Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 26.1915

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Nekrologe

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Der alte König findet sich u. a. wieder in dem
Berliner »Hieronymus«, in dem Kriegshauptmann auf
der Frankfurter »Kreuzigung« und dem äußersten für-
bittenden Heiligen auf dem Leipziger »Sterbenden«.
Auch ist die Verwandtschaft mit dem gleichen König
auf der Gothaer »Anbetung« augenscheinlich und die
am Boden liegende Kopfbedeckung des Greises auf
beiden Bildern die gleiche. Weiterhin ist die Ähn-
lichkeit mit dem Kaiser Heinrich II. auf dem Altar-
werk der Zwickauer Katharinen-Kirche unverkennbar
und die Kleidung des Kaisers, Mantel, Pelzkragen
und Halskette fast dieselbe, wie diejenige des alten
Königs. Desgleichen finden wir den Mohrenkönig
mit seinem kurzen Bart genau auf der Gothaer »An-
betung« wieder und ganz ähnlich auf dem »Bethle-
hemitischen Kindermord« zu Dresden.

Und schließlich kehrt der prachtvolle Kopf des
turbanbedeckten Dieners am linken Bildrande genau
wieder im Kopfe des von Christus ergriffenen Seligen
auf »Christi Höllenfahrt und Auferstehung« zu
Aschaffenburg, während sich der vordere Diener mit
seinem kurzen Hals und viereckigen bärtigen Kopf
mit der Haarhaube auch ohne zitierte Analogien als
cranachischer Kopf erweist. Eine ganz ähnliche ge-
drängte Dienergruppe mit denselben hohen Pelzmützen
und Turbanen findet sich auf der »Anbetung« des
Leipziger Städtischen Museums; und das Gefäß, das der
innerste Diener dort trägt, gleicht demjenigen des
Mohrenkönigs auf unserer Tafel vollkommen; nur ist
das Gefäß auf unserer Tafel durch Hinzufügung des
hohen Fußes schöner in der Form geworden. Die
Persönlichkeit des Betenden, in dem wir wohl den
Stifter zu suchen haben werden, festzustellen, ist mir
noch nicht gelungen.

Die hinter dem Haupt der Maria sichtbare Berg-
landschaft weist im Tal den für Cranachs Landschaften
bezeichnenden geschlängelten Weg und Festungsturm
auf, und die kulissenartig vorspringende Hintergrunds-
mauer mit dem balkengestützten, dreieckig von oben
hereinragenden Dach ist auf der Gothaer »Anbetung«
gleicherweise als Hintergrund verwandt.

Die aufgeführten Merkmale, denen sich bei ein-
gehenderem Studium als es mir als Kriegsverwundeten
möglich ist, sicherlich noch andere zugesellen lassen,
weisen die engsten Beziehungen zu unzweifelhaft
echten Werken Lucas Cranachs des Älteren so augen-
fällig auf, daß für die hier abgebildete »Anbetung«
die Annahme der Autorschaft desselben Künstlers
unabweisbar ist. Der Einwand, daß es sich vielleicht
um eine Werkstattarbeit aus dem Kreise Cranachs
handelt, ist sofort hinfällig, wenn man im Original
die schlechthin überragend meisterhafte Behandlung
z. B. des weißen Pelzhutes des Mohrenkönigs, der
Köpfe des Greises und der vorderen drei Personen
des Gefolges, der Hautmalerei bei der Madonna und
anderer Einzelheiten sieht.

Als letzte Beweise für die Echtheit ist noch an-
zuführen, daß sich am unteren Ende des oberen
schrägen Dachbalkens die nach links gerichtete Schlange
mit den Fledermausflügeln und dem Ring, das Zeichen
Cranachs, zwar sehr schwach, aber für genaue Be- |

trachtung hinreichend deutlich findet, und schließlich
die Geschichte des Bildes. — (Ein auf der linken
Mauer oben befindliches LC ist später, vermutlich bei
einer durch Lucanus 1827 zu Halberstadt vorge-
nommenen Reinigung aufgemalt.)

In der Literatur erwähnt ist die Tafel zuerst in
der 1784 zu Halberstadt erschienenen Biographie des
Dichters M. G. Lichtwer (eines Vorfahren des jetzigen
Eigentümers). Dieser erbte sie zusammen mit Cra-
nachschen Porträts von Luther und seiner Frau und
dem auch von Schuchardt aufgeführten Porträt der
Magdalena Luther u. a. von seinen Vorfahren, die
ebenso wie er selbst als Geh. Räte, Geh. Lehnsekretäre
und in ähnlichen Stellungen den sächsischen Kur-
fürsten und polnischen Königen in Dresden, Witten-
berg und später den preußischen Königen in Halber-
stadt gedient haben. Es ist sicherlich angesichts der
schon aufgeführten Beweisgründe nicht ohne Beweis-
kraft, daß das Gemälde seit dem 17. Jahrhundert in
einer hochgebildeten, kunstliebenden sächsischen Fa-
milie dieses Ranges sich als Lucas Cranach fortgeerbt hat.

Als Entstehungsdatum der Tafel scheint mir das
Jahr 1518 allein in Betracht zu kommen.

Alle unzweifelhaft echten Cranachschen Bilder, in
denen wir Verwandtschaft mit unserer Anbetung
finden, fallen ohne Ausnahme in die Jahre 1515—1518.
Insbesondere haben die der Madonna so unabweislich
nahe stehenden Marien mit Kind in Karlsruhe und
Glogau, sowie die Eva vom »Sündenfall« in Braun-
schweig ihre Entstehung im Jahre 1518. Im gleichen
Jahr entstanden auch der »Sterbende« in Leipzig, das
Altarwerk der Katharinen-Kirche in Zwickau, und die
»Kreuzigung« in Frankfurt, wo wir den alten König
wiederfanden. Damit gibt sich auch für unser Bild
von selbst als Entstehungsdatum das Jahr 1518. —
Die große, umfassende Cranachbiographie ist ja noch
zu schreiben und die Vorarbeiten noch im Fluß.
Deshalb schien es geboten, diese hier der Forschung
verborgene »Anbetung der Könige« bekannt zu geben.

NEKROLOGE

Am 22. Januar starb im hohen Alter von 84 Jahren
in Düsseldorf, wo er seit dem Jahre 1856 ansässig war,
Richard Brend'amour. Er ist der Begründer der be-
kannten Xylographischen Anstalt, die sich nach seinem
Ausscheiden in zwei Zweige spaltete. Brend'amour war
in Aachen am 16. Oktober 1831 geboren, wandte sich in
Köln zuerst der Malerei und dann erst dem Holzschnitte
zu. Auf diesem Gebiete wurde er bald die führende Per-
sönlichkeit; fast alle bedeutenderen deutschen Zeitungen
brachten Holzschnitte aus seiner Offizin. Zu seinen be-
kanntesten Blättern gehören Vautiers Illustrationen zu
Immermanns »Oberhof« (1863), sowie die Holzschnitt-
wiedergaben von Alfred Remels acht Aachener Rathaus-
Freskobildern und von Friedrich Prellers Odyssee-Kartons,
beide Veröffentlichungen aus dem Jahre 1871. In einer
Zeit, da die Netzätzung bereits die von Brend'amour ge-
pflegte Holzschnittechnik zu verdrängen begann, führte
sein Haus auf besonderen Wunsch des Autors die Abbil-
dungen zu Carl Justis »Velasquez« aus. Die Düsseldorfer
Künstlerschaft hat dieser Altmeister des deutschen Buch-
gewerbes in vieler Hinsicht gefördert. C.
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