Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 26.1915

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Nekrologe — Personalien

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Werke von Rottenhammer, Elsheimer und Schwarz
anschließen zu lassen, die wirklich nicht gut zu Mengs,
van der Werff und Rosa di Tivoli passen. Es wird
ja wohl ein leichtes sein, aus den reichen Beständen der
bayrischen Galerien ein in sich geschlossenes deutsches
Rokokokabinett zu schaffen.

Ein Schmerzenskind der Pinakothek wird auch der
große sogen. Seicentosaal bleiben, solange bei dem
stark reflektierenden Westlicht die großen Gemälde
schlecht zu sehen sind. Die Umgestaltung dieses
Raumes in einen Oberlichtsaal dürfte freilich sehr
kostspielig sein, würde sich aber doch letzten Endes
sehr lohnen. Die kleinen Bilder an den in den Saal
seit einigen Jahren eingebauten Scherwänden haben
ja an und für sich ein sehr gutes Licht, aber die
Scherwände wollen bei aller Zweckmäßigkeit an
diesem Platz nicht recht zu dem Charakter der
Pinakotheksäle passen.

Wann mit den Umbauten in der Neuen Pina-
kothek begonnen wird, scheint noch nicht festzu-
stehen. Bei dieser Gelegenheit sei bemerkt, daß man
sich über den Grund der Schließung der Parterre-
säle mit der sogen. Tschudistiftung in verschiedenen
Kreisen eine falsche Vorstellung macht. Sie sind,
wie ich höre, lediglich aus dem gleichen Grund ge-
schlossen wie die übrigen Parterreräume und die
ganzen Nordkabinette: aus Mangel an Aufsichts-
personal.

Seit Neujahr sind in der Alten Pinakothek die
Kabinette wieder zugänglich. In den ersten Kriegs-
monaten sind dort einige nicht unbedeutende Ver-
änderungen eingetreten. Vor allem hat das sogen, alt-
kölnische Kabinett ein neues Aussehen dadurch ge-
wonnen, daß die Bilder des Marieniebenmeisters endlich
von ihren pseudogotischen Goldrahmen befreit wurden
und eine zu ihnen wirklich passende Umrahmung
erhalten haben. Dabei wurden verschiedene Tafeln
dieses Altarwerkes wieder so zusammengefügt, daß
die Malereien auf den Rückseiten wieder zu studieren
sind: die im Hochformat gehaltenen, sich über je
zwei Tafeln erstreckenden Darstellungen der »Kreuzi-
gung« und »Marienkrönung«. Zu loben ist, daß
man bei der Restaurierung dieser sehr stark mit-
genommenen Rückseiten nicht weiter ging, als es un-
bedingt nötig war und von allen unnötigen Er-
gänzungen abgesehen hat. — Im gleichen Kabinett
sieht man jetzt ein köstliches Kabinettstück der Kölner
Schule: eine kleine »hl. Anna selbdritt« des Meisters
des Bartholomäusaltares. Das Bild ist als Leihgabe
des Kunsthändlers A. S. Drey ausgestellt. Wie es
scheint, hat der Krieg eine Erwerbung des Gemäldes
durch den Staat vorläufig nicht möglich gemacht,
doch darf man wohl aus der Aufstellung des Bildes
in der Pinakothek den Schluß ziehen, daß es dieses
Haus nicht mehr verlassen wird. Das außerordent-
lich gut erhaltene Werk fesselt das Interesse aus den
verschiedensten Gründen. Einmal ist es von großem
Reiz, den Künstler in dieser — offenkundig frühen
Arbeit — von der ganz intimen Seite her kennen
zu lernen. Bei aller Kleinheit ist das Bild durchaus ein
Gemälde, nicht etwa eine Ölminiatur, darin von ähn-

lichen niederländischen Arbeiten gänzlich unterschieden.
Von den zeitgenössischen Altniederländern scheidet
sich das Bild vor allem aber durch das Kolorit. Es
besitzt nichts von jenen zarten Tönen der nieder-
ländischen Primitiven,deren Bilder im Laufe des ^.Jahr-
hunderts immer mehr durch ein durchgehendes Grau
zusammengehalten werden; die kleine Tafel funkelt
vielmehr in tiefsten, satten Farben.

Die ganze Auffassung, vor allem das Kolorit
dieser »hl. Anna selbdritt« verstärken somit wieder-
um die Hypothese derjenigen, die behaupten, daß
der Bartholomäusmeister nicht von den Niederlanden,
sondern vom Oberrhein kommt, und es ist nicht
uninteressant, daß das Bild seinerzeit in Paris als
Werk eines »Oberrheinischen Primitiven« versteigert
wurde.

Im Dürersaal ist an Stelle von Cranachs »Lucrezia«,
die jetzt — wie ich höre mit bestem Erfolg und
überraschenden Resultaten — von den Übermalungen
aus dem 17. Jahrhundert befreit wird, ein anderes,
der Schleißheimer Galerie entstammendes Werk des
älteren L. Cranach zu sehen, das die gleiche Operation
kürzlich an sich erfahren hat: eine Venus mit dem
Amorknaben, die sich aus einer züchtig bekleideten
»hl. Juliana« mit einem Heiligenschein und dito löb-
lich verhüllten Englein dank der Geschicklichkeit
des Schleißheimer Restaurators Andr. A. Mayer in
ihren Originalzustand zurückverwandelt hat. AI. M.

NEKROLOGE
Der Nürnberger Erzgießer Prof. Christoph Lenz ist
in seiner Vaterstadt gestorben; er hat ein Alter von 86 Jahren
erreicht. Aus seiner Anstalt ging eine große Anzahl Stand-
bilder hervor, so die Figuren Krieg und Frieden für das
Niederwalddenkmal, die Denkmäler von Theodor Körner
in Dresden, Schiller in Mainz, Radetzky in Prag, Karl XII.
in Stockholm.

PERSONALIEN

Professor Hermann Eichfeld, der Direktor der Groß-
herzoglichen Gemäldegalerie zu Mannheim, beging am
27. Februar dieses Jahres seinen 70. Geburtstag. Er ist zu
Karlsruhe geboren; aber die ersten Eindrücke von Kunst
stammen aus Antwerpen, wo sein Vater als Kaufmann lebte,
und wo er seine Jugend zubrachte. Feuerbach, L. Kachel,
C. Roux und andere deutsche Künstler verkehrten im Hause
seiner Eltern, als Wappers die Akademie leitete und sein
malhandwerkliches Können und leidenschaftliches Natur-
studium dem kühlen, »abgeklärten« Klassizismus entgegen-
setzte. Schon als Zwölfjähriger durfte Eichfeld den An-
tikensaal der Akademie als Kunstbeflissener besuchen. Der
Eintritt in den badischen Militärdienst unterbrach die künst-
lerischen Studien nicht, die Eichfeld, als er 1873 die Offiziers-
laufbahn abbrach, wieder eifrig betrieb. Im deutsch-fran-
zösischen Krieg hatte er sich das Eiserne Kreuz und den
militärischen Karl Friedrichs-Orden erworben, eine Ver-
wundung erhalten, war in französische Gefangenschaft ge-
raten und hatte sich tapfer daraus zu befreien gewußt. Er
nahm dann die Kunststudien an der Stuttgarter Akademie
und später bei Wenglein in München wieder auf, bereiste
Oberitalien und war einer der Mitbegründer der Sezession
und später ihr Ausschußmitglied. Sie hat ihm 1909 die
goldene Medaille zuerkannt.

Eichfeld hat sich mit seiner Landschaftskunst zwischen
dem belgisch-deutschen Naturalismus und der französisch-
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