten dieselbe Pietät geübt
worden wäre. Man spricht davon, daß seit dem
dreißigjährigen Kriege ähnliche Greueltaten nicht vor-
gekommen seien. Man vergißt dabei aber die zahl-
losen Zerstörungstaten, die gerade französische Heere
sich zuschulden kommen ließen. Wir wollen hier
keine Sündenregister aufstellen. Man braucht kaum
daran zu erinnern, wie die Horden der Revolution
in sinnloser Wut gegen die Statuen der Kirchen und
die Grabdenkmale der Könige wüteten. Manche
stummen Zeugen dieser Taten stehen auf französischem
Boden. Und auch das Straßburger Münster besäße
noch seinen alten Statuenschmuck, wenn es damals
bereits unter dem Schutze der Deutschen gestanden
hätte, die heut von allen Seiten als Barbaren ver-
schrien werden.

Auch gegen dieses Urteil gilt es, Front zu machen.
Wir haben es in friedlichen Zeiten nicht eben schwer
genommen, daß unsere westlichen Nachbarn im all-
gemeinen geringschätzig von deutscher Kultur dachten.
Man braucht nur in französischen Kunstzeitschriften
zu blättern, um sich zu vergegenwärtigen, wie wenig
der durchschnittliche Franzose, der ja nicht eben viel
ins Ausland zu reisen pflegt, von vergangenen oder
heutigen Leistungen deutscher Kunst zu wissen bekam.
Auch an den Chauvinismus, der das Urteil selbst
bedeutender Forscher oft trübte, braucht hier nur er-
innert zu werden. Nicht, daß Ausnahmen ganz fehlten.
Aber bei uns ist das Gegenteil der Fall. Wir be-
mühen uns, jeden fremden Einfluß, der deutsche
Kunst berührte, aufs sorgfältigste zu buchen. Wir
kannten keine Grenze der Nationen in dem freien
Reiche der Kunst. Wir gaben französischen Meistern

Löwen und Aerschot unzweifelhafte Tatsachen sind. Ich bitte
aber den Leser, sich zu erinnern, daß wir selbst unter dem
Zwang einer scheinbaren militärischen Notwendigkeit jedes
Bauerngehöft und viele Städte in Transvaal und im Frei-
staat niedergebrannt haben. Nach meiner Ansicht beweisen
solche harten Maßnahmen nicht so viel für die besondere
und ungewöhnliche Wildheit der Deutschen als für die
Grausamkeit des Krieges überhaupt.«
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