Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 26.1915

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KUNSTCHRONIK

Neue Folge. XXVI. Jahrgang 1914/1915 Nr. 22. 26. Februar 1915

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AUS DEM HAMBURGER KUNSTLEBEN
Durch den Abbruch des Hauses, in dem er bisher
seine Ausstellungsräume unterhalten, ist der Ham-
burger Kunstverein aus der Reihe der Aussteller ge-
schieden. Wie seine Freunde annehmen zu dürfen
vermeinen: »vorläufig«. Jedenfalls können sich aber
auch diese Freunde nicht der Erkenntnis verschließen,
daß durch diese Nötigung dem Kunstverein erspart
geblieben ist, die heikle Situation, in die alle mit der
Kunst zusammenhängenden Unternehmungen durch
den Krieg versetzt worden sind, mit durchzumachen.
Die Frage seines Wiederauflebens wird kaum früher als
die den Bau eines eigenen Ausstellungshauses be-
treffende Frage zur Erledigung kommen, zu deren
Erledigung im Mai vorigen Jahres ein — resultatlos
verbliebener — Ideenwettbewerb ausgeschrieben wor-
den war.

Unseren privaten Ausstellungshäusern kann man
die Anerkennung nicht versagen, daß sie es an Be-
strebungen nicht fehlen lassen, dem arg darnieder-
liegenden Kunstinteresse entgegenzuarbeiten. Die Ga-
lerie Commeter hat eine ausgewählte Ausstellung von
Graphiken des Edvard Münch veranstaltet, die eine
so stattliche Anzahl von Verkäufen zur Folge hatte,
daß wenigstens hier von einer Kriegswirkung nicht
gesprochen werden kann. Ja, wenn man die Zurück-
haltung, die unser Publikum derzeit allen Kunst-
ankäufen im allgemeinen gegenüber beobachtet, als
Maßstab gelten lassen wollte, müßte der materielle
Erfolg dieser Münch-Ausstellung gewissermaßen als
Kraftprobe der Geltung genommen werden, in der
der norwegische Künstler in den kunstsinnigen Kreisen
Hamburgs steht. Viel Beachtung fanden auch in der
bekannten weichen und tonigen Art des Meisters ge-
haltene Ausschnitte aus den jetzt durch die Schrecken
des Krieges weltbekannt gewordenen Niederungen der
Yser von Eugen Kampf. Das über diese Landschaften
hingeleitete goldene Licht und die sie durchziehende
tiefe Ruhestimmung erhalten durch die Berichte über
die dort geführten opferreichen Kämpfe ein von einer
gewissen Tragik erfülltes Begleitmoment, von dem
der Künstler um die Zeit, da er diese Bildtafeln ge-
schaffen, sich gewiß nichts hat träumen lassen.

Der Kunstsalon Louis Bock & Sohn hat eine
Hinterlassenschafts-Ausstellung nach dem kürzlich ver-
storbenen Hamburger Maler Thomas Herbst veran-
staltet. Da Herbst nur langsam produzierte und selten
an die Öffentlichkeit trat, hatte sich das Urteil über
ihn mehr nach dem Hörensagen als auf Grund eigener
Anschauung gebildet. So wurde von ihm stets als
von einem von pariserischen und modern nieder-
ländischen Einflüssen bestimmten, feinsinnigen Kolo-
risten gesprochen, — wie die derzeitige Ausstellung

bestätigt, mit gutem Recht. Sein Tummelfeld war
die grüne Wiese und das Bauerndorf, die er vor-
nehmlich mit Tierstaffagen belebte: stehende und la-
gernde Kühe, vor ein Bauernwägelchen gespannte, ab-
gearbeitete Pferde, ein Ziegenauftrieb und dergleichen
mehr. Wechsel suchte und fand er im Variieren des
atmosphärischen Lichtes. Ohne Frage gewann er da-
durch für seine Palette einen gewissen Reichtum, der
indes nicht ohne Einbuße erworben ward. Denn
was seine Farbe an Glanz gewonnen, das hat sie an
Bodenständigkeit verloren. Es ist in einem anderen
Räume zugleich mit der des Verstorbenen eine Aus-
stellung eines anderen Künstlers, des Altonaers F. Kall-
morgen veranstaltet, die in gewissem Sinne als Korrelat
zu jener gelten kann.

Wie in den Motiven — aus dem Hamburger
Hafen, aus dem Gängeviertel, dem Alt-Hamburger Ab-
bruchsgebiet usw. — so ist bei Kallmorgen alles, auch
in Farbe und Aufmachung auf einen mitunter bis zum
Herben ernsten Ton gestimmt. Unwillkürlich drängt
sich einem der Wunsch auf, es hätte dieser etwas
von der schillernden Farbigkeit des anderen, dieser
andere von der Erdschwere des Zweiten abbekommen.
Doch bedarf es keines allzu langen Überdenkens, um
das Unmögliche einer solchen Mischung ohne Preis-
gabe des Individuellen zu erkennen. Denn während
bei dem einen alle Kraft der Farbe zuströmte, war
dem anderen die Farbe das Mittel, das Bildgemäße
zur prägnanten Erscheinung zu bringen. Die beiden
erscheinen also als eine Verkörperung desselben Gegen-
satzes, der die neuzeitige hamburgische Kunst seit den
achtziger Jahren bewegte, und der auch heute noch
besteht.

Im Hotel »Hamburger Hof« hat der im ver-
gangenen Jahre ins Leben getretene »Wirtschaftliche
Verband bildender Künstler Nordwestdeutschlands«
eine Malerei, Graphik und Plastik umfassende Aus-
stellung veranstaltet. Das wesentlich Neue sind die
Zielpunkte des Vereins, die alle Vorteile, die die
öffentlichen Kunstausstellungen dem händlerischen
Aussteller zubringen (oder zubringen sollten) dem
künstlerischen Aussteller zu erhalten wünschen. Im
sonstigen unterscheidet sich diese Verband-Ausstellung
in nichts von den hier gang und gäben Künstler-
ausstellungen. Mit Ausnahme einiger neu hinzugekom-
menen, begegnet man meist guten alten Hamburger
Bekannten von mehr oder weniger erprobten Quali-
täten. Über das mittlere Durchschnittsmaß hinaus
reicht nur eine lebensgroße Bronzefigur, »Die Springe-
rin«. Ihr Schöpfer ist ein junger Schleswig-Holsteiner
Bildhauer, Ludolf Albrecht, der zurzeit im Felde steht.
Indem die trotz ihrer Nacktheit völlig keusch an-
mutende Frauengestalt in dem vorgeschobenen Spiel-
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