Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 26.1915

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KUNSTCHRONIK

Neue Folge. XXVI. Jahrgang 1914/1915 Nr. 9. 27. November 1914

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DIE AUSSTELLUNG ALTER MEISTER
AUS LEIPZIGER PRIVATBESITZ

Von Dr. Karl Lilienfeld

Fünfundzwanzig Jahre sind es her, daß der Leip-
ziger Kunstverein seinen Mitgliedern eine hoch be-
deutende Ausstellung älterer Meister aus Privatbesitz
vorführte. Wenn er sich in unseren ernsten Zeiten zu
einer ähnlichen Veranstaltung entschloß, so waren
dafür mehrere Gründe maßgebend: Das von dem Kunst-
verein so groß angelegte Programm für das beginnende
Winterhalbjahr, dessen Ausführung durch Ausbruch
des Krieges und die dadurch entstehenden Transport-
schwierigkeiten gänzlich unmöglich gemacht wurde,
sollte eine würdige, den Zeiten angepaßte Änderung er-
fahren. Was wäre in diesem Falle geeigneter gewesen,
als eine Ausstellung alter Kunst, von Werken unumstrit-
tenen Wertes? Sprechen sie doch am tiefsten zu den-
jenigen, die, in der Heimat zurückgeblieben, gerade jetzt
einer Stunde ernsten Genusses bedürfen. — Es kommt
hinzu, daß eine solche Ausstellung sich eigentlich nur
in einer Zeit ermöglichen ließ, zu der die Woh-
nungen unserer Sammler nicht durch Geselligkeiten in
Anspruch genommen werden. Stellte doch der Kunst-
verein an die Besitzer alter Kunstwerke, an die er sich
mit der Bitte um Überlassung einiger Werke wandte,
die Zumutung, ihr Heim auf einige Zeit des kost-
barsten Schmuckes zu berauben. Wie opferwillig
aber die Veranstaltung, deren Ertrag einem guten
Zwecke gewidmet ist, von allen Seiten unterstützt
wurde, möge aus den folgenden, bei dem Zusammen-
bringen der Ausstellung niedergeschriebenen Zeilen
hervorgehen. Sie sollen vor allem die Besucher der
Ausstellung oder auswärtige Interessenten auf die
wichtigsten Objekte aufmerksam machen:

Die ältesten Werke (15. und 16. Jahrhundert),
die in dem sogenannten Vortragssaal untergebracht
sind und zum größten Teil aus den Sammlungen
der Herren Dr. Fritz von Harck und Prof. Dr. Ulrich
Thieme stammen, gehören der niederländischen, italie-
nischen und deutschen Schule an. Am frühesten von
allen zu datieren wäre ein Bild der Sienesischen
Schule (Nr. 43, Prof. Dr. U. Thieme), das von Dr.
W. Bombe als Matteo di Giovanni festgestellt wurde.
Es sei hier nur auf seine malerische Wirkung, die
durch geschickte Verwendung des Goldgrunds erzielt
ist, hingewiesen. — An Farbenpracht wird der ganze Saal
überstrahlt durch die dem Pseudo-Basaiti zugeschrie-
bene »Madonna« (Nr. 4, Hr. Dr. Fritz von Harck). Die
Wärme des Kolorits, der melodische Faltenwurf, das
eigenartige Verhältnis der schlichten Figur zu der stim-
mungsvollen Landschaft dürften wohl in jedem Beschauer
die Erinnerung an Giorgione auslösen. — Die Alt-

deutsche Schule ist durch die farbig kräftige »Madonna«
Cranachs von 1516 (Nr. 27, Hr. Prof. Dr. Ulrich Thieme),
die charaktervolle »Maria« des Hans Sueß von Kulm-
bach (Nr. 74, Hr. Prof. Dr. Ulrich Thieme), die zwei
Tafeln des seltenen, aus Augsburg stammenden L. Beck
(Nr. 6 und 7, Hr. Dr. Fritz von Harck) und besonders
durch die »Sieben Lebensalter« des Baidung Grien
(Nr. 50, Hr. Dr. Fritz von Harck) ganz hervorragend
vertreten. Das letztgenannte Werk dürfte, eben wegen
seines echt deutschen Charakters, ganz abgesehen von
seiner wunderbaren Zeichnung und Färbung, als eines
der bedeutendsten Gemälde der Ausstellung gelten. —
Etwas von der ausländischen Eleganz der niederlän-
dischen Kunst nach 1500 weist der interessante Altar-
flügel (Nr. 93, Hr. Dr. Georg Hirzel) auf, der wohl in
Köln in der Umgehung des sogen. Bartholomäus-
Meisters entstanden ist. — Von den Werken der alt-
niederländischen Maler erwähnen wir vor allem den der
»Memling-Schule« zugeschriebenen »Heiligen Hiero-
nymus« (Nr. 82, Farn. Rudolf Brockhaus), dessen Kom-
position an die Werke des »Meisters des heiligen
Ägidius« erinnert, dessen violettgraue Fleischtöne aber
dem Kolorit des späteren Ger. David entsprechen.
— Die »Grablegung Christi« des »Meisters der Virgo
inter Virgines« (Nr. 81, Hr. Prof. Dr. Ulrich Thieme)
deren Kolorit und Typen entschieden nach Holland
weisen, ist durch die eigenartige Darstellung größter
Trauer psychologisch äußerst interessant. — Die »Flucht
nach Ägypten« des sogenannten Braunschweiger Mono-
grammisten (Nr. 87, Prof. Dr. Ulrich Thieme) ist ikono-
graphisch von Bedeutung. Die kleine Anekdote, daß
ein Kindchen der heiligen Familie Brot auf der Flucht
herbeiträgt, findet sich meines Wissens sonst nirgends.

Von dem 16. in das 17. Jahrhundert führt uns
der 1603 verstorbene, zu seiner Zeit äußerst berühmte
Marten de Vos, dessen »Tobias mit dem Engel« vom
Jahre 1562 in seiner soliden Zeichnung und Aus-
führung beweist, welche wichtige Grundlage die
künstlerisch wenig interessanten flämischen Manieristen
des 16. Jahrhunders zum mindesten in technischer
Beziehung für die späteren Generationen schufen. —
Der Blütezeit flämischer Kunst gehören zwei Haupt-
werke der Ausstellung an, erstens das hochbedeutende,
durch seine Farbenpracht und malerische Behandlung
in der Stoffwiedergabe sich auszeichnende, voll sig-
nierte »Stilleben« des Jan Fyt (Nr. 40) und ferner die
berühmte aus der Sammlung Weber in Hamburg
stammende »Rückkehr vom Fischfang« des David
Teniers (Nr. 126, Dr. W. Giesecke), auf deren äußerst
stimmungsvollen landschaftlichen Hintergrund beson-
ders hinzuweisen wäre. Der Hauptmeisterderflämischen
Genremalerei, Teniers, wird ferner durch das »Wirts-
hausunter derLinde« ganz hervorragend repräsentiert.—
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