Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 26.1915

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KUNSTCHRONIK

Neue Folge. XXVI. Jahrgang 1914/1915 Nr. 12. 18. Dezember 1914

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VERÄNDERUNGEN UND NEUERWERBUNGEN
DER HAAGER MUSEEN

Im Innern des Mauritshuis sind vor einiger Zeil
verschiedene Veränderungen baulicher Art, sowie Um-
hängungen zum Abschluß gekommen, die den vor-
nehmen und zugleich intimen Charakter dieser er-
lesenen Kunstsammlung nicht unwesentlich erhöht
haben. In mehreren Räumen sind die alten schönen
Stuckdecken geputzt, bzw. wiederhergestellt worden,
die Wandtäfelung ist jetzt überall einheitlich in Eichen-
holz in Naturfarbe ausgeführt, in dem den Italienern
und Spaniern gewidmeten Ecksaal der ersten Etage
hat man die Fenster verlegt, im Pottersaal und in
Rembrandts-Anatomiesaal in derselben Etage hat man
den Öfen, die früher mit ihren langen Rohren gerade
vor den Hauptgemälden standen, zwischen den
Fenstern einen weniger störenden Platz angewiesen
und in die Decke desselben Saales hat man ein großes
Deckengemälde von Jacob de Wit eingelassen, das an
den Ecken von vier kleineren Grisaillen desselben
Meisters eingefaßt wird. Ferner sind überall vor den
Wänden Messingstangen zum Schutz der Gemälde
angebracht worden.

Was die Neuerwerbungen der letzten Jahre be-
trifft, so stammen die wichtigsten aus der aufgelösten
Sammlung Steengracht im Haag. Diese Werke sind
in der Literatur schon so eingehend behandelt, daß
eine Besprechung derselben an dieser Stelle über-
flüssig ist; ihre Aufzählung genügt. Es sind dies
die Gracht von Job Berckheyde; die Mutter, die
ihr Kind kämmt, von Gerard ter Borch; der
Schweinehirt von Isack van Ostade; die große
Landschaft mit den zwei Wassermühlen von Hobbema
und die fröhliche Gesellschaft von Jan Steen. Mit
Ausnahme des Hobbema haben diese Werke im großen
Pottersaal ihre Aufstellung gefunden. Aus der Samm-
lung Steengracht stammt ferner noch der Knabe in
Grau von Jacob Backer, den Frau Rose-Molewater
dem Museum zum Geschenk gegeben hat; er ist vor-
läufig im Hauptsaale des Erdgeschosses aufgehängt.
In dem daranstoßenden Kabinett, in dem jetzt einige
Werke der Primitiven und der Frührenaissance ver-
einigt sind, wie das männliche Bildnis von Mem-
ling, die Salome mit dem Haupte des Täufers von
Jacob Cornelisz, die beiden Holbeinschen Por-
träts sowie der Goldschmied von Antonio Moro, hat
auch eine wertvolle Neuerwerbung Platz gefunden: ein
Diptychon von Bartholomäus Bruyn d. Ä. (Nr. 739),
eine 1519 datierte Arbeit, die dem Museum von dem
Baron Pabst van Bingerden vermacht worden ist. Die
Innenseiten der Flügel zeigen die Brustbilder eines
Ehepaares der kölnischen Familie Rolinxwerth. Auf

dem linken Flügel ist der Mann dargestellt mit einem
Römer in der Rechten und zwei roten Nelken in der
Linken, auf dem rechten Flügel die Frau, ebenfalls in
der einen Hand zwei Nelken und in der anderen
einen Handschuh haltend; die beiden sind einander
zugewandt und stehen vor einem biäunlichen Grund
hinter einer Balustrade. Er blickt etwas blöde und
schläfrig; ihr Gesicht mit den regelmäßigen Zügen,
den fest geschlossenen Lippen drückt Bestimmtheit
und Entschiedenheit aus. Das männliche Bildnis ist
in einer bräunlichen, dunkeln Farbenskala gehalten;
auch die Fleischfalbe ist von einem bräunlichen Ton,
bei der Frau dagegen von einem bleichen dünnen
Rosa, wie es für die Frühzeit des Meisters charak-
teristisch ist. Das weibliche Porträt zeichnet sich
durch eine feinere Zeichnung aus; so sind besonders
die dünnen, zart gegliederten Hände der Frau mit
großer Delikatesse wiedergegeben. Auf der Rück-
seite des rechten Flügels ist die Lukrezia abgebildet,
die wegen ihrer unverkennbaren Abstammung von
Raffaels Galathea merkwürdig ist. Wie jene durch
die Anwendung des Kontrapostes berühmte Raffaelsche
Figur hat diese Lukrezia ihren Kopf rückwärts nach
links gewendet, nach links flattern ihre langen Haare,
und sie blickt nach oben, während ihr fast völlig
nackter Körper nach rechts geneigt ist; nach rechts
ist auch der rechte Arm ausgestreckt, der die tödliche
Waffe hält. Der ebenfalls nach rechts mit ausge-
breiteter Handfläche gerichtete, wie abwehrend er-
hobene linke Arm ist wohl der Lukrezia von Marc-
antonio entnommen, aus dessen Stich Bruyn sicher-
lich auch die Galathea kennen gelernt hatte. Ähnlich
wie bei der Galathea umschwebt die Lukrezia lose
die herabgeglittene Gewandung, die hier von einem
schmutzig-grünen Weiß ist. An dem Körper fließt
Blut herab. Die Figur steht vor einem grünlich-
schwarzen Hintergrund hinter einer Balustrade von
häßlichem braunen Anstrich. Das Diptychon Bruyns
bedeutet einen wertvollen Zuwachs der Galerie und
bildet eine schöne Ergänzung zu den Porträts von
Holbein und Seisenegger, durch welche die deutsche
Kunst des 16. Jahrhunderts bisher allein in dem
Museum vertreten war.

Die weiteren Erwerbungen betreffen, wie fast stets
in holländischen Sammlungen, die holländische Kunst
des 17. und 18. Jahrhunderts. Zwei Gemälde sind
dem Museum von dem verstorbenen Baron van Pal-
landt van Eerde vermacht worden, eine hübsche italie-
nische Landschaft mit einer Jagdgesellschaft in sau-
beren klaren Farben, die auf Ludolf de Jongh getauft
ist und die falsche Signatur von Both trägt, an den man
im ersten Augenblick denkt, und eine andere Jagdszene,
Hunde auf der Rebhühnerjagd von Pauwel deVos.
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