Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 26.1915

Page: 337
Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kunstchronik1915/0178
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
KUNSTCHRONIK

Neue Folge. XXVI. Jahrgang 1914/1915 Nr. 26. 26. März 1915

Die Kunstchronik und der Kunstmarkt erscheinen am Freitage jeder Woche (im Juli und August nach Bedarf) und kosten halbjährlich 6 Mark.
Man abonniert bei jeder Buchhandlung, beim Verlage oder bei der Post. Für Zeichnungen, Manuskripte usw., die unverlangt eingesandt werden,
leisten Redaktion und Verlagshandlung keine Oewähr. Alle Briefschaften und Sendungen sind zu richten an E.A.Seemann, Leipzig, Hospitalstr. 11 a.
Abonnenten der Zeitschrift für bildende Kunst erhalten Kunstchronik und Kunstmarkt kostenfrei. Anzeigen 30 Pf. die Petitzeile; Vorzugsplätze teurer.

FLIEGERBOMBEN ÜBER KOLMAR!

Jeder kunstliebende Deutsche stellt bei dieser
Nachricht die bange Frage: wo ist der Isenheimer
Altar? Wir wissen, daß unsere Heeresleitung mit
allen Mitteln, die ihr zur Verfügung stehen, so-
fern nicht militärische^Notwendigkeit unerbittlichen
Zwang übt, alles tut, um die Kunstwerke in Feindes-
land zu schützen. Aber wer sorgt für die Denkmäler
unserer Heimat? Als hier von Löwen und Reims
berichtet wurde, ward schon die gleiche Frage ge-
stellt. Denn so unbedingt unser Vertrauen zur deut-
schen Heeresleitung ist, so wenig hoffen wir von
den durch alle Mittel einer gewissenlosen Stimmungs-
mache verhetzten Franzosen, für den Fall, daß es
ihnen gelingen sollte, in das Land »der Barbaren«
an irgend einer Stelle einzubrechen. Und Flieger-
bomben vollends ist jedes Gebäude im Grenzgebiete
gleichermaßen preisgegeben. Sollen wir warten, bis
die Schreckenskunde kommt: das Schongauer-Museum
ward getroffen?

tr; Wir ; wollen^ hoffen, daß der Isenheimer Altar
längst schon in Sicherheit gebracht wurde, an eine
Stelle, wo nach menschlicher Voraussicht keine Ge-
fahr ihm droht, weit fort also von Kolmar und dem
Gebiet, das durch den Krieg in unmittelbare Mit-
leidenschaft gezogen werden kann. Aber auch ein
Wort der Beruhigung wäre am Platze für die vielen,
die sich bei jeder Kriegsnachricht aus dem Elsaß um
das Schicksal dieses Meisterwerkes deutscher Kunst
sorgen. Mit Genugtuung vernahm man, daß die
Sammlung Czartoryski aus Krakau nach Dresden in
Sicherheit verbracht wurde. Wo ist der Isenheimer
Altar?

NEKROLOGE

Im Alter von*69 Jahren starb am 1. März plötzlich an
einem Schlaganfall Geistl. Rat Prof. Dr. Georg Anton
Weber,1; der ordentliche Professor für Kirchengeschichte,
christliche Archäologie und Geschichte der christlichen
Kunst ;am Lyzeum zu Regensburg. Der Name Webers,
der 1846 geboren, die Gymnasiallehrerlauf bahn durchlief
und '1889 nach Regensburg berufen wurde, ist in der
Kunstgeschichte namentlich bekannt durch seine Wieder-
auffindung [des Originals von Dürers Gemälde »Der hl.
Hieronymus« in Lissabon, das man längere Zeit für ver-
loren hielt. Reisen durch Europa und,, Kleinasien hatten
Weber zu einem tiefgründigen kunsthistorischen Wissen
verholfen, das erjn verschiedenen Werken niederlegte.^von
denen namentlich Dürers »Leben, Wirken und Glauben«,
Dürers »Schriftlicher Nachlaß« und »Die römischen Kata-
komben« der Erwähnung verdienen. Zur bayerischen^Kunst-
geschichte lieferte er in der »Regensburger Kunstgeschichte«
einen trefflichen Beitrag. 2,

In Karlsbad ist der emeritierte Professor der Archi-
tektur und Kunstgeschichte Johannes Koch nach kurzem
Leiden im 65. Lebensjahre gestorben. Der Dahingeschiedene
hatte seine akademische Laufbahn an der deutschen Tech-
nischen Hochschule in Prag begonnen, wo er von 1875
bis 1884 erst als Assistent und dann als außerordentlicher
Professor wirkte. Von hier wurde er an das Polytechnikum
in Riga berufen, wo ihm mannigfache Auszeichnungen zu-
teil wurden. Seit einigen Jahren lebte er in seiner Vater-
stadt Karlsbad im Ruhestande.

Aus London kommt die Nachricht, daß Walter Crane
gestorben ist. Den Lesern dieser Zeitschrift braucht nicht
gesagt zu werden, wer der Künstler gewesen ist, denn
keiner der englischen Präraffaeliten, deren künstlerischer
Abkomme er war, hat es verstanden, sich so weittragenden
Ruf zu sichern wie er, der den geringen Edelgehalt dieser
einst so überschätzten archaisierenden Bewegung in gang-
bare Kleinmünze umgeprägt hat. 1845 war er als Sohn
eines Miniaturmalers in Liverpool geboren worden. Zwölf-
jährig kam er nach London. In der Schule des Holz-
schneiders Linton erwarb er die technischen Fähigkeiten,
die ihn bald zu einem beliebten Illustrator werden ließen.
Vom Buchschmuck kam er zum Kunstgewerbe. Mit großer
Betriebsamkeit wirkte er praktisch, wie durch literarische
Propaganda für die Ideen Ruskins und Morris', in denen
das Ethisch-Soziale in merkwürdiger Weise mit dem Ästhe-
tisch-Künstlerischen vermischt war. Auch in Deutschland
war ein Widerhall dieser englischen Strömungen lange Zeit
fühlbar. Wie die Heilsarmee-Bewegung enthielt sie man-
chen fruchtbaren Keim. Trotzdem dürfte man in Zukunft
vorsichtiger bei uns sein gegenüber englischer Weltbe-
glückung — auch in künstlerischen Dingen. o.

Der französische Kunstgelehrte Marcel Reymond
ist gestorben. Er hat eine große vierbändige Ge-
schichte der florentinischen Skulptur geschrieben, die
sich in Deutschland besonders wegen ihres reichen
Abbildungsmaterials großer Beliebtheit erfreut, während
Reymonds wissenschaftliche Leistung nicht ebenso geschätzt
wird. In der großen französischen Kunstgeschichte, die
Andre Michel herausgibt, hat Reymond wichtige Kapitel
geschrieben und in einer Monographienfolge Bände über
Brunelleschi und Bramante veröffentlicht. Seine letzten
größeren Arbeiten beschäftigten sich mit dem Barock, mit
Bernini und seiner Tätigkeit in Frankreich.

PERSONALIEN
Professor Dr. Jaro Springer, Kustos am königlichen
Kupferstichkabinett zu Berlin, der als Hauptmann einer
sächsischen Landwehrkompagnie auf dem östlichen Kriegs-
schauplatze steht, wurde durch das Eiserne Kreuz aus-
gezeichnet.

Professor Dr. Konrad v. Lange in Tübingen vollendete
am 15. März sein 60. Lebensjahr. Als Sohn des Altphilo-
logen Ludwig Lange widmete er sich zunächst dem Stu-
dium der Baukunst unter Hase in Hannover, um bald zur
Kunstwissenschaft überzugehen und sich 1884 in Jena zu
habilitieren. Nacheinander war er in Göttingen und Königs-
loading ...