Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 26.1915

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Nekrologe

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schaften) in Posen, das in mehrfacher Hinsicht Interesse
bietet. In der Mitte sitzt der mehr belustigt als über-
rascht blickende Herkules mit langem, am Ende ge-
teilten Vollbart: um ihn sind drei Mädchen beschäftigt.
Das eine, sitzend, hält ihm den Wocken hin, von dem er
den Faden abzieht. Ein zweites Mädchen, das dem Helden
das Knie auf den Schenkel setzt, bemüht sich mit einer
Genossin, ihm ein weißes Tuch über den Kopf zu ziehen.
Links und rechts steht je eine Statistin. Vier der Mädchen
zeigen den üblichen Typus Cranachs; darüber hinaus geht
die stehende Figur rechts mit langem blonden Haar und
den schalkhaft blickenden Augen in dem feinen Gesicht.
Sicherlich liegt hier ein Porträt zugrunde, dem der sächsi-
schen Prinzessin in der Petersburger Eremitage verwandt.
Links stehen die Disticha:

Herculeis manibus dant Lydae pensa puellae,
Imperium dominae fert deus ille suae;
Sic capit ingentes animos damnosa voluptas
Fortiaque enervat pectora mollis amor.1)

Die Malerei ist an sich ausgezeichnet, doch nicht sehr
gut erhalten: die Lasuren zum größten Teil weg. Die
Ausführung im einzelnen ist sorgfältig und von großer
Frische, auch in den Details der mit Ärmelpuffen und
Schlitzen, Korallenkettchen usw. reich ausgestatteten Klei-
dung, bei der roter und grüner Samt, Weiß und Schwarz
(Herkules) die Hauptrolle spielen. Das Bild, das einen
graubraunen Grund aufweist, ist unsigniert und undatiert,
eigenhändige Mitwirkung des älteren Cranach (besonders
in dem Kopf des Herkules) erscheint mir sicher.

Die Darstellung ist eine durchaus neue Variante des
beliebten Themas, wie ein kurzer Blick auf die übrigen
Fassungen lehrt. Das Berliner Bild zeigt nur zwei
Mädchen, die um den an Oberkörper und Armen zum
Teil nackten und mit einem Löwenfell geschmückten Helden
beschäftigt sind. An der Wand hängt eine tote Ente und
anderes Geflügel.

Auf dem Kopenhagener Exemplar ist Herkules (in
schwarzem, geschlitztem Wams über gefälteltem weißen
Hemd) von drei Mädchen umgeben. Das eine links, in
rotem Samtkleid, setzt ihm die Mütze auf, das zweite
(gelbrotes Kleid mit schwarzem Besatz, schwarze Haube),
den Beschauer anblickend, hält ihm den Wocken hin, von
dem er mit der Linken den Faden zieht, während die
Rechte die Spindel hält. Das dritte endlich (in schwarzem
Kleid mit weißem Besatz auf der Brust, pelzbesetztem
Kragen und weißer Haube) hält in der Linken eine zweite
Spindel. Links an der grauen Wand hängen zwei tote
Rebhühner. Die Inschrift weicht in den zwei letzten Zeilen
von der Posener ab:

Sic eciam ingentes animos insana voluptas
Et domito mollis pectore frangit amor.

Das Braunschweiger Bild endlich von 1537 zeigt
vier Mädchen, die sämtlich mit dem ähnlich wie in dem
Posener Bilde gekleideten Herkules beschäftigt sind. Eine
ist dem erwähnten Mädchen in Posen verwandt; wie jene
ist sie die einzige von den Genossinnen, die eine Kopf-
bedeckung trägt. Zwei Rebhühner hängen an der Wand2);

1) Schuchardt: L. Cranach II, S. 34 (der nur die Bilder
in Berlin und Braunschweig nennt) gibt als durchgehende
Inschrift nur die Zeilen 1, 3, 4 an.

2) Bei der Cranachschen, auch literarisch bezeugten
Vorliebe für derlei Jagdstilleben mag, ohne daß weitere
Schlüsse gezogen werden sollen, an das bekannte Still-
leben des ja gleichfalls für den Kurfürsten von Sachsen
tätigen Jacopo de' Barbari in der Augsburger Galerie er-
innert werden. .

die Inschrift gleicht völlig der Kopenhagener. Hat man
bei dem Herkules des Posener Bildes durchaus den Ein-
druck, daß er wohl die Fähigkeit besitzt, sich mit kräftigem
Humor für kurze Zeit diesen Mummenschanz gefallen zu
lassen, so zeigt das Braunschweiger Bild einen ziemlichen
Trottel. —

Die reichste unter den Gestaltungen des Themas, bei
denen eigenhändige Mitwirkung des älteren Cranach an-
zunehmen ist, weist also die Posener Fassung auf. Nur auf
einem, das aber nach dem Urteil Flechsigs (Cranachstudien
I. S. 283) von einem Schüler des jüngeren Cranach her-
rührt (im Besitz der Erben von Theodor Gaedertz in
Lübeck), erscheinen gleichfalls fünf Mädchen, von denen
vier tätigen Anteil an der Handlung nehmen. Herkules
ist ähnlich gekleidet wie auf dem Posener Bilde; im Schöße
ruhen ihm Löwenhaut und Keule. Stilleben, Disticha und
Signatur fehlen. Endlich sei noch auf ein kleines, unbe-
deutendes Bildchen der Gothaer Herzoglichen Galerie hin-
gewiesen, das signiert, aber undatiert ist. (Maße: 0,14x
0,18 m). Flüchtig hingestrichen, zeigt es in der Mitte Her-
kules in Frauenkleidung, um ihn beschäftigt vier Mädchen.
Eine in rotem reichen Kleide mit dem Rocken; zwei andere
legen Herkules ein Tuch um den Kopf. Eine dritte mit
rotem Barett taucht links in der Ecke auf. Die Inschrift
gleicht der Posener. Von einfachen »Wiederholungen« kann
man also bei der Behandlung des Vorwurfes durch Cranach
kaum sprechen; durch Veränderung im Kostüm, in der Zahl
der Personen, in der Art der Handlung werden immer
wieder Abweichungen geschaffen.

NEKROLOGE
Regierungsrat Josef Folnesics, Vicedirektor des öster-
reichischen Museums für Kunst und Industrie, verschied an
einem Schlaganfall, den er in Reichenhall erlitt. Als Ur-
sache des traurigen Ereignisses wird in der von seinem
Sohne, dem Landeskonservator von Salzburg Dr. Hans
Folnesics, gezeichneten Todesanzeige, die Freude über den
Sieg der Deutschen in den Vogesen angeführt. Regierungs-
rat Folnesics, der als Reserveleutnant den bosnischen
Okkupationsfeldzug 1878/79 mitgemacht hatte und während
desselben mit dem Signum laudis ausgezeichnet worden
war, gehörte seit 1885 als Kustos dem österreichischen
Museum an. 1897 wurde er Vorstand der Sammlungen
von Keramik und Glas. Die sehr gelungene Aufstellung
dieser Sammlung im neuen Museumstrakt ist sein Werk.
Als seine wichtigsten wissenschaftlichen Publikationen
haben zu gelten: Innenräume und Hausrat des Empire und
der Biedermeierzeit, Wien 1903, und die mit Braun heraus-
gegebene. Geschichte der Wiener Porzellanfabrikation.
Außerdem verfaßte er für die von Lehnert herausgegebene
illustrierte Geschichte des Kunstgewerbes den Abschnitt
über die Louis-seize- und die Empirezeit. /.. v. b.

Dr. Werner Hirschfeld, wissenschaftlicher Assistent
am Kgl. Landesgewerbemuseum zu Stuttgart, der als Leut-
nant der Landwehr im Kampfe im Westen gefallen ist, war
1882 zu Königsberg i, Pr. als Sohn des Professors der Ar-
chäologie an der dortigen Universität Dr. Gustav Hirsch-
feld geboren, studierte zuerst Rechtswissenschaften, wandte
sich aber später in Berlin und Halle der Kunstgeschichte
zu. Dann war er an verschiedenen Museen tätig, und kam
im Herbst 1912 als Assistent an das Stuttgarter Landesgewerbe-
museum.

In den Kämpfen in Galizien fiel als Landsturmleutnant
Dr. Paul Hauser. Sofort nach der allgemeinen Mobili-
sierung war er freiwillig zu den Fahnen geeilt in der Über-
zeugung, daß jedes persönliche Interesse jetzt zurücktreten
müsse vor dem Gedanken an den angegriffenen Staat und
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