Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 26.1915

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KUNSTCHRONIK

Neue Folge. XXVI. Jahrgang 1914/1915 Nr. 27. 2. April 1915

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NEKROLOGE

Julius Franz Pascha f Am 20.'März starb in Graz
Julius Franz Pascha. Sein Name ist wohl nur wenigen
Kunsthistorikern bekannt; denn er gehörte nicht zur Gilde
im engeren Sinn. Nur die Interessenten für die Geschichte
der islamischen Kunst — also nur ein verschwindender Bruch-
teil unserer heute mehr denn je provinziell eingegrenzten
Wissenschaft — kannten ihn als Verfasser der »Baukunst
des Islam«, des ersten Versuches einer Geschichte der is-
lamischen Kunst in deutscher Sprache. Allein, dieses Buch,
so bedeutend und grundlegend es für die Begründung der
Kunstforschung des Islam war, ist gleich seinen anderen
literarischen Arbeiten (z. B. dem weitverbreiteten Band über
Kairo in Seemanns »Berühmten Kunststätten«) erst ein Werk
seiner Mußestunden im Alter. Voraus ging sein Lebens-
werk, das über unser Fach und über Deutschland hinaus von
internationaler Bedeutung ist. Daß die islamischen Bau-
ten in und um Kairo und in anderen Städten Ägyptens
heute in relativ gutem Zustand sind und daß von den vielen,
prächtigen Erzeugnissen des islamischen Kunstgewerbes in
Ägypten ein Rest im Lande erhalten wurde und seit einigen
Jahren im Neubau des Musee National in Kairo zu einer
öffentlichen Sammlung vereinigt ist, verdankt die Welt Franz
Pascha. 1831 zu Springen im Regierungsbezirke Wiesbaden
geboren, studierte Julius Franz in Karlsruhe und Wien,
wo er 1852 das Ingenieurdiplom erwarb. Nach einigenjahren
praktischer Tätigkeit begab sich Franz 1855 krankheitshalber
nach Ägypten, wo er das Glück hatte, den Boden für sein
Lebenswerk zu finden. Er trat 1859 als Ingenieur in den
Dienst der ägyptischen Regierung und wurde Hofarchitekt.
Er baute u. a. das jetzt als Hotel eingerichtete vicekönig-
liche Schloß Gezire und leitete die pompösen Festlichkeiten
in Kairo bei Eröffnung des Suez-Kanals (1869). Als Franz
1878 zum Baudirektor der Waqf-Administration (Verwaltung
der religiösen Bauten) im Ministerium der öffentlichen
Bauten ernannt wurde, begann seine Tätigkeit für die Er-
haltung der islamischen Baudenkmäler und Kunstwerke, die
bisher völlig vernachlässigt und ihrem Schicksal überlassen
waren. Er befreite die verfallenen Bauten von ihrem Schutt
und begann eine Sammlung der historisch wichtigen orna-
mentierten Trümmer anzulegen, die er zunächst in der ver-
lassenen Häkimmoschee unterbrachte. Dorthin rettete er
auch wertvolle Kunstgegenstände, die in Gefahr gerieten,
ins Ausland verschleppt zu werden. Damit legte Franz den
Grund zum heutigen Museum islamischer Kunst. Schließ-
lich setzte er die Gründung eines Instituts zur Erhaltung
aller kirchlichen Denkmäler Ägyptens durch, des Comite de
Conservation des Monuments de l'Art Arabe (1882), dessen
segensreiche Wirkung allen Kennern Kairos bekannt ist.
Da die Kairener Kunst Anregungen und Einwirkungen aus
den östlichen Reichen des Islam, besonders aus Persien,
Mesopotamien, Syrien und der Türkei in sich aufgenommen
hat, bedeutet die Erhaltung ihrer Denkmäler eine Übersicht
über die geschichtliche Entwicklung der islamischen Kunst.
Dieses Lebenswerk eines Deutschen im kulturellen Auf-
schwung, den Kairo in der zweiten Hälfte des vergangenen
Jahrhunderts erlebt hat, verdient heute doppelt gewürdigt
zu werden! p. t>Uz.

In Professor Friedrich Ostendorf, der jetzt im Alter
von 44 Jahren auf dem Kriegsschauplatze im Westen ge-
fallen ist, hat die deutsche Baukunst, die schon in diesem
Kriege den Dresdener Stadtbaurat Hans Erlwein verlor,
ihren zweiten schweren Verlust zu beklagen. Zwar als Bau-
praktiker mit seinen architektonischen Schöpfungen kann
Ostendorf sich Erlwein nicht an die Seite stellen. Aber er
war einer der besten Lehrer und der vielleicht beste Theo-
retiker unserer neuen deutschen Baukunst. Das weitaus-
greifende Werk, das er begonnen hat, wird sein Gedächtnis
für immer festhalten. Es sind die »Sechs Bücher vom
Bauen«. Aus der Hochschullehrertätigkeit Ostendorfs
hervorgewachsen, ist es das beste Lehrbuch, das dem jungen
Baukünstler von heute in die Hand gegeben werden kann.
Leider liegen nur zwei Bücher vollendet vor. Das letzte,
der zweite Band, ist kurz vor dem Kriege erschienen.
Ostendorfs künstlerische Geistesrichtung ist in dem Richt-
satz seines ersten Bandes niedergelegt: »Entwerfen heißt
die einfachste Erscheinungsform finden«. Der Zweckwillen
der neuen Baukunst ist von ihm da literarisch auf alle Ge-
biete des baukünstlerischen Schaffens angewandt worden.
Selbst gebaut hat Ostendorf verhältnismäßig wenig. Er
war im Berliner Ministerium der öffentlichen Arbeiten
tätig, wurde dann an die Danziger Technische Hochschule
berufen und wirkte seit Jahren in Karlsruhe. In Heidel-
berg steht eine vorzügliche Villa von ihm. Beim Dresdener
Rathauswettbewerb hat er seinerzeit einen der ersten Preise
erhalten.

Hamburg. Der von seiner Zeit und seinen Lands-
leuten über Gebühr hoch eingeschätzte Wiener Farben-
zauberer Hans Makart war eine zu ausgesprochene Eigen-
persönlichkeit, als daß er im Umgang mit Schülern hätte
Befriedigung finden können. Hinzu kam seine Abneigung
gegen allen mündlichen Meinungsaustausch, ja gegen das
Sprechen überhaupt. Hinlängliche Beweggründe, um ihn
die Ausübung seines Lehramtes, zu dem er als Professor
der Wiener Akademie der Künste verpflichtet war, nicht
allzu drückend empfinden zu lassen. Man hat auch nur
von zwei Schülern gehört, die sich seiner Anleitung dauernd
unterzogen haben: Karl Oderich, ein Mecklenburger, und
Alois Schramm, ein Wiener. Ein zu Beginn der neunziger
Jahre von dem ersteren in Wasserfarben gemaltes Kolossal-
gemälde, »Sieg Ramses' II. und seiner Schlachtlöwen über
die Cheta« wurde viel bemerkt und von der Fachkritik sehr
eingehend und beifällig besprochen. Georg Ebers, dessen
Roman »Uarda« dem Gemälde zu Pate gestanden, dankte
dem Maler, der »mit großer Phantasie und wohlgefülltem
Schulsack« seinen Spuren gefolgt war, in einem sehr aus-
führlichen, ungemein warm gehaltenen Schreiben. Doch
das war auch alles. Käufer für das, schon durch seinen
räumlichen Umfang anspruchsvolle Gemälde fanden sich
nicht, was wohl nicht zuletzt mit beigetragen haben mag,
daß Oderich im Jahre 1893 seinen Aufenthalt von der
Donau an die Elbe verlegte. Doch nur der Ort war ge-
wechselt, die Enttäuschung blieb. Das fraß und untergrub
die beste Schaffenskraft des Mannes, der sonst wohl das
Zeug gehabt hätte, sich als Landschafter und auch als
Porträtist durchzusetzen. Aber er vermochte sich dem
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