Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 26.1915

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KUNSTCHRONIK

Neue Folge. XXVI. Jahrgang 1914/1915 Nr. 16. 15. Januar 1915

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NEKROLOGE

Am 4. Januar ist Anton von Werner nach langem
Leiden im 71. Lebensjahre verschieden. In der Zeit des
großen Völkerkrieges starb der Maler, dessen Name mit
den Kämpfen des Jahres 1870 und 71 unlöslich verknüpft
ist. Was Anton von Werner gewesen, braucht nicht an
dieser Stelle aufs neue gesagt zu werden. Und sein Tod
soll zu allerwenigst Gelegenheit geben, die Erinnerung an
erbitterte Kunstfehden zu erneuern, in denen er ein leiden-
schaftlicher Führer gewesen. Blieb er äußerlich nicht
selten Sieger, so strafte ihn das Schicksal mit schwerer
Verbitterung, da die Macht des Kunstpolitikers den Ruf
des Künstlers nicht mehr zu fördern vermochte. Als vor
zwei Jahren die Große Berliner Kunstausstellung ein Bild
der Kunst zur Zeit Kaiser Wilhelms I. zu geben beab-
sichtigte, hätte Werner gewiß in diesem Rahmen die zen-
trale Stelle gebührt. Warum die damals geplante Gesamt-
ausstellung seiner Werke unterblieb, hat die Öffentlichkeit
niemals erfahren. Aber was an Gerüchten durchsickerte,
ließ auf Widerstände im eigenen Lager schließen, denen
auch der alte Kämpfer nicht mehr gewachsen war.

Als dann der große Krieg ausbrach, konnte Werner
es erleben, wie seine Historienbilder eine neue Aktualität
gewannen. Nach Moabit holte man schleunigst drei der
Hauptstücke, und im Künstlerhaus wurden die Entwürfe
zu dem großen Sedanpanorama gezeigt. Aber die Kollektiv-
ausstellung wird nun, wenn sie endlich zustande kommt,
eine Gedächtnisausstellung sein. Sie wird Gelegenheit
geben, das Urteil über den Künstler zu revidieren, das
durch die Leidenschaft des Parteikampfes seit langem ge-
trübt war.

Daß Werner keiner der Großen deutscher Kunst ge-
wesen, daß ihn die Gunst einer glücklichen Stunde empor-
getragen, das wird bestehen bleiben. Aber wenn nichts
anderes, so besaß er das Organ, seine Zeit zu verstehen
und ihrem Gebote zu folgen. Der Schüler von Lessing
und Schrödter, der aus der romantischen Historienmalerei
stammte, sollte selbst Geschichte erleben, als er auf die
Fürsprache des Großherzogs von Baden dem Hauptquartier
der dritten Armee zugeteilt wurde und in Versailles den
letzten Akt des kriegerischen Dramas mit eigenen Augen
sehen durfte. Er traf den Ton strenger Sachlichkeit, der
den Helden seiner Zeit angemessen war. Er bemühte
sich nicht um eine große Geste, die diesen Männern im
schlichten Soldatenrock fern gelegen. Er wollte nicht mehr
sein als der Photograph, der charakteristische Augenblicke
eines großen Geschehens in ihrer oplischen Wirklichkeit
für die Zukunft festhält. Aber er unterschätzte selbst seine
Kunst, als er in späterer Zeit in einer seiner gefürchteten
akademischen Reden die Frage aufwarf, ob nicht die
Farbenphotographie berufen sei, die Malerei in Zukunft
überhaupt zu verdrängen. Auch seine großen Bilder aus
dem Feldzuge sind künstlerisch konzipiert. Daß sie so
eindrucksvoll blieben, macht nicht allein ihr materieller
Gehalt, sondern vor allem die aufrechte Wahrhaftigkeit
des Erlebnisses, das in ihnen Gestalt wurde.

So bleibt Werner der Ruhm, für Preußen das Doku-
ment einer großen Zeit geschaffen zu haben. Da Menzel

sich der Aufgabe entzog, ist er der Maler des deutsch-
französischen Krieges, und als solchem gebührt ihm ein
Platz in der Geschichte, der seiner artistischen Leistung
allein versagt wäre. Auch äußerlich war seine Laufbahn
mit diesem Hauptwerk seines Lebens im Grunde be-
schlossen, obwohl nun erst sein eigentliches Wirken be-
gann. Die Stellung als Akademiedirektor, als Vorsitzender
des Vereins Berliner Künstler trug ihn zu hoch empor, als
daß er sie durch neue Leistungen hätte sichern müssen.
Wiederum war das Schicksal des Menschen stärker als die
Kraft des Künstlers. Darum hörte man immer weniger
von seinen Werken, immer mehr von seinem Wirken, das
ihm eine Feindschaft eintrug, die weniger seinem Künstler-
tum als seinem Programm galt.

Auch seine Gegner aber müssen es Werner zugestehen,
daß er ein Charakter gewesen, und manchmal ist ein
starker Feind besser als ein lauer Freund. Der Zusammen-
schluß der jüngeren Kräfte war nicht zuletzt der Erfolg
seiner rücksichtslosen Stellungnahme. Die Gefahr eines
faulen Friedens war der Berliner Künstlerschaft niemals
näher als gerade jetzt. Ein Nachfolger in Werners Stellung,
der nicht mit gleicher Entschiedenheit Partei nimmt, fände
Gelegenheit, zu vermitteln und Kompromisse zu schließen,
deren Folge eine allgemeine Stagnation sein müßte und
eine Isolierung der wenigen, die Charakter genug besitzen,
ihrer gegnerischen Überzeugung treu zu bleiben. Vielleicht
werden dann auch manche dem Akademiegewaltigen nach-
trauern, die heut geneigt sind, sein Ausscheiden als eine
Befreiung zu empfinden. Und wenn die Summe der künst-
lerischen Resultate gezogen wird, die dieser Krieg zeitigt,
so wird es vielleicht nochmal heißen: warum hatten wir
nicht wenigstens einen Anton von Werner!

Wiederum hat ein Düsseldorfer Künstler den Heldentod
gefunden. Bei den Kämpfen im Westen fiel der Maler
Jakob Thiesen. Als Sohn eines schlichten Winzers am
29. Juli 1884 in Rhöndorf bei Honnef am Rhein geboren,
besuchte er von 1900 bis 1904 die Düsseldorfer Kunst-
akademie, vornehmlich als Schüler von Professor W. Spatz.
In den letzten Jahren war er regelmäßig mit Figuren-
bildern und Landschaften auf den Düsseldorfer Kunst-
ausstellungen vertreten. Ein herb-realistisches Bildnis seiner
Eltern wurde im Jahre 1913 für die städtischen Kunst-
sammlungen erworben.

B. J. Blommers f. Am 15. Dezember starb im Haag
einer der letzten Überlebenden der sogenannten Haager
Schule, die den alten Ruhm der holländischen Malerei
wieder neu begründet hat: B. J. Blommers. Geboren 1845
im Haag, studierte er an der Akademie seiner Vaterstadt
und arbeitete dann unter der Leitung von Chr. Bisschop,
dem Maler der altfriesischen Interieurs, wie sie sich vor-
nehmlich in Hinlopen noch erhalten haben. 1865 stellte
er in Amsterdam zum ersten Male aus: ein Scheveninger
Fischerinterieur. Das Leben dieser Scheveninger Fischer
in ihren einfachen Behausungen, wenn die Frau das
Haus besorgt, wie am Strand, wenn die Fischerflotte zum
Fang auszieht, und die Frauen winkend oder trauernd am
Ufer stehen, oder wenn die Kinder in dem seichten Meer-
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