Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 26.1915

Page: 329
Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kunstchronik1915/0174
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
KUNSTCHRONIK

Neue Folge. XXVI. Jahrgang 1914/1915 Nr. 25. 19. März 1915

Die Kunstchronik und der Kunstmarkt erscheinen am Freitage jeder Woche (im Juli und August nach Bedarf) und kosten halbjährlich 6 Mark.
Man abonniert bei jeder Buchhandlung, beim Verlage oder bei der Post. Für Zeichnungen, Manuskripte usw., die unverlangt eingesandt werden,
leisten Redaktion und Verlagshandlung keine Gewähr. Alle Briefschaften und Sendungen sind zu richten an E. A. Seeman n, Leipzig, Hospitalstr. IIa.
Abonnenten der Zeitschrift für bildende Kunst erhalten Kunstchronik und Kunstmarkt kostenfrei. Anzeigen 30 Pf. die Petitzeile; Vorzugsplätze teurer.

AUS DEN MÜNCHENER MUSEEN
II.

Das Bayerische Nationalmuseum hat in dem Kriegs-
jahr 1914 eine seiner glücklichsten Erwerbungen ge-
macht: eine überlebensgroße Holzplastik, die »Maria
der Verkündigung« darstellend, um 1300 in der
Gegend von Regensburg entstanden. Dieses groß-
artige Werk, das in der Apsis des romanischen
Lapidariums, des sog. Wessobrunnersaals, eine sehr
wirkungsvolle Aufstellung gefunden hat, gehört zu
den bedeutendsten Schöpfungen der deutschen Früh-
gotik. Seltene Monumentalität verbindet sich hier mit
ganz eigenartiger Anmut, und man ist versucht, bei dieser
tief empfundenen Figur von einer herben deutschen
Grazie zu sprechen. Nicht nur die Gesamtbewegung,
sondern auch die Augen und der geöffnete Mund,
der Ausdruck zartester Keuschheit und innerlichsten
Glückgefühls hinterlassen bei dem Beschauer einen
unvergeßlichen Eindruck. Neben diesem Stück sind
noch einige andere recht glückliche Neuerwerbungen
zu verzeichnen, die freilich an Bedeutung hinter der
Marienstatue zurückstehen: neben einem sehr lustigen
und graziösen Engelreigen von Günther nenne ich
vor allem die sehr interessante kleine Bronzefigur
einer allegorischen weiblichen Gestalt vom Ende des
16. Jahrhunderts, die als Geschenk des inzwischen
verstorbenen Bildhauers Floßmann in das Museum
gelangte. In die Zuweisung dieser Plastik an einen
florentinischen Künstler möchte ich leise Zweifel setzen;
es erscheint mir keineswegs ausgeschlossen, daß es
sich viel eher hier um eine venetianische Arbeit
handelt. Als Seltenheit, wie aus kultur- und erd-
geschichtlichen Gründen interessant und wichtig, ist
die Tischplatte von 1531 mit Malereien der Augs-
burger Schule, die aus Schloß Zellerreit am Inn
stammt und eine Landkarte von Alt-Bayern zeigt, um-
rahmt von Bade-, Jagd- und Spielszenen und ver-
schiedenen Geschlechterwappen. Keine ungeteilte
Freude bereitet die große barocke Monstranz von
Franz Keßler (1664—1717), die durch den baye-
rischen Museumsverein in das Nationalmuseum ge-
langte. Das Wertvollste an diesem Prunkstück ist
vielleicht der reine Materialwert der sehr ungefügen
Arbeit, die an und für sich eher in eine Münchener
städtische Sammlung gepaßt hätte. Der Fuß der
Monstranz beansprucht als künstlerische Arbeit mehr
Beachtung als der Hauptteil, der, wie man hierzu-
lande zu sagen pflegt, höchst »gscheert« wirkt.

Als Geschenk bayerischer, im Felde stehender
Offiziere gelangte eine sehr hübsche kleine Stein-
madonna in den Besitz des Museums, eine charakte-
ristische lothringer Arbeit aus der Zeit um 1450—60.

Als Beweis für die Rechtmäßigkeit dieser Kriegs-
erwerbung unserer kunstbegeisterten Artillerieoffiziere
ist am Sockel die Kaufurkunde angebracht.

Neben diesen tatsächlichen Neuerwerbungen könnte
man von einer ganzen Reihe »Neuerwerbungen«
sprechen, die das Museum im eigenen Hause gemacht
hat. Es sind nämlich eine ganze Anzahl wertvoller
gotischer Skulpturen aus dunklen Ecken hervor- und
von hohen Schränken heruntergeholt worden, die
bisher, von späteren Übermalungen oft ganz entstellt,
häufig ein mehr oder weniger fragwürdiges Dasein
als sogenannte dekorative Flecke geführt haben. Nicht
wenige dieser Statuen wirken jetzt bei ihrer Auf-
stellung in günstigem Licht und von der späteren
Fassung befreit wirklich wie Neuerwerbungen. Bei
der Neuordnung dieser Stücke hat die Museumsleitung
gezeigt, daß man sehr wohl reine kunsthistorische wie
künstlerische Interessen miteinander vereinigen, beide
zu ihrem Rechte kommen lassen kann; stets ist bei
aller Betonung des ordnenden kunstgeschichtlichen
Standpunktes das rein dekorative Moment auch nicht
für einen Augenblick unberücksichtigt geblieben. Diese
beiden Gesichtspunkte waren vor allem bei der Neu-
gestaltung des großen Kirchensaales maßgebend. Dieser
große, sehr hohe Raum wirkte früher im ganzen
recht leer, und das wenige, das man sah, machte einen
unerfreulichen Eindruck. Bei der ehemaligen An-
ordnung wirkten die in der Qualität höchst unter-
schiedlichen Figuren in dem zerstreuten Licht überaus
unruhig, das Ganze hatte keine Gliederung. Es ist
nun mit Erfolg der Versuch gemacht worden, dem
Raum den Charakter einer Kirche mit großen Seiten-
kapellen zu geben, wobei das zerstreute Licht nach
Möglichkeit zusammengezogen wurde. Holz- und
Steinskulpturen sind mit Werken der Malerei in glück-
licher Weise stets nach Schulen vereinigt worden;
jedes Stück ist nun ins rechte Licht gesetzt und kommt
voll zur Geltung. Das Ganze teilt sich jetzt in fol-
gender Weise: Die Chiemgau-Gruppe mit dem be-
kannten herrlichen Grabstein Valkenauers und den
schönen Werken des Meisters von Rabenden, an die
sich Werke aus dem Inntalkreis anschließen; der
schwäbische Kreis, wo neben schon mehr bekannten
Stücken jetzt vor allem die sehr bedeutende, sitzende,
spätgotische Madonna, die den sog. Gregor Erhard-
Figuren sehr nahe steht, besondere Aufmerksamkeit
erregt. Aus technischen Gründen sehr interessant ist
auch eine hl. Afra der Augsburger Schule. Mauch
kommt erst jetzt mit seiner »hl. Sippe« und der aus-
gezeichneten »hl. Katharina« zu seinem Recht. Neben
ihm lernt man einen eigenartig manierierten Meister
der bayerisch-schwäbischen Schule kennen, der vor
allem in der Kemptener Gegend gearbeitet hat.
loading ...