Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 26.1915

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Nekrologe — Personalien — Denkmäler

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Bilder in täuschender Weise einander nähert1), aus-
schlaggebend ist allein die Behandlung der Karnation.
Die Belle Feronniere steht auch bedeutend sicherer im
Bildraum und wirkt viel plastischer als das andere
Bild, bei dem die körperliche Wirkung der Gestalt
ziemlich schwach ist.

Alles in allem steht durch die Zeichnung die Zu-
schreibung beider Bilder an Boltraffio wohl auf
festerem Boden als vorher. Denn wenn auch der
absolute Wert eines Kunstwerkes wenig durch den
Namen seines Urhebers berührt wird, so ist dieser
doch sehr wichtig für die Beziehungen, durch die es
mit der Kunst seiner Zeit verknüpft ist.

NEKROLOGE
Joseph von Brandt f. Am 12. Juni starb auf seinem
Gut zu Radom in Russisch-Polen der Maler Joseph von
Brandt. Mit ihm ist das älteste und wohl auch begabteste
Mitglied der großen polnisch - ungarischen Malerkolonie
dahingegangen, die in München in der zweiten Hälfte des
19. Jahrhunderts allmählich zu einer hohen Blüte gelangt
war. Brandt, dem in München alle möglichen äußeren
Ehren zuteil geworden sind, kam am 11. Februar 1841 in
Szczebrzeszyn in Polen zur Welt. Er war ursprünglich
Ingenieur, studierte dann in Paris die Malerei bei L. Cogniet
und bei seinem Landsmann, dem Pferdemaler J. Kossak,
seit 1862 in München bei Piloty und vor allem bei dem
Schlachtenmaler Franz Adam, von dem er die eigentlich
entscheidenden Eindrücke für seine Kunst empfing. Er
war wohl ein ungewöhnlich begabtes Talent, besaß große
zeichnerische Geschicklichkeit und einen unleugbaren kolo-
ristischen Geschmack; er war aber nur ein Meister des
äußerlichen Malerhandwerks, ohne jedes tiefere Empfinden;
ein starkes Temperament, das in geschickter Weise alles
sehr lebendig mit feurigstem Kolorit zu schildern verstand,
jedoch bei allen malerischen Finessen im Einzelnen seine
Kunst nicht von dem stark illustrativen Charakter zu be-
freien, sie darüberhinaus zu adeln verstand. Die früheren
Arbeiten des Künstlers zeichnen sich vielfach durch eine
höchst anerkennenswerte Beherrschung des Helldunkels
aus, in den späteren, seit Mitte der achtziger Jahre etwa,
hellt sich seine Palette auf, von da an liegt ihm mehr
daran, die Wirkung des hellen Sonnenlichtes und der Luft
auf Mensch und Tier wiederzugeben. Brandts größte Stärke
lag in der Pferdemalerei. Das Pferd steht bei ihm immer
im Mittelpunkt des Interesses, mag es sich um Historien-
bilder handeln mit Darstellungen großer Kavalleriekämpfe
aus der polnischen Geschichte oder um Szenen aus dem
Leben der Kosaken und Tartaren. Als Hauptwerk seiner
frühen Periode darf man wohl den »Einbruch der pol-
nischen Reiterscharen in das Türkenlager vor Wien« (1873)
ansehen. Für seine spätere Art besonders charakteristisch
ist die »Verteidigung eines polnischen Gehöftes« (1890) in
der Münchner Neuen Pinakothek. Brandt war der Lehrer
des kürzlich verstorbenen Kowalski und von Fr. Roubaut.

A.L.M.

Am 12. Juni starb in München der Landschaftsmaler
und Radierer Joseph Willroider. Der 1838 zu Villach
geborene Künstler war der ältere Bruder und Lehrer des
weit begabteren, 1910 verstorbenen Landschafters Ludwig

1) Die falsche Inschrift des Krakauer Bildes: »La bele
Feroniere Leonard D'Awinci« läßt vermuten, daß dies
nicht unabsichtlich geschah. Identisch sind die dargestellten
Persönlichkeiten wohl kaum, wie H. W. Singer in den an-
geführten Äußerungen meint. .

Willroider. Er selbst hatte sich vom Tischler zum Maler
herangebildet und wirkte nach 22 jährigem Aufenthalt in
Düsseldorf seit 1889 ständig in München. m.

Der Maler Fidelis Walch ist in Bukarest gestorben.
Er war in Imst in Tirol 1830 geboren, hat in München
studiert und war hier im Meisteratelier Wilhelm v. Kaul-
bachs tätig. Er ging dann nach Bukarest, wo er vom
Königshause mehrfach mit der Ausführung von Gemälden
der Mitglieder dieses Hauses herangezogen wurde; im
übrigen wirkte er als Lehrer der Malkunst am Lyzeum St.
üheorghe.

Auf dem galizischen Kriegsschauplatz fand Ende
Mai im Alter von 26 Jahren Dr. Karl v. Sztrakoniczky
den Heldentod. In dem Verstorbenen betrauert Ungarn
einen vielversprechenden talentierten und wertvollen jungen
Kunstschriftsteller, welcher während einer Reihe von Jahren
in Zeitungen und Zeitschriften mit gewandter Feder seine
fein stilisierten und gehaltreichen Kritiken und Gedanken
über bildende Kunst und Theaterangelegenheiten veröffent-
lichte. In seinen letzten Lebensjahren betätigte er sich mit
Eifer auch am Museum der bildenden Künste in Budapest,
woselbst ihm die Aufgabe zufiel, die Werke der modernen
Graphik zu katalogisieren — eine Arbeit, die er noch vor
seinem Einrücken ins Feld vollenden konnte. a. v. t.

PERSONALIEN

Zum Unterdirektor des Pradomuseums in Madrid
wurde an Stelle des kürzlich verstorbenen Malers S. Viniegra
wiederum ein Maler ernannt: D. Jose' Garnelo y Alda.
Gegen die Persönlichkeit des neuen Museumsbeamten an
sich ist ja nichts einzuwenden; Garnelo ist ein sehr tüch-
tiger und sympathischer Künstler älteren Schlags und ein
mit Recht geschätzter Lehrer an der Akademie; er hat auch
stets ein großes Verständnis für die ältere Kunst an den
Tag gelegt. Betrübend bleibt es aber, daß wiederum die
Kunsthistoriker den kürzeren gezogen haben und statt
wenigstens eines Fachmanns nach wie vor zwei Maler
an der Spitze des Pradomuseums stehen. m.

DENKMÄLER
Essen. Durch Professor Edmund Körner, den Er-
bauer der Essener Synagoge, und durch die Freigebigkeit
des Hauses Krupp wird die Stadt Essen demnächst ein
schönes Kriegsmal erhalten, das als ein künstlerisches
Gegenstück zu dem Wiener eisernen Mann und zu dem
Kölner Bauern in Eisen gedacht ist. Der Waffenschmiede
des Deutschen Reiches ist dieses Kriegsmal entwachsen,
eine architektonisch streng gegliederte Halle mit dreiteiliger
Rückwand, in deren Mitte die fast vier Meter hohe Figur
eines Waffenschmiedes oder Wehrmannes steht, mit Schild
und Schwert in den Händen. Zu dieser ernsten Hauptfigur
gesellt sich als humoristisches Element eine von dem Bild-
hauer Ludwig Nick modellierte Hydra, deren acht Köpfe
unsere Feinde darstellen. Das Kriegsmal soll in den näch-
sten Tagen zur Benagelung auf dem Bahnhofsplatz und
später im Stadtwalde aufgestellt werden. b.

Köln. Am 8. Juni ist die Übergabe des Römer-
brunnens an die Stadt Köln erfolgt. Das in seiner Wuchtig-
keit imponierende Denkmal rührt von dem Kölner Archi-
tekten und Bildhauer Franz Brantzky her. Es erhebt sich
auf den Fundamenten der römischen Nordmauer und soll
an die Gründung der Colonia Agrippina vor nahezu zwei-
tausend Jahren erinnern. Die Gesamtkosten, die der Kölner
Verschönerungsverein trug, beliefen sich auf 60000 Mark.
Die Anlage hat die Form einer halbkreisförmigen Terrasse,
die der Komödienstraße zugewandt ist. In der Mitte des
Halbkreis-Durchmessers erhebt sich eine aus zwei kanne-
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