Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 26.1915

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Die Ausstellung venezianischer Malerei im Burlington Fine Arts Club in London

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wurde (Nr. 51 Rev. L. Gilbertson), war eine unver-
kennbare Arbeit des Beccaruzzi. Carianis Name ist
von Berenson für die Judith mit ihrer Magd (Nr. 30,
Neeld) genannt worden, ein Bild von auffallend bunter
Färbung und sehr verblasenem Farbenauftrag; die Land-
schaft im Hintergrund, Sonnenuntergangsstimmung,
fast dosso-artig. Das stark unter dem Einfluß des
Sebastiano stehende Werk muß, wenn von Canani,
aus seiner Frühzeit stammen. Unbedingt von der
gleichen Hand, ebenso hell und bunt, rührt ein kleines
Madonnenbild mit Sebastian im Louvre her (Nr. 1159),
das Berenson konsequenterweise ebenfalls Cariani
zuschreibt. Mit einigen Einschränkungen wird im
Katalog Carianis Name auch für eine »Auferstehung
Christi« genannt (Nr. 3, Benson), unter Hinweis auf
die »Ehebrecherin« in Glasgow und den »Petrus
Martyr« der National Gallery. Das farbig reiche, aber
koloristisch nicht eben feine Werk steht dem Bild
mit dem gleichen Gegenstand (jedoch Querformat) in
S. Francesco della Vigna in Venedig, das gelegentlich
für Giorgione in Anspruch genommen wurde, nahe.

Ein anderer aus Bergamo stammender Maler, Bernar-
dino Licinio, war mit drei seiner Bildnisse günstig
vertreten, die trotz starker Anlehnungen an den Stil
der großen Porträtisten Venedigs stets eine gewisse
eigene Note zeigen — freilich am ehesten durch eine
gewisse Schwächlichkeit sich zu erkennen geben. Es
war doch nur in Zeiten großer Naivetät möglich, daß
man ein Porträt von ihm auf den Namen des Gior-
gione taufte. Unter diesem Namen war sein Bildnis
eines jungen Mannes, der die Hand auf einen Toten-
schädel legt (Nr. 17, Erben Sir William Farrer) noch
vor zwanzig Jahren in London ausgestellt. Ein den
bekannten Gruppenbildnissen in der Galerie Borghese
und in Hamptoncourt verwandtes Halbfigurenbild —
eine Frau mit Notenbuch und zwei Männer (Nr. 33,
Lord Kinnaird) —, sowie ein signiertes Bildnis eines

— - »..iiin.m; —, ouwic cm signiertes Bildnis eines
älteren Mannes, datiert 1524 (Nr. 39, Lord Brownlow),
einem Bildnis Licinios in den Uffizien nahestehend,
waren andere gesicherte Arbeiten von ihm, während
eins unter seinen ausgestellten Porträts, das der Elena
Cappello (Nr. 53, Countess of Carlisle) starke Zweifel
erweckte.

Einem weiteren Maler aus der Provinz — er scheint
vorwiegend in Treviso tätig gewesen zu sein —, dem
seltenen Domenico Caprioli, gehörte ein voll be-
zeichnetes männliches Bildnis an, das sein spätestes
erhaltenes Werk sein dürfte1); denn es stammt aus
seinem Todesjahr 1528 (Nr. 35, Bowes-Museum, Bar-
nard Castle). Caprioli beweist sich hier ebenso, wie in
seinen sonst bekannten Bildern, als ein recht schwacher
Künstler; und so hat auch dieses Bild wesentlich als
eine Rarität Bedeutung. Die gute Haltung, die lebendige
Pose hat er Größeren, ohne die Fähigkeit, sie zu selb
ständigem Erlebnis zu gestalten, nachgeahmt.

Pordenone fehlte, wie stets; keiner der großen
Meister der Hochrenaissance ist ja außerhalb seiner
engeren Heimat so wenig kennen zu lernen, wie er.

1) H. Cook hat es zuerst in die Literatur eingeführt
(Burlington Magazine VIII, S. 343); eine Abbildung auch
in Zeitschr. f. bild. Kunst, N. F. 23, 1912, S. 99.

Ein Bild der Herodias verriet schon dadurch den
späteren Nachahmer, daß das Haupt des Täufers nach
dem Frühbild von Tizian mit dem gleichen Vorwurf
kopiert war (Nr. 12, Sammlung Holford). Dafür war,
immer noch aus der Generation der Künstler, deren
Schaffen ungefähr mit dem Jahrhundert begann, Lotto
gut und in verschiedenen Phasen seiner Laufbahn
vertreten. Da war das bekannte Frühbild, dessen
Gegenstand bisher meist als »Danae« gedeutet wurde

— jetzt als »Traum eines Mädchens« bezeichnet _,

aus den ersten Anfängen des wechselvollen Künstlers
(Nr. 21, Sir Martin Conway); das etwas bunte, aber
durch köstliche Detailschilderung namentlich des Hinter-
grundes ausgezeichnete Bild der »Susanna« von 1517
(Nr. 25, Mr. Benson), endlich der von Berenson um
die Mitte der dreißiger Jahre angesetzte Hieronymus
in dunkelnder Abendlandschaft (Nr. 4, Lord Pembroke).
Von den Lotto zugeschriebenen Bildern steht den
Werken seiner ersten Epoche der schon seit früheren
Ausstellungen oft diskutierte Kopf des jugendlichen
Meisters, voll en face, aus der Cook-Sammlung (Nr. 6)
ganz nahe; das Gemisch von Dürer, Barbari, selbst
Antonello, wenn man will, das sich in diesem Bild
beobachten läßt, legt den Gedanken an Lotto recht
nahe. Ein größeres Breitbild der Madonna mit zwei
Stifterbildnissen im reinen Profil erschien von geringerer
Qualität, als der sehr ungleiche Meister sie selbst in
schwachen Momenten, an denen es bei ihm nicht
mangelt, zeigt (Nr. 16, Benson). Das Porträt einer
kostbar gekleideten Dame (Nr. 45, Holford) war über-
haupt nicht venezianisch, sondern rührt am ehesten
von einem Künstler der Schule von Cremona her.
Berenson hat es geradezu dem Giulio Campi zuge-
schrieben.

Schon weiter entfernt von dem Jahrhundertanfang
und überleitend zu der Kunst, wie sie sich gegen die Mitte
des Cinquecento gestaltet, waren die Werke von Boni-
fazio und Schiavone; diese beiden Meister bezeichneten
die obere Grenze, die nicht zu überschreiten sich die
Ausstellungsleitung zum Ziel gesetzt hatte. Die Kunst
des Bonifazio vertrat in seiner früheren palmesken
Phase eine Anbetung der Hirten1) (Nr. 10, Holford),
seine Reifezeit eines der vier Deckenbilder, die ein-
mal den Palast Giustinian Calerghi in Padua geziert
haben und sämtlich der reichen Sammlung Mr. Ben-
sons angehören (Nr. 23). Ein Cassone mit Szenen
aus der Geschichte der Dido, im Bonifazio-Atelier
entstanden, hatte derselbe Besitzer gesandt (Nr. 24).
Ein farbig besonders reiches Cassonebild mit einer
ovidischen Darstellung (Nr. 11, Herbert Cook) und ein
für den Meister sehr charakteristisches Männerporträt
(Nr. 40, Holford), einen Falken auf der Faust2), waren
gute Repräsentanten der Kunstweise des Schiavone.

Mit der Ausstellung der Bilder zugleich wurde eine
kleine Zahl von Zeichnungen, alle aus der gewählten
Sammlung von H. Oppenheimer stammend, gezeigt.

1) Von Wickhoff ist dieses Bild irrig für Jacopo Bassano
in Anspruch genommen worden (Jahrb. des A. H. Kaiser-
hauses, XXIV, 1903, S. 93 m. Abb.).

2) Ein Umrißstich nach dem Bild bei Lebrun. Recueil
de gravures, Paris 1809, Nr. 18.
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