Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 26.1915

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Die Ausstellung der modernen

Gemälde der Stadt Hannover

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Sinn dieser Künstler. Gauguin, der auf den Südsee-
inseln ursprüngliche Farbenkompositionen suchte und
fand, hätte sie auch bei diesen Indianern finden können,
und der beste Beweis, daß die amerikanische Kunst
unserer Tage weiter nichts ist als ein Ableger, wo
. nicht ein Abklatsch der europäischen und speziell der
Pariser Schulen, mag darin gefunden werden, daß es
amerikanische Künstler gibt, welche auf dem Umwege
über Paris zu primitiven Kunstübungen gelangen, wo-
hingegen es noch keinem von ihnen eingefallen ist,
in seiner Heimat, bei den früheren Bewohnern Amerikas
Leitung und Lehre zu suchen. Finden würde er sie
da ebensogut wie in den primitiven Kunstübungen
Afrikas und Europas, und vermutlich wird auch die
Zeit nicht mehr ferne sein, wo dieser Schatz an
Formen und Farben gehoben und als allermodernste
Note dem kunstliebenden Publikum vorgeführt wird.

DIE AUSSTELLUNG DER MODERNEN GEMÄLDE
DER STADT HANNOVER

In sieben Räumen des Kunstvereins sind für einige
Monate die modernen Gemälde ausgestellt, die die Stadt
Hannover mit reicher Beihilfe freigebiger Bürger in den
letzten Jahren zusammengebracht hat.

Von den Bildern der Stadt sind besonders die Feuer-
bachs auch über Hannover hinaus bekannt geworden1).
Ihre Reihe ist um eine Bacchantin vom Jahre 1854 be-
reichert worden, ein Werk, das in der Haltung der Farbe
dem schon vorhandenen »Mädchen mit dem toten Vogel«
sehr nahe steht. Ungleich bedeutender aber ist die Er-
werbung der großen Landschaft »Meer bei Anzio«2). Ein
gewaltiger Felsen, in den die Elemente ein natürliches
Tor gebrochen, reckt sich in das Meer hinaus, das in der
Ferne mit dem schweren bleifarbenen Himmel sich ver-
mischt. Ein paar Menschen, durch ein paar kleine Farb-
flecke angedeutet, verstärken durch ihre Winzigkeit den
Eindruck der gewaltigen Natur und der Unendlichkeit des
Meeres und vermögen nicht die beklemmende Einsamkeit
zu brechen. Dies heroische Bild ergänzt aufs glücklichste
die schon vorhandenen Werke zu einer Reihe, aus der
man Feuerbachs künstlerische Persönlichkeit deutlich er-
kennen kann.

Derselbe Raum zeigt drei kleine Gemälde von Hans
von Marees3). Sind es auch nur kleinere Stücke, so ist
ihre Erwerbung doch mit Freuden zu begrüßen. Der
französische Zuave aus dem Jahre 1860 zeigt noch einen
Nachklang aus des Malers Lehrzeit bei Steffek; zwei Jahre
später ist der kleine, frische Hundekopf entstanden und
1864 schließlich das bedeutendste der drei Bilder, die Reiter
im Walde. Hier ist die Malweise schon flächig und breit,
die Töne fließen ineinander über und aus den zerriebenen
Farben heben sich die Pferde wie aus einer Nebelwand.

Zwei Räume füllen die Bilder des Leibi-Kreises, der
den Mittelpunkt und Schwerpunkt der Ausstellung bildet.
Leider ist der Meister selbst noch nicht seiner Bedeutung
entsprechend vertreten. Sein frühes Selbstbildnis von 18624)

1) Uhde-Bernays, Die Feuerbach-Erwerbungen der
Stadt Hannover. Zeitschrift für bildende Kunst, XV. Bd.
1914. S. 125.

2) Abb. »Klassiker der Kunst« S. 121 bei Uhde-Bernays,
»Feuerbach«, Nr. 7.

3) Beschrieben und abgebildet im II. Bd. von Meier-
Gräfes Marees-Werk, Nr. 50, 81, 109.

4) Waldmann, Leibi, Nr. 6.

läßt von der späteren Künstlerschaft nur wenig ahnen
Auch das große Gemälde des Bauernmädchens, das mit
einem Korb in der Linken um Türrahmen steht1), zeigt
den Künstler nur in einigen Partien wie der wunderbar
durchgebildeten rechten Hand auf der Höhe seines Könnens,
entstand es doch im Frühjahr 1881, als Leibi sich in Aibling
aufhielt, in einem in der Nachbarschaft zu Mietlaching ge-
legenen Bauernhause unter für den Künstler allzu un-
günstigen Raumverhältnissen. Hoffentlich beschert ein
glücklicher Zufall der Stadt Hannover doch noch einmal
einen Leibi bester Zeit und allerhöchster Meisterschaft.

Trübners Kunstweise läßt sich an dem »Spanier«
von 1870 nicht so gut ablesen als an dem schönen, mit
breiten Pinselstrichen aufgebauten Mädchenbildnis der acht-
ziger Jahre.

Leibis Freund Sperl ist mit drei Bildern gut vertreten,
von Theodor Alt kann man zwei Meisterwerke be-
wundern: das ausgezeichnete »Bildnis seines Vaters« und
die reizende kleine »Siebenschläferin«. Von Hirth du
Frenes kam der kleine Kopf eines Bauernmädchens hinzu,
der durchaus Leibische Qualitäten besitzt.

Das Weihnachtsfest in der Familie Leibi, das der noch
zu wenig bekannte Fritz Schider malte, ist nicht nur
der dargestellten Personen wegen beachtenswert; es ist
ein Innenbild von hohen malerischen Qualitäten und so
impressionistisch erfaßt, daß das Datum der Entstehung,
1874, fast überraschend wirkt.

Hervorragend, vielleicht einzigartig, ist Schuch ver-
treten. An über 20 Beispielen können wir seine Ent-
wicklung verfolgen. Von der spitzpinseligen Landschaft
mit der Brückenruine, die noch ganz den Wiener Akademie-
schüler verrät, geht der Aufstieg hinan — über die Straßen-
winkel von Olevano, den herrlichen Hof von St. Gregorio-
Abbazzia zu dem lockeren, farbenprächtigen Stilleben mit
dem Porreebündel der Pariser Zeit (1885)2). Dies ist
wirklich höchste malerische Kultur, diese lockere Struktur
der Oberfläche ist wie Samt, man möchte darüber streichen
»wie bei einem kostbaren Pelz«. Ein kleines Kabinett ist
Hagemeister, dem treuen Freunde Schuchs, gewidmet.
Seine Kunst ist gesund und urwüchsig, manchmal, wenn er
mit einem bescheidenen Motiv eine sehr große Fläche zu
füllen übernimmt, bekommt sie etwas Kraftmeierisches. Die
Frische des Weidmannes, die überall zum Vorschein kommt,
gibt besonders den späteren Werken etwas Frohes und
Helles.

Ein kleiner Raum ist den Münchnern vorbehalten. Der
Malerpoet Spitz weg bringt mit zwei kleinen, fröhlichen
Werken ein wenig Sonne in die dunkle, ernste Art der Diez-
Schüler. Die flotte Ölstudie mit den Straßenmusikanten
aus den fünfziger Jahren, besonders aber die von goldenem
Licht durchflossene Landschaft mit den im stillen Weiher
badenden Frauen zeigen, daß der Künstler unter den Deutsch-
romantikern ein Maler, der einzige wirkliche Maler war.

Von Diez ist ein kleines Bild mit Reitern im Walde
da, das merkwürdig mit dem genannten Gemälde von
Marees übereinstimnt: aus diesen zerriebenen, verfließenden
Tönen sollte sich bald die bewußt tonige Behandlung der
Oberfläche entwickeln, die dann der Leibi-Kreis zur Meister-
schaft ausbildete. Seine unmittelbaren Schüler Spring,
Ernst Zimmermann, Erdtelt, zu denen neuerdings
noch Wilhelm Räuber und Mayr-Graz mit tüchtigen
Porträts hinzugekommen sind, repräsentieren mit guten
Bildern, meist Porträts, die fruchtbare Münchener Zeit der
siebziger Jahre.

1) Waldmann, Nr. 167.

2) Abb. bei Hagemeister »Karl Schuch« und Zeitschrift
f. b. K., XXIV, S. 117 ff.
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