Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 26.1915

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KUNSTCHRONIK

Neue Folge. XXVI. Jahrgang 1914/1915 Nr. 30. 23. April 1915

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AUSSTELLUNO DER SAMMLUNGEN BREDIUS
UND KRONIO IM HAAG

Der Krieg ist dem Ausstellungswesen in Holland
besonders förderlich. Es hat wohl noch keinen Winter
gegeben, wo die Ausstellungen neuer wie alter Kunst
so schnell aufeinander gefolgt sind wie in der ver-
gangenen Saison. Die einen sind Verkaufsausstellungen
und werden zugunsten der notleidenden Künstler ver-
anstaltet, die andern zeigen den unveräußerlichen
Besitz alter Kunst von holländischen Sammlern; der
Erlös aus den Eintrittsgeldern dieser Ausstellungen
fließt in den allgemeinen Unterstützungsfonds. Hatte
Amsterdam kürzlich seine Ausstellungen bei Fred.
Muller und bei Six, so hat im Haag die Kunsthandlung
von Kleykamp ihre vornehmen, schönen Räume schon
zweimal für diesen wohltätigen Zweck zur Verfügung
gestellt. Die erste Ausstellung, die im Dezember
stattfand, brachte einige Prachtstücke aus der Samm-
lung von Victor de Stuers, der sich als Referent der
Abteilung für Schöne Künste im Ministerium des
Innern um die staatliche Kunstpflege wie um den
Denkmalschutz in früheren Jahren große Verdienste
erworben hat. Aus seiner sowohl an Gemälden wie
kunstgewerblichen Gegenständen reichen Sammlung
seien hier hervorgehoben ein kleines männliches
Bildnis von B. Fabritius (der Kopf eines bärtigen
alten Mannes), dann das Porträt einer sitzenden
älteren Dame, der Bayken van Bracht, das G. Flinck
zugeschrieben wird, und die sieben Werke der Barm-
herzigkeit von Jan Steen. Augenblicklich findet bei
Kleykamp eine Ausstellung von Gemälden aus dem
Besitze von Bredius und Kronig statt. Diese Aus-
stellung ist von um so größerem Interesse, als es sich
hier um Bilder handelt, die mit wenigen Ausnahmen
öffentlich bisher noch nicht zur Schau gestellt waren;
denn es sind nicht die bekannten Brediusschen Ge-
mälde aus dem Mauritshuis, sondern die schönsten
Stücke aus seiner Privatgalerie. Von den bei Kley-
kamp ausgestellten Werken sei an erster Stelle der
Brediussche Rembrandt genannt, ein Werk, das zwar
nicht so unmittelbar zum Beschauer spricht wie
zwei andere Rembrandts aus seinem Besitz, der
David und Saul oder der Homer, das aber durch
die Schlichtheit der Auffassung und die seelische
Vertiefung bei längerer Betrachtung einen nicht
minder nachhaltigen Eindruck hinterläßt. Es ist das
Brustbild eines jüdisch aussehenden Mannes mit
langen Haaren, eine Vorstudie für den Christus auf
den Jüngern zu Emmaus in Kopenhagen; wäre nicht
diese Beziehung zu dem Kopenhagener Bild so deut-
lich, man würde das Werk für ein Porträt halten.
Denn nichts erinnert hier an den Erlöser; alles Über-

irdische fehlt, es ist nur ein leidender Mensch, kein
von körperlichen Schmerzen gequälter, nur einer, der
in Gedanken leidet oder vielmehr gelitten hat; denn
jetzt blicken die dunkeln Augen klar und ruhig,
wie die jemandes, der das Geheimnis des Lebens
erfaßt hat und den nun nichts mehr schrecken kann.
Nur die bleichen Züge mit der Leidensmiene er-
zählen von überstandenem Schmerz. Das kleine Werk-
chen zeigt nur wenige, fein abgestufte und dünn
aufgetragene Farbentöne; die braune Gewandung und
die dunkeln Haare heben sich von einem grünlich-
braunen Grunde ab, und aus der Umrahmung der
schwarzen Haare und des schwarzen Bartes leuchtet
das bleiche Denkerantlitz hervor. Stammt dieses Rem-
brandtsche Werk nach Schmidt-Degener und Bredius
aus der mittleren Zeit des Meisters (Valentiner datiert
es ungefähr zehn Jahre später), so gehört ein anderer
Rembrandt aus dem Besitze Kronigs, eine Darstellung
von Bacchus und Ariadne, der Frühzeit an. Es ist für
die eigenartige persönliche Auffassung einer mytholo-
gischen Szene für Rembrandt besonders merkwürdig.
Nicht um die Darstellung formaler Schönheit, um
Idealisierung der Wirklichkeit ist es ihm hier zu tun,
nur das Menschliche, das er mitempfinden kann, will
er zum Ausdruck bringen. Ja, alle formale Schönheit
ist ihm so gleichgültig, daß er direkt häßliche Typen
wählt. Ariadne ist eine dicke, plumpe Bäuerin mit vom
Weinen gerötetem Gesicht, und Bacchus, ein gebräun-
ter, feister Gesell mit kleinen Äugelchen, gibt einen
würdigen Partner ab. Aber wie menschlich ist das
alles und wie verinnerlicht, die arme verlassene Frau,
am Fuß des Felsens sitzend, von dem sie sich herab-
stürzen wollte, und ihr zur Seite der Mann voller
Teilnahme, ihr in die Augen blickend und Trost
zusprechend. Wie schön harmoniert mit dieser trauer-
vollen Szene die Naturstimmung, das dunkle, wogende,
kalte Meer mit dem darüberhängenden düsteren Regen-
himmel, und welche koloristischen Feinheiten bietet das
Gemälde im Einzelnen: der Kontrast zwischen dem
dunkeln männlichen und dem weißen, leuchtenden weib-
lichen Körper, dann das schöne schillernde Grün des
Mantels mit der gelben Borte, mit dem Ariadne ihre
Oberschenkel bedeckt hat, und der goldgelbe Mantel
mit der Krone, die links neben ihr liegen. Das kleine
Meisterwerkchen, das erst vor kurzem von Kronig ent-
deckt wurde und eine wesentliche Bereicherung des
Rembrandtschen Oeuvres bedeutet, ist 1632 datiert. Noch
für ein anderes hier ausgestelltes Gemälde macht sein Be-
sitzer Kronig Rembrandt verantwortlich, aber wohl mit
Unrecht; von Rembrandts Genius ist wenigstens nicht
viel in dem kleinen Bildchen, die Eltern des Tobias, zu
spüren. Auch die nicht zu leugnende Übereinstimmung,
die zwischen der Figur des blinden alten Mannes und
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