Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 26.1915

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Nekrologe — Personalien — Krieg und Kunst — Vermischtes

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Daß sie früher sämtlich der Sammlung Heseltine
angehörten, spricht genugsam für ihre Qualität. Ein
Studienblatt in Rötel von Carpaccio paßte nicht
eigentlich in den Rahmen dieser Ausstellung. Unter
den ausgestellten Tizians war mindestens ein Blatt echt,
die Studie in schwarzer Kreide zum hl. Markus auf
dem Bilde der »Fede«, also aus der Spätzeit des Mei-
sters; aber auch zwei der Landschaften, namentlich
die eine mit einem Faun, erweckten einen sehr gün-
stigen Eindruck. Andere Zuschreibungen, wie die
eines Frauenbildnisses an Lotto und einer Madonna
(Rötel) an Palma — ein unbedeutendes Blatt — dürf-
ten sich kaum aufrecht erhalten lassen. —

So bot diese Ausstellung, obwohl der Gesamt-
charakter durch das starke Überwiegen des Bildnisses
etwas monoton war, eine Fülle von Anregung für den
Kunstfreund und die stets erfreuliche Gelegenheit, weit
Verstreutes in Muße betrachten und miteinander ver-
gleichen zu können. Eine dritte Venezianische Aus-
stellung, in deren Mittelpunkt Veronese und Tintoretto
stehen werden, ist für einen späteren Termin in Aus-
sicht genommen.

NEKROLOGE

Der Maler Ismael Gentz ist in Berlin im 52. Lebens-
jahre gestorben. Er war ein Sohn des bekannten Orient-
malers Wilhelm Gentz, dessen Werk er im gleichen Sinne
fortzuführen bemüht war. Seine Bleistiftporträts genossen
in manchen Kreisen einen gewissen Ruf. Ernsthafter Kritik
hielten seine Werke nicht stand.

Der Münchener Bildhauer Professor Josef Floß-
mann, geboren in München am IQ. März 1862, ist am
20. Oktober im Alter von 52 Jahren gestorben. Er gehörte
der Schule Adolf Hildebrands an. Zahlreiche Arbeiten hat
er in engem Zusammenhang mit der Architektur selbst ge-
schaffen, so neben zahlreichen Werken an Bauten
Gabriel von Seidls und Theodor Fischers auch in Berlin
an Messels Wertheimbau am Leipziger Platz, wo ein Teil
der Skulpturen von ihm herrührt. Seine Vorliebe für die
alte deutsche Kunst der Renaissancezeit kommt in ver-
schiedenen Brunnen von seiner Hand besonders zum Aus-
druck. Sein letztes großes Werk ist die Reiterfigur für
das Bismarckdenkmal in Nürnberg, dessen architektonischen
Schmuck Theodor Fischer schuf. Im Jahre 1906 wurde er
zum Mitglied der Akademie der Künste und zum Professor
ernannt. Im vorigen Jahre wurde er als Lehrer an die
Kunstgewerbeschule in München berufen, wo er besonders
für dekorative Plastik wirken sollte.

Am 23. September starb, wie schon kurz berichtet, den
Heldentod für das Vaterland der Vorstand der Fürstlich
Fürstenbergischen Sammlung und Bibliothek Professor
Otto Heinrich, Oberleutnant der Res. und Kompagnie-
führer im Inf.-Reg. Nr. 169, im Alter von 38 Jahren. Prof.
Heinrich stammte aus Pforzheim, war im badischen Schul-
dienst tätig, wurde später Lehrer des Erbprinzen v. Fürsten-
berg, erhielt Ostern 1910 den Titel Professor, kam 1911
an das Kaiser-Friedrich-Museum in Berlin, im folgenden
Jahre als wissenschaftlicher Hilfsarbeiter an die Herzog-
liche Bibliothek in Gotha, von wo er im vorigen Jahre
nach Donaueschingen berufen wurde.

PERSONALIEN
Professor Henry van de Velde hat die von ihm er-
betene Entlassung aus seinem Amte als Direktor der

Kunstgewerbeschule in Weimar erhalten. Der Künstler
hatte sich schon im vergangenen Frühjahr entschlossen,
seine Weimarer Staatsstellung zum 1. April 1915 aufzu-
geben. Bis dahin beabsichtigt er seine Lehrtätigkeit fort-
zusetzen.

Der Lübecker Architekt Baurat Karl Mühlenpfordt,

der zurzeit im Felde steht, ist als ordentlicher Professor
auf einen neu begründeten Lehrstuhl für Architektur und
Städtebau an die Braunschweiger Technische Hochschule
berufen worden. Er hat sich als Städtebauer und Denkmal-
pfleger, ebenso wie durch seine Bauten, einen guten Namen
erworben, ihm ist es vor allem zu danken, daß sich die
neuen öffentlichen Gebäude Lübecks in das alte Stadtbild
so mustergültig eingliedern.

Das Eiserne Kreuz erhielt der Leutnant d. R. Architekt
Heinrich Straumer, der durch seine Landhausbauten in
der Umgebung Berlins und durch seine Kirchenbauten
bekannt ist.

KRIEG UND KUNST
Da Brügge ebenso wie Gent ohne Kampf von den
Deutschen eingenommen wurde, so haben die Gebäude
und Kunstsammlungen Brügges keinerlei Schaden erlitten.
Aus den Kirchen und Museen wurden alle Bilder der
Primitiven und andere beweglichen Kunstwerke ersten
Ranges schon im September geborgen, als eine Beschießung
befürchtet wurde. Aus dem Johanneshospital wurden sämt-
liche Bilder entfernt. Antwerpen hat durch die Beschießung
wenig gelitten. Es sind vielleicht 60 Häuser beschädigt oder
verbrannt; aber keinerlei Kunstschätze zerstört.

Die Kommission für die Große Berliner Kunst-
ausstellung 1914 schreibt: »Auf die Notiz, die durch die
deutschen Zeitungen gegangen ist, daß die deutsche Ab-
teilung der Lyoner Ausstellung seitens der französischen
Regierung konfisziert und zugunsten der Stadt Lyon ver-
steigert wird, ist eine große Anzahl von Anfragen an uns
ergangen über das Schicksal der französischen, englischen
und belgischen Kunstwerke, die in der Großen Berliner
Kunstausstellung 1914 ausgestellt waren. Wir können
daraufhin mitteilen, daß diese Werke in einem von der
Königlich Preußischen Staatsregierung zur Verfügung ge-
stellten Räume bis zum Ablauf des Krieges aufbewahrt
werden sollen, um nachdem den betreffenden Eigentümern
zugestellt zu werden. Von einer Beschlagnahme seitens
unserer Regierung, die wohl nach den Lyoner Vorgängen
verständlich wäre, verlautet nichts. Eine Beschlagnahme
durch uns verbietet sich aus rein rechtlichen Gründen«.

VERMISCHTES
Otto Greiner hat soeben ein lithographiertes Bildnis
von Max Klinger vollendet. Greiner weilte in den letzten
Wochen in Leipzig und hat diese Zeit benutzt, um seinen
Freund Klinger mit der Greiner eigenen künstlerischen Sorg-
falt und Sachlichkeit auf den Stein zu porträtieren. Das
Bildnis hat im Leipziger Klinger-Kreise solche Bewunderung
erregt, daß der Stein für das Leipziger Museum angekauft
worden ist, um an der Wand des Klinger-Saales eingemauert
zu werden. — Klingers Kopf ist ganz von vorn, geradeaus
blickend, gegeben und frappierend getroffen. Es ist das
ähnlichste aller existierenden Porträts von Klinger und wird
somit für alle Zeiten dokumentarischen Wert behalten. Es
ist auch, gleich dem »Professor Meurer«, auf der Höhe von
Greiners lithographischer Federtechnik. So kann es für den
Klinger-Sammlerdie beiden herrlichen 1904 radierten Selbst-
bildnisse des Meisters in wichtiger Weise ergänzen.

Josef

Inhalt: Die Ausstellung venezianischer Malerei im Burlington Fine Arts Club in London. Von Georg Gronau. —Ismael Gentz f; Professor
Floßmann f; Professor Otto Heinrich f. — Personalien. — Krieg und Kunst. — Vermischtes.

Verantwortliche Redaktion: Gustav Kirstein. Verlag von E.A.Seemann in Leipzig, Hospitalstraße IIa
Druck von Ernst Hedrich Nachf., o. m. b. h., Leipzig
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