Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 26.1915

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Nekrologe — Personalien —

Wettbewerbe — Sammlungen

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giern abwechselnd besetzt worden ist, hat die Lieb-
frauenkirche zumal an dem erst 1912 vollendeten
Turmhelm viele Schrapnellspuren aufzuweisen. An
der Nordseite ist die Hälfte eines Maßwerkfensters,
an der Südseite des Chores ein Wimperg durch ein
Geschoß beschädigt. Das Rathaus, das auf eine An-
lage vom Jahre 1336 zurückgeht, aber nach Umbauten
des Jahres 1740 in der zweiten Hälfte des 19. Jahr-
hunderts eine vollständige gotisierende Erneuerung
gefunden hat, ist völlig ausgebrannt, doch stehen die
starken Mauern mit den Giebeln aufrecht und ge-
statten die Wiederaufführung des Daches.

In Aerschot sind in der Pfarrkirche die Wind-
fänge an der Nordseite und am Westeingang durch
Feuer zerstört. Die Kapelle nördlich vom Turm ist
ausgebrannt, doch ist das Innere im übrigen erhalten;
völlig unversehrt erhalten ist vor allem hier wie in
Lier der kostbare und überreiche spätgotische Lettner.

In Alost weist die riesige spätgotische Martins-
kirche vielfache Schrapnellspuren auf. An der Nord-
seite des Chores ist eine Fiale zertrümmert, am nörd-
lichen Kreuzarm ein Stück Balustrade. In zwei der
Kapellen des Chorumganges sind zwei Geschosse
eingedrungen und haben den unteren Teil des Fensters
und ein Stück Mauerwerk darunter herausgeschlagen
— doch sind alle diese Schäden leicht zu reparieren.

Daneben haben noch, zumal in der weiteren Um-
gebung von Antwerpen und vor der Schlachtfront in
Westflandern, eine Reihe von kirchlichen Gebäuden
größere und geringere Schäden erlitten, doch handelt
es sich hier nicht um nationale Denkmäler von irgend-
wie hervorragendem kunsthistorischen Wert. Das
Schicksal des heiß umstrittenen Ypern steht noch aus.

Das sind die tatsächlichen Beschädigungen, die
bislang an den nationalen Kunstdenkmälern Belgiens
zu verzeichnen sind — in keinem Falle völlige Ver-
luste, in keinem Falle nicht wieder gut zu machende
Zerstörungen. Und diesem Verlustkonto darf man
doch einmal die Gegenrechnung gegenüberstellen und
aufzählen, was alles unberührt erhalten ist. Nicht nur
in Löwen die sämtlichen übrigen Kirchen: Michaels-
kirche, Jakobskirche, Gertrudenkirche, in Mecheln die
sonstigen kirchlichen Denkmäler, der ganze Schatz von
Werken der Spätgotik und der Frührenaissance, die
Tuchhalle, der ehemalige Palast der Margarete von
Österreich, die Häuser an den Kais, sondern vor
allem völlig unberührt sind die Denkmäler der Haupt-
stadt Brüssel, der drei großen flandrischen Kunst-
zentren Gent, Brügge, Tournai, die sämtlichen Monu-
mente von Lüttich und vor allem auch von Ant-
werpen, wo allein das südliche Querschiffenster der
Kathedrale durch eine müde und verirrte Granate
getroffen ist, die nicht einmal deutliche Aufschlag-
spuren auf dem Boden hinterlassen hat, während der
hochragende Turm, obwohl Bewachungsstation, sorg-
sam vor Geschossen behütet worden ist. Unberührt
erhalten sind in Brüssel St. Gudule und die gesamten
Bauten an der Grande Place; in Gent St. Bavo, St.
Nikolas, St. Michael, das Grafenschloß; in Brügge
Notre-Dame und St. Sauveur, Johanneshospital, Halle
und Rathaus; in Tournai die Kathedrale und St.Quentin;

in Lüttich St. Croix, St. Paul, St. Jacques, St. Martin;
in Antwerpen außer der Kathedrale Jesuitenkirche und
St. Jacob, Rathaus und Haus Plantin-Moretus; dazu
die Kirchen, Rathäuser in Courtrai und Hai, in Soi-
gnies und Nivelles, in Audenarde und Leau, in Tirle-
mont und St. Trond.

All diesen Reichtum zu wahren und zu schützen
hat die neue, in Verbindung mit dem General-
gouvernement eingesetzte Zivilverwaltung Belgiens als
eine Ehrenpflicht erfaßt und noch zwischen den
Schlachten eine eigene Organisation zum Schutz der
unbeweglichen und beweglichen Denkmäler geschaffen.
Die um den Bestand dieser Monumente besorgten
Kreise der deutschen Kunstfreunde, wie die durch die
Übertreibungen und falschen Gerüchte aufgeschreckten
Kunstfreunde des Auslandes dürfen beruhigt sein und
sich sagen, daß selbst unter den Unbilden des Krieges
und selbst für kurze Zeit so kostbarer Kunstbesitz in
der Hand der deutschen Verwaltung sicher aufge-
hoben ist.

NEKROLOGE
Gefallen sind der Geh. Baurat Paul Effenberger,
vortragender Rat im Ministerium der öffentlichen Arbeiten
zu Berlin, und Geh. Baurat Hermann Gehrts in Hannover,
der ehemalige Generaldirektor der siamesischen Staats-
bahnen, der bei Ypern kämpfte.

Der Kustos an der Unterrichtsanstalt des Kgl. Kunst-
gewerbemuseums in Berlin Aemil Fendler ist gestorben.

PERSONALIEN
Waldemar Rösler, der bekannte Berliner Maler, Vor-
standsmitglied der Freien Sezession, hat im Westen, wo er
als Unteroffizier an der französisch-belgischen Grenze steht,
das Eiserne Kreuz erhalten. — Die gleiche Auszeichnung
wurde den Leipziger Malern und Graphikern Wil Howard
und Erich Gruner zuteil.

WETTBEWERBE
Die wichtigste städtebauliche Frage für das innere
Stuttgart, die Umbauung des neuen Bahnhofsplatzes und
Bebauung der Königstraße, ist jetzt durch engeren Wett-
bewerb für Vorentwürfe entschieden worden, den die
Stadtgemeinde unter Prof. Paul Bonatz, Oberbaurat Eisen-
lohr und Oberbaurat Schmohl in Stuttgart, Prof. Hocheder
in München und Prof. Ostendorf in Karlsruhe ausge-
schrieben hat. Das Preisgericht erteilte den Preis dem Ent-
wurf von Prof. Paul Bonatz und F. E. Scholer-Stuttgart.

SAMMLUNGEN
Im Kaiser-Friedrich-Museum zu Berlin ist die Neu-
einrichtung des Eingangsraumes zu der Abteilung der Ge-
mälde der deutschen und niederländischen Schulen nun-
mehr fertiggestellt worden. Der Raum war ursprünglich
für wechselnde Ausstellungen freigehalten, in erster Reihe
um Neuerwerbungen vor ihrer endgültigen Einreihung in
die Galerie zeigen zu können, erwies sich aber seiner un-
günstigen Beleuchtungsverhältnisse wegen hierzu wenig
geeignet. Lange Zeit beherbergte er die Sammlung Wesen-
donck, und als diese bis auf wenige Hauptstücke nach
Bonn überführt wurde, ergab es sich von selbst, daß eine Er-
gänzung aus den Beständen des Museums im Sinne dieser
Sammlung vorgenommen wurde. So war ein Kabinett des
niederländischen 17. Jahrhunderts entstanden, das außer
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