Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 26.1915

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KUNSTCHRONIK

Neue Folge. XXVI. Jahrgang 1914/1915 Nr. 35. 28. Mai 1915

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NEKROLOGE

Am 17. Mai ist der Professor an der Kunstakademie
in Kassel Hermann Knackfuß einem Leiden erlegen,
das er sich infolge einer freiwillig im Dienst des Vater-
lands übernommenen Pflicht zugezogen hatte. Ein Mit-
streiter und Ritter des Eisernen Kreuzes von 1870/71, Ritt-
meister der Landwehr-Kavallerie, hatte er, obschon über
die Mitte der sechziger Jahre hinaus, sich freudig der
großen Sache zur Verfügung gestellt, nicht zufrieden damit,
daß seine fünf Söhne und der Schwiegersohn auf den ver-
schiedensten Kriegsschauplätzen mit Auszeichnung kämpf-
ten: ihr hat er nun sein Leben zum Opfer gebracht.

Ein Rheinländer von Geburt (geb. 11. August 18"48 in
Wissen a. d. Sieg) und von Erziehung, trat er in die Kunst-
akademie der rheinischen Kunstmetropole als Schüler ein.
Bendemann und Gebhardt waren hier seine Lehrer. Ein
dreijähriger Aufenthalt in Rom schloß sich an und wies
seinem Schaffen die Richtung. Er ist gern und oft nach
Italien, nach Rom besonders, zurückgekehrt, zumal ihn
engere persönliche Bande mit der Stadt verknüpften; von
dort hatte er sich die Gattin geholt, eine Schwester der
durch Böcklins Bildnis verherrlichten Gemahlin von Fritz
Gurlitt.

Als Louis Kolitz, der im Vorjahr Verstorbene, gegen
1880 die Reorganisation der Kasseler Kunstakademie über-
nahm, berief er als Lehrer mehrere Düsseldorfer an die
Anstalt: Scheurenberg — vor wenigen Wochen gestorben —,
Wünnenberg und Knackfuß. 35 Jahre hat letzterer der An-
stalt angehört, ebenso beliebt bei seinen Kollegen wie
verehrt von seinen Schülern. Seine Tätigkeit beschränkte
sich nicht auf die Unterweisung in seinem eigentlichen
Fach; auch Anatomie und Kunstgeschichte hat er durch
viele Jahre gelehrt. Häufige Reisen brachten neue Ein-
drücke, so namentlich nach Griechenland und Kleinasien,
wo sein Bruder, der jetzige zweite Sekretär am Institut in
Athen, die Ausgrabungen von Didymä leitete. Endlich
lernte er den Orient, die denkwürdigen Stätten des heiligen
Landes 1898 kennen, als er im Gefolge des Kaisers die
Jerusalemreise mitmachte.

Wenn Knackfuß' Name jedermann in Deutschland ge-
läufig ist, so haben dazu nicht wenig seine allbekannten
Beziehungen zu Kaiser Wilhelm II. beigetragen. Die vom
Kaiser inspirierten Blätter »Völker Europas« und »Niemand
zu Liebe« haben dem Künstler einen weithin verbreiteten
Ruf verschafft. Über diesen Blättern, den Gemälden mit
Darstellungen aus der Geschichte der Hohenzollern und
dem Bilde, in welchem der Einzug des Kaiserpaares in
Jerusalem farbenprächtig geschildert war, ist die reiche
Schaffenstätigkeit des Künstlers um so leichter übersehen
worden, als sie sich in einer Richtung bewegte, die aufgehört
hatte, den Anschauungen der jüngeren Generation — sie
ist es längst nicht mehr! — zu entsprechen. Aber in
Knackfuß steckte eine große Vielseitigkeit, und ein wahr-
haft bewundernswerter Fleiß unterstützte seine reichen
Anlagen. Das Beste, was er hinterlassen hat, sind vielleicht
nicht immer die ausgeführten Kompositionen; in seinen
Studien findet sich dagegen oft eine erfrischende Natur-
beobachtung, ein feiner Geschmack und eine innige Freudig-

keit an der Natur. Ich kenne Wolken- und Tierstudien von
ihm, großzügig einfache Dinge, die vor jedem unbefangen
Urteilenden — sie sind allerdings selten geworden — be-
stehen können. Unter den großen Kompositionen steht
obenan wohl sein Bild in der Ruhmeshalle in Berlin, das
den »Sturm der Preußen auf Turin« darstellt — die treffliche
Studie der Komposition hängt im Heim des Meisters —;
gewiß eine der koloristisch besten Arbeiten in der Serie
der dortigen Gemälde.

Noch in den letzten Jahren hat ihn eine große deko-
rative Aufgabe beschäftigt, das Deckenfresko im Treppen-
haus des neuen Rathauses in Kassel. Der Künstler knüpfte
hier an den Umstand, daß die Stadt Heimat der deutschen
Märchensammler gewesen ist, an und wählte als Thema
»Frau Holle«. Eine große Zahl schwebend bewegter Figuren,
in lichten Tönen, sind gegen einen hellen Himmel ge-
sehen, anmutige Frauen, spielend scherzende Kinder. Eine
sehr erfreuliche Lösung der Aufgabe, die er sich gestellt
hatte, von der ein hervorragender Vertreter der modernen
Richtung mit Recht gesagt hat, er wisse kaum einen Künstler
in Deutschland zu nennen, der Besseres würde unter den
gegebenen Bedingungen zustande gebracht haben.

Neben der überaus regen Tätigkeit des Malers lief
die nicht minder ausgedehnte des Kunstschriftstellers her.
Knackfuß war ein Mann von geradezu seltenen Kenntnissen
auf allen Gebieten der Geschichte; nie trat man vergebens
mit einer Frage an ihn heran. Dieses Interesse an der
Historie, verbunden mit der Freude an den künstlerischen
Schöpfungen der Vergangenheit, veranlaßten ihn wohl früh-
zeitig, in einzelnen Artikeln kunstgeschichtliche Themata
zu behandeln. So schrieb er einmal (Ende der achtziger
Jahre) in Velhagen & Klasings Monatsheften mehrere Auf-
sätze über Rembrandt, in denen wohl zum erstenmal die
neuen billigen Illustrationsverfahren in breitem Umfang
Verwendung fanden. Die auffallende Nachfrage seitens
des Publikums nach diesen Heften bewies, daß hier ein
Bedürfnis vorlag; aus den Einzelaufsätzen wurde die Mono-
graphie, und so verdankt man Knackfuß in Deutschland
diese rasch so beliebt gewordene Form der Popularisierung
der Kunstwissenschaft, der die zahllosen Bände der ver-
schiedenen Serien dienen. Knackfuß selbst hat ferner —
in Verbindung mit anderen — eine Allgemeine, sowie eine
Deutsche Kunstgeschichte geschrieben.

So vereinte sich in diesem Mann, ein seltener Fall, künst-
lerische Produktion mit der Fähigkeit, historisch-kritisch
Kunst anzuschauen; aus dieser Verbindung aber erwuchs
seine schönste Eigenschaft, die ihn seinen Freunden wahrhaft
liebenswert machte: seine hohe Gerechtigkeit fremdem
Schaffen gegenüber. Er selbst stand mit beiden Füßen in
der Tradition einer vergangenen Zeit; die Ideale seiner
Kunst waren andere, als die der folgenden Generationen,
aber darum stand er diesen nicht, wie es leider so oft, ja
fast immer geschieht, verständnislos und mit Haß gegen-
über; vielmehr nahm er aufs regste und wärmste Anteil
an den Bestrebungen der Jugend. Selbst mit den tollsten
Äußerungen des Sturmes und Dranges der Gegenwart
wußte er sich abzufinden; wo Talent steckte, da fühlte er
es instinktiv, mochte es unter noch so grotesken Formen
erscheinen; und erkannte er es, so hatte er auch Aner-
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