Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 26.1915

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KUNSTCHRONIK

Neue Folge. XXVI. Jahrgang 1914/1915 Nr. 15. 8. Januar 1915

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EINE DEMÜTIGUNG J. G. SCHADOWS.

Von Hermann Ehrenberg

Man hätte glauben sollen, daß im Jahre 1824 der
Ruhm Johann Gottfried Schadows hinreichend ge-
festigt war, um den großen Künstler vor Demütigun-
gen zu behüten. Daß dem nicht so war, daß zum
mindesten er selbst eine ihm damals widerfahrene
Behandlung als die ärgste Demütigung seines Le-
bens empfand, werden die nachfolgenden Zeilen er-
weisen.1)

Am 18. Dezember 1819 beschloß die Versamm-
lung der Kneiphöfschen2) christlichen Kaufleute in
Königsberg in Ostpreußen, aus der Stiftung des
verstorbenen Kaufmanns Daniel Zimmermann einen
Betrag bis zu 2000 Taler als Kosten eines ihm zu
errichtenden Denkmals zu entnehmen. Der Regierungs-
rat und Oberbaudirektor Müller in Königsberg fertigte
einen Entwurf, wonach das Denkmal in Berlin, in
erster Linie durch den Akademiedirektor Schadow
ausgeführt werden sollte. Sein Entwurf wurde ge-
nehmigt, ebenso sein Kostenanschlag, den er am
3. Dezember 1823 einreichte. Letzterer lautet:

1) Sie stützen sich auf das Archiv der Königsberger
Kaufmannschaft S. 86. (Staatsarchiv Königsberg). Die Ver-
handlungen werden hier nur insoweit wiedergegeben, als
sie für die persönlichen Erlebnisse des Künstlers und die
Entstehung seines Kunstwerkes von Bedeutung sind. Die
Briefe Schadows sind buchstäblich genau wiedergegeben,
die übrigen Briefe dagegen mit Weglassung unwesentlicher
Einzelheiten. Das hier besprochene Denkmal ist zum ersten-
mal veröffentlicht von A. Bötticher, Die Bau- und Kunst-
denkmäler der Provinz Ostpreußen. VII. Königsberg. 1897,
Seite 115 in ungenügender Autotypie, mit weiteren Nach-
weisen auf S. 113. — Vgl. ferner den kurzen Vermerk bei
Friedländer, J. Q. Schadows Aufsätze, Briefe und Werke.
2. Auflage. Stuttgart 1890. Eine feinsinnige Charakte-
risierung von Schadow als Zeichner bei Tschudi in der
Zeitschrift Kunst und Künstler. II. 3 f. Über Schadows
Briefwechsel gibt auch Aufschluß H. Mackowsky, La journee
des emotions, Kunst und Künstler. VIII. 337 ff. Nach einer
sehr gef. Mitteilung von Professor H. Mackowsky, dem wir
die wichtigste Förderung in der Kenntnis Schadows neuer-
dings verdanken und von dem wir demnächst eine große
Biographie des Meisters zu erwarten haben, stammt der
Gipsausdruck des Reliefs der Caritas, der in der von
Mackowsky veranstalteten Schadow-Ausstellung in der Kgl.
Akademie der Künste (vgl. den Katalog der Ausstellung,
Berlin, Bruno Cassierer 1909, Nachtrag S. 198) zu sehen
war, von Schadow selbst her. Er gehörte damals (1909)
Herrn Herbig in Pankow (Berlin), ist aber inzwischen von
diesem verkauft.

2) Kneiphof ist der vornehmste Stadtteil des damaligen
Königsberg, der Sitz der Oroßkaufleute.

»Dem Herrn Director Schadow in
Berlin für die Arbeit incl. dem
carrarischen Marmor.....860.—

Dem Bronzegießer und Ciseleur für
den Fackel-Aufsatz und für die
Buchstaben der Inschrift . . . 312-—

Für die echte Glanz- und Matt-Ver-
goldung der dazu bestimmten Zier-
rathen und Buchstaben, im Feuer 90.—

Für 40 laufende Fuß Geländer von
Gußeisen (angenommen, daß die
Grabstelle auf 10 Fuß im Q ein-
gefaßt werden kann).....70.—

Für Transport [auf dem Seeweg],
Fundamentlegung, Vergießen der
Pfeiler in die gehauen 4 Ecksteine
und sonstige extraordinäre Aus-
gaben, reichlich gerechnet präter
propter.........300.—

Thal er

Summa Summarum 1632.— „ «

Die weiteren Verhandlungen führte der Geh. Kom-
merzienrat Wolff in Königsberg, der sich an seinen
Freund, den Berliner Oberbürgermeister Deetz mit
der Bitte wandte, die erforderlichen Verträge mit
Schadow und dem Bronzegießer und Ziseleur Coue
nach den Müllerschen Entwürfen zu vereinbaren.
Letzterer, ein geborener Franzose, der mit Schadow
auch am Rostocker Blücherdenkmal arbeitete und 1824
Lehrer an der neu errichteten Ziseleurschule in Ber-
lin wurde (Thieme-Becker, Künstler Lexikon VII), sollte
die Anfertigung von Fackeln und einem Eichenkranz,
z. T. mit starker Feuervergoldung, für 370 Taler, ein-
schließlich aller Nebenkosten, bis zum 1. Juli 1824
übernehmen. Schadow dagegen sollte sich zur An-
fertigung sämtlicher Marmorarbeiten in der gleichen
Zeit für die von ihm verlangte Summe von 860 Taler,
wovon 500 Thaler im voraus zu entrichten seien,
verpflichten und hierbei reinen karrarischen flecken-
losen Marmor verwenden.

Beide Vertragsabschlüsse stießen auf Schwierig-
keiten. Aus den Bronzezutaten wurde, wie wir sehen
werden, schließlich überhaupt nichts. Und Schadow
nahm an der zu knappen Lieferfrist und an der Be-
dingung ganz reinen fleckenlosen Marmors Anstoß.
Wahrscheinlich aber war er von vornherein über die
Forderung, sich nach den Müllerschen Zeichnungen
richten zu sollen, sehr verstimmt. In seinen Lebens-
Erinnerungen1) schreibt er: »Für Königsberg war die
Werkstatt mit einem Denkmale beschäftigt, zu Ehren

1) Joh.Oottfr. Schadow, Kunstwerke und Kunstansichten.
Berlin 1849. Seite 211.
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