Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 26.1915

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Literatur — Vermischtes

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Boeckhorst zugeschrieben werden müssen. Es sind das
zuerst drei Darstellungen des Jüngsten Gerichts. Das sog.
»Kleine jüngste Gericht« der Münchener Pinakothek ist,
wie Oldenbourg mit guten Gründen nachweist, von einem
Nachahmer des Meisters nachträglich um den oberen halb-
runden Abschluß bereichert worden. Die »Auferstehung
der Seligen« in der Galerie von Erlangen (früher ebenfalls
in der Müchener Pinakothek) scheint eine vom Meister
unvollendet gelassene und später von derselben Hand wie
das vorgenannte Bild vollendete und ringsum vergrößerte
Arbeit zu sein. Von demselben Meister ist offenbar auch
die Kopie von Rubens' Höllensturz der Münchener Pina-
kothek im Museum zu Aachen, die, seitdem sie auf der
Brüsseler Ausstellung von 1910 studiert werden konnte,
wohl kaum mehr von irgend jemand für ein Original des
Rubens angesehen wird (vgl. Friedländer im »Repertorium«
XXXIII p. 384). Eines von diesen drei Werken, die Er-
langer »Auferstehung der Seligen«, möchte nun Oldenbourg
im Anschluß an Rooses mit einem Bilde gleichen Gegen-
standes identifizieren, das von dem Maler Wildens un-
vollendet aus Rubens' Nachlaß erworben und von Jan
Boeckhorst fertiggemalt wurde. Boeckhorst ist als der
Maler jener Anstückungen und des Aachener Höllensturzes
anzusehen. Dieselbe Hand erkennt dann Oldenbourg noch
in einigen verwandten Bildern, wie der kleinen Kopie von
Rubens' »Großem Jüngsten Gericht« in der Dresdener Ga-
lerie und dem »Pan und Syrinx« im Buckingham Palace
(bis jetzt: Rubens). Mit einigem Vorbehalt fügt er auch
einige Porträts hinzu, wie die Helene Fourment in Brüssel
(aus der Sammlung Weber), den »Falkner« des Buckingham
Palace, den »Jüngling«, der die Hand auf die Brust legt,
in München (Nr. 965). Die ganze Gruppe würde uns mit
dem Frühstil Boeckhorsts (bis etwa 1642) bekannt machen
und beweisen, daß er sich in seiner Jugend sehr eng an
Rubens angeschlossen hat und mehr von diesem als von
seinem Lehrer Jordaens angenommen hat. Leider läßt
sich nur schwer ein engerer Zusammenhang dieser Arbeiten
mit den späteren, gesicherten Werken Boeckhorsts kon-
struieren. Man muß also annehmen, daß der Maler bald
nach dem Tode Rubens' seinen Stil stark verändert hat.

—/.

LITERATUR

Vincent Van Gogh, Briefe an seinen Bruder. Zusammen-
gestellt von seiner Schwägerin J. Van Gogh-Bonger.
Ins Deutsche übertragen von Leo Klein-Diepold. Zwei
Bände. Berlin, Paul Cassirer. Gr.-8°. 1914.
Bereits im Jahre 1906 kam ein kleiner Band mit Briefen
Van Goghs auf den deutschen Büchermarkt, der leider nicht
recht glücklich genannt werden konnte. Das Wertvolle in
jedweder Brieffolge liegt in dem Selbstbekenntnis, das darin
steckt, und daher müssen Briefe im Original, als Ganzes,
geboten werden. Damals gab es nur eine kleine Auslese
und selbst diese wurde in einer so ungeschickten Weise
angeordnet, daß der wahre Brief Charakter völlig verloren
ging. Man erhielt also ein durchaus verkehrtes Bild. Zu
dem kam noch, daß man meines Erachtens in Deutschland
damals ein falsches Bild von dem Künstler Van Gogh selbst
erhalten hatte. Er wurde bei uns vorgeführt zu einer Zeit,
als wir bei dem Höhepunkt der Freude am Neuen und Un-

gewöhnlichen angelangt waren, von Leuten, die eine Vor-
liebe für das Exzentrische besaßen und sich auch selbst
exzentrisch gaben. Denen galt es geradezu als Trumpf,
daß es sich bei Van Gogh um einen geistesgestörten
Künstler handelte. Der Kunsthandel brachte uns zuerst fast
ausschließlich Arbeiten, aus denen die nervöse Zerrüttung
Van Goghs deutlich sprach. Van Gogh wurde uns als
Sensation dargeboten. Mancher wird wohl sich dagegen ver-
wahren, wenn ich das so glatt heraussage: aber ich glaube
doch, daß sich dem nicht ernsthaft widersprechen läßt.

Nicht nach den Bildern, die wir in Deutschland vorge-
tischt bekamen, nicht an der Hand der Tiraden, die seine
ersten Apostel vor zehn bis fünfzehn Jahren über ihn
schrieben, lernt man Van Gogh annähernd richtig kennen.
Wenn man in das Museum zu Dordtrecht kam, gingen einem
die Augen auf, und man erkannte, daß nicht die ausgefallenen,
wilden und umstößlerischen, sondern die ruhigen, ab-
geklärten- und feinen Arbeiten den großen Van Gogh
kennzeichnen. Selbst da erkennt man noch, daß sein Sich-
über-die-Schranken-setzen nicht eine geniale Tat, sondern
vielmehr eine Schwäche war, die Folge davon, daß ihm die
Schulung von Haus aus und die geregelte Erlernung des
Handwerklichen seiner Kunst gefehlt hatte. Er war Auto-
didakt und hatte zu spät angefangen mit der Malerei.

In dem Vorwort, das die treffliche Herausgeberin
diesem, dem Schwager und dem verstorbenen Manne ge-
setzten Denkmal vorausschickt, motiviert sie die große Aus-
gabe der Briefe sehr schön damit, daß nun der Maler Vincent
Van Gogh anerkannt sei. So möge denn jetzt auch der
Mensch Vincent Van Gogh des Interesses eines größeren
Kreises teilhaftig werden.

Das Wunderbare an diesem Briefwechsel (von dem wir
natürlich nur die eine Hälfte in die Hand bekommen) ist die
außerordentliche Intimität des Verhältnisses, das zwischen
den Brüdern bestand. Es ist fabelhaft, wie weitgehend die
Bekenntnisse Vincents sind: rein als psychologisches Doku-
ment, ganz abgesehen von den berührten Kunstinteressen,
gehören die Briefe zu dem fesselndsten, was je heraus-
gegeben worden ist. Es kann Menschen, die sich weder um
diesen Maler noch um diese Malerei überhaupt kümmern,
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Inhalt : Kriegstagung für Denkmalpflege in Brüssel. Von Paul Schumann. — Tizians Gemäldegpl
und irdische Liebe. Von Rudolf Schrey-Frankfurt a. M. — Zum Gedächtnis Viktor Mc -
Kühnelt f. August Prokop f. Karl König f. — Preisausschreiben des Deutschen ' n_
Breslau. — Ausstellungen in Frankfurt a. M., Zürich, Wien und Leipzig. — Erwerbung! S
Museums der bildenden Künste in Budapest. — Christlicher Kunstverein des Erzbistum =_
lerinnenvereine. — Adam von Mänyoki; Das Grab des Beato Angelico. — Vincent V; —

Verantwortliche Redaktion: Gustav Kirstein. Verlag von E. A. Seeiv -

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