Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 26.1915

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KUNSTCHRONIK

Neue Folge. XXVI. Jahrgang

1914/1915

Nr. 36. 4. Juni 1915

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AUSSTELLUNG VON WERKEN ALTER KUNST
AUS BERLINER PRIVATBESITZ
In Paul Cassirers Kunstsalon ist eine Ausstellung von
Werken alter Kunst aus Berliner Privatbesitz eröffnet
worden, deren Ertrag den Zentralkomitees des preußi-
schen Landesvereins vom Roten Kreuz zur Verfügung
gestellt werden soll. Nach den Ausstellungen ähnlicher
Art, die im Laufe der letzten Jahre in Berlin gezeigt
wurden, schien es nicht ganz leicht, etwas Bedeutendes
zusammenzubringen, ohne in der Hauptsache Wieder-
holungen zu geben. Daß es doch gelang, ist ein neues
Zeichen für den Reichtum des Berliner Privatbesitzes
an Meisterwerken alter Kunst, und vor allem zeigt es
sich hier, wo nicht der Teilnehmerkreis auf die Mit-
glieder des Kaiser-Friedrich-Museumsvereins beschränkt
ist, daß auch die Zahl der Sammler eine erheblich
größere ist, als die früheren Ausstellungen glauben
machen konnten.

Eins allerdings hat auch diese Veranstaltung mit
den anderen ihrer Art gemein, daß nämlich der Haupt-
teil ihres Bestandes der niederländischen Kunst des
17. Jahrhunderts gehört, dieser Kunst der Sammler, der
ersten, die es sich ganz zur Aufgabe machte, für das
bürgerliche Haus zu schaffen, und deren unermeß-
liche Produktionskraft ein scheinbar unerschöpfliches
Material der Nachwelt überlieferte. Im Gegensatz
zu der letzten Ausstellung in den Räumen der Akade-
mie treten hier die zwei Hauptmeister einigermaßen
zurück. Von Rubens wird eine Siegesgöttin gezeigt,
eine Detailstudie zu dem Reiterbildnis Philipps II. von
Spanien im Prado, ein schönes Stück Malerei, das man
wohl dem Meister selbst zutrauen möchte, während die
beiden Grisaillen nicht die ganze Energie von Rubens'
Pinselstrich verraten. Die beiden Rembrandt, die ebenso
wie die Siegesgöttin des Rubens Rob. v. Mendelssohn
gehören, sind noch von der Ausstellung im Redern-
Palais wohl erinnerlich, das Selbstporträt bleibt auch
diesmal problematisch, und das Bildnis der Hendrickje
hat nicht den vollen Klang der großen Meisterwerke
der Spätzeit. Ein miniaturhaft feines Bildchen der
frühesten Epoche verdient dieses Mal den Preis, es ist
'der Petrus unter den Knechten des Hohenpriesters von
1626, der Karl v.d.Heydt gehört. In all seinem bühnen-
haften Aufputz verrät es so viel Erfindung und un-
befangene Gestaltungskraft wie nur die besten Werke
dieser Zeit. Die zwölf Zeichnungen aus Kappels Besitz
geben in ihrer Vielseitigkeit eine erwünschte Ergänzung
zu der umfangreichen Ausstellung, die eben jetzt im
Berliner Kupferstichkabinett steht. Wie überall, wo
eine Reihe von Rembrandtzeichnungen gezeigt werden,
erhebt sich auch hier die ganze Fülle schwieriger
Fragen der Kritik, die anzuschneiden an dieser Stelle
nicht versucht werden soll. Neben diesen dem Kenner

Berliner Privatsammlungen wohlvertrauten Blättern ist
eine Überraschung die schöne Enthauptung Johannis
des Täufers, die Frau Straus-Negbaur gehört. Die
Zeichnung dürfte in den vierziger Jahren entstanden
sein und gehört sowohl in der Gesamtkonzeption wie
in der erstaunlichen Ausdruckskraft des Striches zu den
ganz genialen Äußerungen des Meisters. Nicht minder
überraschend ist denen, die es nicht kannten, das kleine
Männerporträt des Frans Hals, das Wilhelm Gumprecht
gehört. Man kann nicht umhin, vor diesem Stück in
der Ausdrucksweise der Kenner zu reden und ihm
die höchste Qualität des Meisters zuzusprechen. Denn
mit dem Worte ist es in der Tat bezeichnet. Die ganze
Kunst des Frans Hals ist hier im kleinsten Räume
offenbart. Der ungemein lebendige Pinselstrich, die
vornehme farbige Haltung, die allen Reichtum nur in
der Nuance sucht, und die Schlagkraft des seelischen
Ausdrucks, die einen Menschen hinstellt, den man un-
mittelbar zu kennen glaubt, dessen Züge man so leicht
nicht wieder vergißt. Und alle theoretisch ästhetischen
Bedenken gegen das Porträt in unterlebensgroßem
Maßstab werden vor einem solchen Stück zunichte.
Man möchte wünschen, daß mancher der Heutigen, der
nur im großen Formate sich aussprechen zu können
glaubt, zu den bescheideneren Dimensionen sich be-
kehren lernte, die den Meistern des 17. Jahrhunderts
nicht selten genügten. Neben Hals, der nur gelegentlich
Bildnisse in kleinem Formate malte, war insbesondere
Terborch berühmt in diesem Fache. Auch hierfür bietet
die Ausstellung zwei glänzende Beispiele in dem Albert
Nilant und der Frau Swantje Nilant, die aus Berthold
Richters und James Simons Besitz sich in dieser Aus-
stellung für kurze Zeit wieder zusammengefunden
haben. Ein raffinierter Geschmack spricht aus diesen
Bildern in ihrer zierlichen Zeichnung wie dem un-
endlich zarten farbigen Klang eines schwebenden Grau.
Noch sei das feine Miniaturporträt des Mieris in diesem
Zusammenhange genannt und das Bildnis eines jungen
Mannes von Caspar Netscher. Reizend ist hier die
Silhouette des Menschen frei vor den Himmel gestellt.
Neben dem Meisterwerk des Hals bleiben diese anderen
gewiß in ihrer Art nur künstlerische Pikanterien,
aber man wird überhaupt nicht leicht anderes finden,
das die unmittelbare Nachbarschaft dieser kleinen
Perle vertrüge. Am ehesten noch einige Werke, die
ebenfalls Wilhelm Gumprechts Besitz entstammen,
wie die meisterhafte Landschaft des Jan van Kessel,
der die schöne Alterspatina noch einen Reiz mehr
verleiht, das kleine Bildchen mit dem stehenden Mann
von Adriaen van Ostade oder die Raucherstudie von
Brouwer, die wiederum im kleinsten Rahmen alle Kunst
des außerordentlichen Meisters offenbart und ein an-
deres Werk, wie die trinkenden Bauern, in weiten Ab-
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