Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 26.1915

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KUNSTCHRONIK

Neue Folge. XXVI. Jahrgang 1914/1915 Nr. 18. 29. Januar 1915

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RATHÄUSER UND HALLENBAUTEN IN BELGIEN
Von Karl Simon

Schon früh schlägt der heute Belgien genannte
Teil der Niederlande eine von Deutschland verschie-
dene Entwickelung ein; schon früh vermag sich der
selbständige Bürgergeist, der sich ja auch in Deutsch-
land hie und da regt — nennen sich doch z. B.
schon in einer Urkunde von 1167 Kölner Bürger
»egregii cives« — durchzusetzen, ohne von den
inneren Kämpfen, in denen sich Deutschland frucht-
los erschöpft, allzusehr mitgenommen zu werden.
Innere Kämpfe gab es zwar auch in den Niederlan-
den genug, aber sie endigten entweder mit dem Siege
der Städte oder doch so, daß der Sieger immer sein
eigenstes Interesse an dem Wohlergehen der Städte
haben mußte. Die Nähe des Meeres begünstigte, ja
forderte den Unternehmungsgeist heraus und gab
Bürgern und Städten jenen großen Zug, dem wir in
Deutschland vielleicht nur in den Hansestädten Ähn-
liches zur Seite stellen können, während auch be-
deutende Binnenstädte wie Nürnberg, und selbst Augs-
burg bis zum Zeitalter der Fugger, immer etwas
Kleinliches und Beschränktes behalten.

Dieser große Zug zeigt sich natürlich ganz be-
sonders in der sozusagen öffentlichsten Kunst, der
Architektur, deren bedeutendste Werke — sehr
bezeichnend wieder — nicht für den Sakral-, sondern
für den Profanbau entstehen. Rathäuser und Hallen-
bauten, die bis gegen 1600 zahlreich erstehen, sind
ihr hervorragendster Ausdruck.

Fremder als den Rathäusern stehen wir heute den
Hallenbauten gegenüber, die als Betriebs- oder
Ausstellungs- und Verkaufsräume einer größeren Ge-
meinschaft, einer ganzen Stadt oder bestimmten Zunft
dienen. In Deutschland sind diese Anlagen schon
an sich seltener gewesen, oft aber auch schlecht oder
gar nicht erhalten geblieben. Ich erinnere nur an
das ungemein interessante große Kaufhaus in Mainz,
das, 1812 abgerissen, nur in einer Aufnahme des
19. Jahrhunderts auf uns gekommen ist. Sonst wären
zu nennen der Gürzenich in Köln, das Kaufhaus in
Freiburg i. B., die Fleischhalle in Münster i. W. usw.

In Belgien kommen vor allem Fleischhallen und
Tuchhallen in Betracht: die Wichtigkeit des Tuch-
handels für Flandern bedarf ja keiner näheren Aus-
führung. Bei diesen Hallen kommt es für die innere
Einteilung wesentlich auf große einheitliche Räume
an, in denen ungehindert sich der Betrieb abwickeln
oder die Waren ausgestellt werden können.

* *
*

Der Zweck des Rathauses stellt natürlich andere
Anforderungen, auf die nicht näher eingegangen zu

werden braucht. Mit größeren Rathausbauten wird
in Deutschland gern eine Kapelle in Verbindung ge-
bracht, so in Köln, Mainz, Nürnberg und sonst, in
Belgien ist dies offenbar selten. Interessant ist aber
das Vorkommen eines Kapellen-Anbaues am Rathaus
in Gent, der, mit drei Seiten des Vielecks schließend,
an der Langseite nach der Nebenstraße (Hoogport-
straat) herausspringt. Neben ihm, der zu Trauungen
dient, befindet sich der große Saal, von dem aus
eine Treppe mit gotischem Geländer auf einen Balkon
nach der gleichen Seite hinausgeht.

Auch die bei uns so häufigen, als »Lauben« be-
zeichneten Vorhallen scheinen fast gänzlich zu fehlen;
am ehesten könnte man das Rathaus in Hai nennen,
das freilich erst vom Anfang des 17. Jahrhunderts
stammt; hier ist das Erdgeschoß als offene Halle ge-
staltet, wo Treppen rechts und links zu dem Eingangs-
portal hinaufführen.

Wohl die ältesten Reste weist das vor längerer
Zeit wiederhergestellte Rathaus in Alost auf (etwa
Anfang des 13. Jahrhunderts). Der rechteckige Bau hat
an den vier Ecken Türmchen: an der Südostecke,
den Abschluß der Front bildend, erhebt sich der
quadratische Beifried, dieser für Rathäuser und Hallen
fast gleich verbindliche Bestandteil, der zunächst
praktischen Zwecken der Rekognoszierung und Ver-
teidigung diente, und die Sturmglocken barg, die in
den so oft wiederkehrenden Zeiten des Kampfes zu
den Waffen riefen. Bald aber werden sie, wie an
den Kirchen, auch ein mehr oder weniger dekoratives
Element, bei den großen Bauten ein Symbol freien
Bürgerstolzes schlechthin.

Nicht an der Ecke, sondern mehr nach der Mitte
zu gerückt, befindet sich der Beifried in Termonde
(14. Jahrhundert), von dem beiderseits Treppengiebel
sich erheben — wenn die im 19. Jahrhundert er-
folgte Wiederherstellung den alten Zustand gibt.

In dem 1377 begonnenen, zehn Jahre später
wahrscheinlich vollendeten Rathaus in Brügge, durfte
sich dann die Bedeutung der reichen Stadt unge-
hindert aussprechen. Es ist ein längliches Viereck
mit zwei Portalen im Erdgeschoß, das durch eine
Reihe von vier Stützen in zwei Schiffe geteilt ist.
Als Schmuck verwendet man an den Fenstern Wappen-
schilde und zwischen den Fenstern als Abschlüsse
nach den Seiten zu je zwei Statuen unter Baldachinen
in drei bezw. zwei Etagen. Als oberer Abschluß
Zinnen und je drei achteckige Türmchen an den
Langseiten. Auch die steilen Giebelseiten mit einem
turmartigen Aufbau.

An dem 1402 begonnenen Rathaus in Brüssel
endlich ein neues Element: vor dem eigentlichen Bau
(an dem uns allein hier interessierenden gotischen
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