Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 26.1915

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Nekrologe

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16. Jahrhunderts vereint, darunter der jugendliche Kopf
Karls IX. von Francois Clouet, eine besonders seltene
Perle. Für diese, den pedantischen Laien störende Ver-
mengung der Schulen — die übrigens in Berlin z. B. und
in München seit langem Sitte ist — war die Erwägung
ausschlaggebend, daß Bilder derselben Zeit viel größere
Gemeinsamkeiten aufweisen, als Bilder derselben Nation
in verschiedenen Jahrhunderten. In der Tat führen so
viele Fäden von diesen französischen Porträtisten zu diesen
Niederländern und von den deutschen Rudolfinern wie
Heinz und Hans van Aachen, nicht nur zu Spranger,
sondern auch zu Künstlern wie Wtenwael, daß dem künst-
lerisch gebildeten Auge die Nebeneinanderhängung nur
erwünscht erscheint. Den Gegenbeweis kann man der
alten Aufstellung entnehmen, wo der große Clouet und
der große, jetzt bei den barocken Italienern hängende
Poussin in denselben kleinen Raum gepreßt waren wie
die Bildnisse von Rigaud und Duplessis und die kleinen
Bildchen von Millet und Watteau. Das nächste Kom-
partiment öffnet sich in den Manieristensaal und wird
gefüllt von den kleineren Kabinettstücken der Rudolfiner,
von denen einzelne in dem ganzen Reiz der kapriziösen
Linienführung und zarten Farbstimmung erst jetzt, im
Seitenlicht, zur gebührenden Geltung gelangen. Auch die
kleine Felslandschaft von Momper mit ihrem prachtvoll
satten Braun und der duftig leichten Ferne fällt ins Auge.
Daran schließt sich noch ein Sackkompartiment, das die
Landschafter vom Ende des 16. Jahrhunderts enthält, vor
allem die Kabinettstücke der glänzend vertretenen Jan
Brueghel und Roeland Savery.

Als Bespannung für sämtliche Niederländer des 15.
und 16. Jahrhunderts wurde ein neutraler mittelgrauer Stoff
gewählt, der die Lokalfarben hebt und keine verschluckt.
Ein großer Teil der Malernamen konnte nach den neuesten
Forschungen richtiggestellt werden. Wo eine sichere Be-
stimmung noch nicht glückte, die alte Bezeichnung aber
evident falsch war, wurde vorgezogen, das Bild nur durch
die lokale und chronologische Beschränkung zu bezeichnen.
Der schon bei den Italienern und Spaniern begonnene
Versuch, die unschöne Uniformierung der Galerierahmen
zu durchbrechen, wurde auch hier fortgesetzt, teils durch
Erwerbung alter Rahmen, teils durch Neuarbeiten im Stile
der entsprechenden Zeit. Vorläufig konnten wenigstens
die Eyck, Goes und David und die anderthalb Holländer-
kompartimente von den störenden plumpen Goldrahmen
befreit und von dunklen Rahmen umgeben werden, die
die leuchtenden Lokalfarben gut zur Geltung bringen.

Einzelne Neurahmungen konnten auch bei den Hol-
ländern nachgetragen werden; so wurden für den Terborch
und den kleinen Wouwerman alte dunkle Rahmen auf-
getrieben und die beiden kleinen Jakob Ruisdaels durch
gut gearbeitete Kopien in schwarz umfaßt. Aus der
Sekundärgalerie wurde für diese Abteilung ein einer Folge
der fünf Sinne angehöriges Bild eines Burschen mit einem
Geldsack entnommen, das in starkem Helldunkel gehalten
ist und den Werken des Michael Sweerts nahesteht.

Schließlich ist noch einer größeren Restaurierarbeit
Erwähnung zu tun, die ebenfalls während des Krieges
vorgenommen wurde. Es handelt sich um die thronende
Madonna, Kat.-Nr. 89, die zuerst im Inventar der Sammlung
des Erzherzogs Leopold Wilhelm als Original von Bellini auf-
tauchte, bei Engerth nur mehr der Schule dieses Meisters
zugeschrieben und dann auf Anregung Franz Wickhoffs
unter dem wenig gerechtfertigten Namen Boccaccio Bo-
caccino geführt wurde. Auch Berensons Notbestimmung
auf den Pseudo-Bocaccino konnte wenig einleuchten. Tan-
cred Borenius hatte im 23. Band des Burlington Magazine
auf Seite 83 diese Madonna einer signierten Madonna von

Antonello da Saliba gegenübergestellt, die sich heute in
der Pinakothek zu Spoleto befindet. Dr. H. J. Hermann,
der diesen Zusammenhang bereits früher bemerkt hatte,
teilt uns mit, daß sich eine dritte verwandte Komposition
im Dom zu Syrakus befindet. Die Übereinstimmung
zwischen dem Wiener und Spoletaner Bild ist in der Tat
so groß, daß es gerechtfertigt erscheint, wenn Borenius in
beiden Bildern Nachahmungen eines und desselben Originals
vermutete und das Original vermutungsweise identifizierte
mit der leider verschollenen Madonna mit dem heiligen
Michael und anderen Heiligen, die Antonello da Mes-
sina 1475—76 im Auftrage des Patriziers Pietro Bono für
die Kirche Sankt Cassian in Venedig malte, die aber bereits
zu Rudolfis Zeiten (1648) aus der Kirche entfernt war.
Die starken Übermalungen, die das Wiener Bild zweimal
im 17. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts erfahren hatte,
wurden nun auf Anregung Bernhard Berensons in der
kaiserlichen Galerie durch Fräulein Lotte Sykora mit
gewandter und vorsichtiger Hand entfernt. Es stellte sich
dabei zweierlei heraus, erstens, daß es sich bei dem Wiener
Bilde um keine Replik, sondern um ein Original handeln
muß, und zweitens, daß wir es mit einem Fragmente zu
tun haben. In der linken unteren Ecke kamen nämlich
zwei weibliche Hände hervor, die einer Heiligen oder der
Gattin des Stifters angehören und ein Glas emporhalten.
Es liegt also die Vermutung nahe, daß das Wiener Bild
das herausgesägte Mittelbild des verschollenen Hauptwerkes
Antonellos ist. Über den Verbleib der übrigen Teile ist
leider bis jetzt noch nichts bekannt. Ludwig von Baidass.

NEKROLOGE
Albert Weisgerber f. Bei den letzten schweren
Kämpfen südlich von Ypem fiel am 10. Mai bei Fromelles
Albert Weisgerber, der Führer der Münchner jüngeren
Künstler. Sein allzufrüher Tod bedeutet einen der aller-
schmerzlichsten Verluste, den die deutsche Kunstwelt durch
den Krieg erlitten hat, für München besonders den denk-
bar härtesten Schlag. Weisgerber war zweifelsohne das
stärkste, ehrlichste und erfreulichste Talent unter den
jüngeren Münchner Künstlern, eine der größten Hoffnungen
der deutschen Malerei überhaupt. Und nicht nur das, er
war der geborene Führer, der durch die Kraft seiner Per-
sönlichkeit einen großen Kreis um sich zu scharen, mit
seiner urfrischen Natur, seinem sprühenden Temperament
Begeisterung, Anregung und Schaffensfreude anderen mit-
zuteilen wußte. Er ist nur 37 Jahre alt geworden. Am
21. April 1878 zu St. Ingbert in der Rheinpfalz geboren,
hat er sich in ernstester, angestrengtester Arbeit aus den
bescheidensten Verhältnissen zu der Stellung emporge-
rungen, die er zuletzt in der süddeutschen Kunstmetropole
einnehmen durfte. Er studierte an der Münchner Aka-
demie bei Stuck, an den in Weisgerbers Malerei ja wenig
erinnert, der jedoch als ein Meister der Komposition auf
den jungen Weisgerber wohl viel anregender, entscheiden-
der eingewirkt hat, als man jetzt vielleicht anzunehmen ge-
neigt ist. Die Gediegenheit der Komposition ist vielfach
nicht das letzte, was man den Arbeilen Weisgerbers nach-
rühmen darf. Die Kunst des jungen Impressionisten mit
der dunklen, trüben Palette erfuhr eine entscheidende Ver-
änderung durch einen längeren Aufenthalt des Künstlers
in Paris. Während aber viele Genossen Weisgerbers diese
Luft nicht vertrugen und den größten Teil ihrer ursprüng-
lichen Eigenart einbüßten, gelang es ihm in hartem Ringen
schließlich, alle gefährlichen Klippen zu umschiffen. Schien
es noch vor etwa drei Jahren, als ob in der Kunst Weis-
gerbers ein resignierender Kompromiß zwischen deutschem
Impressionismus und der französischen Cezanne-Schule zu-
stande gekommen sei, so bewiesen die letzten Arbeiten,
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