Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 26.1915

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Nekrologe —

Ausstellungen

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raschung ist es, in dieser Ausstellung einem sicher
echten Werke des Friedrich Herlin zu begegnen,
zwei kleinen Altarflügeln mit zwei heiligen Rittern,
in denen die liebenswürdige Kunst des Nördlinger
Meisters sich von ihrer vorteilhaftesten Seite zeigt.
In den Kreis des Hausbuchmeisters gehört ein
hoher Altarflügel mit zwei weiblichen Heiligen.
Der Katalog weist auf das Gegenstück hin, das im
Historischen Museum der Stadt Frankfurt steht. Eine
Anbetung der Könige wird irrtümlich der Art des
Bernhard Strigel zugeschrieben. Sie ist wahrschein-
lisch tirolischen Ursprungs. Bei der Versteigerung
der Sammlung Lippmann wurde das Stück bekannt. Es
gehört jetzt Herrn Kommerzienrat Otto Held. Zu den
schönsten Porträts der deutschen Renaissance darf das
ernste Männerbildnis des Hans von Kulmbach gezählt
werden, das Sanitätsrat Dr. Lewy ausstellt. Für Kulmbachs
Autorschaft zeugt nochmals unverkennbar die Rück-
seite mit einer Darstellung von Pyramus und Thisbe.
Ein Frauenbildnis der Sammlung von Pannwitz ist
wahrscheinlich augsburgischen Ursprungs. Zu erwäh-
nen sind endlich die kleinen Bildnisse eines Ehepaares
von Bartholomäus Bruyn, die Marcus Kappel kürz-
lich erworben hat. Zwei niederländische Werke ver-
treten in dieser Abteilung die Sammlung Gumprecht.
Ein männlicher Kopf steht den Frankfurter Flügeln
in der scharfen, charaktervollen Modellierung so nahe,
daß er den Namen des Meisters von Flemalle zu
Recht tragen mag; ein sehr feines Bildchen mit dem
Jesuskinde auf einem roten Kissen ist in seiner zarten,
weichen Modellierung ein sicheres Werk des Meisters
vom Tode Mariä. Der Meister der weiblichen Halb-
figuren ist mit einem charakteristischen Frauenporträt
und einem in dem schönen Rot von Gewand und
Inkarnat ebenso unverkennbaren Lukretiabilde ver-
treten. Die vier Evangelisten des Pieter Aertsen
gehörten Herrn Dr. Binder, der außerdem unter dem
Namen des Aertgen van Leyden ein höchst merk-
würdiges Bild mit dem Tode Mariens im Chor einer
hohen Kathedrale ausstellt. Die ganze Anlage des
Werkes erinnert sehr an Kompositionen aus Alt-
dorfers Kreise. Die breite Malweise, die hellen
Schillerfarben, die exakt angelegte und in der Be-
handlung dabei sehr malerische Architektur verweisen
das Bild mit Sicherheit nach Holland, wo es einen
interessanten Beleg mehr dafür bietet, daß eine Reihe
der charakteristischen Eigentümlichkeiten der Donau-
schule gewiß nicht als isoliertes Phänomen in ihrer
Zeit zu deuten sind.

Unter den Werken der italienischen Schule, die
nur eine kleine Abteilung innerhalb der Ausstellung
bilden, stehen der energisch modellierte, charakter-
volle weibliche Kopf in Ghirlandajos Stil, der Gump-
recht gehört, und die ausgezeichnete Cassonetafel
aus der Sammlung v. Kaufmann, deren Bestimmung auf
Piero di Cosimo ein Fragezeichen angefügt werden
mag, weit voran. Als französische Arbeit geht ein
schwer zu deutendes männliches Bildnis, das wohl
nur zufällig an den einen der beiden Gesandten von
Holbeins bekanntem Londoner Bilde erinnert. Wenn
endlich erst zum Schluß der berühmte Laokoon des

Greco genannt wird, der eine Zeit lang in der Münchener
Pinakothek gehangen hat und von dort allen Kunst-
freunden bekannt ist, so darf das ein Zeichen sein,
daß die Ausstellung nicht dieses Glanzstückes bedurfte,
um allgemeines Interesse zu beanspruchen. Man darf
sich zu Greco stellen, wie man will, die eigenartige
Erscheinung des griechischen Spaniers läßt sich aus
der Kunstgeschichte nicht tilgen, und für den Berliner
Kunstbesitz, in dem der Meister noch ganz fehlt, be-
deutet gerade dieses Werk, in dem alle Eigenart,
alle Bizarrerie und aller malerische Reichtum Grecos
in seltener Weise sich vereinigt, einen höchst er-
wünschten Zuwachs. Die Ausstellung selbst aber bietet,
als ein Zeugnis der wachsenden Sammlertätigkeit in
Berlin, eine willkommene Gelegenheit, in diesen kunst-
feindlichen Zeiten sich eines friedlichen Wetteifers der
Menschen zu entsinnen, in den auch Deutschland
im Laufe der letzten Jahrzehnte ernstlich einrückte,
und aus dem es der große Krieg nicht wieder ver-
drängen soll. GLASER.

NEKROLOGE
Max Buri, der bekannte Schweizer Maler, hat unter
tragischen Verhältnissen seinen Tod gefunden. Die Schwei-
zer Kunst verliert in ihm eine der sympathischsten Persön-
lichkeiten und einen tätigen Vermittler, dessen ehrlicher
Charakter ihm auf allen Seiten Freunde zu werben ge-
eignet war. Der Künstler war am 24. Juli 1868 in Burg-
dorf geboren. Er studierte in München, besonders unter
Albert Keller, und in Paris, wo er in der berühmten Aka-
demie Julien arbeitete. Entscheidenden Einfluß auf sein
Schaffen übte jedoch sein Landsmann Ferdinand Hodler, mit
dem ihn enge Freundschaft verband. Unter den jüngeren
Schweizern der Nachfolge Hodlers waren Buri die reichsten
Erfolge beschieden. Seine einfache und frische Art fand
rascher Eingang bei einem weiteren Publikum als etwa Amiets
problematisches Suchen und selbst als des Meisters eigene,
formenstrenge Kunst. Buri malte die Bauern, die er kannte,
und unter denen er in Brienz lebte, er malte die Land-
schaft seiner Heimat mit einer frischen Farbenfreudigkeit,
einer entschiedenen und derb zupackenden Zeichnung, die
ihn leicht ins Dekorative führte, wo Hodler zur Monu-
mentalform strebte. In den Ausstellungen der Berliner
Sezession war Buri ein oft gesehener Gast. Die Museen
seiner Heimat besitzen Proben seiner Kunst. Im übrigen
birgt der schweizerische Privatbesitz den Hauptteil seiner
Werke.

AUSSTELLUNGEN
Im Kölnischen Kunstverein stellte Paul Bürck eine
sehr umfangreiche Folge von Zeichnungen aus, die er als
Unteroffizier auf dem westlichen Kriegsschauplatz ge-
schaffen hat. Mit strenger Wahrhaftigkeit und ohne jedes
Pathos zeigt er uns das Gelände der ruhmreichen und
blutigen Kämpfe bei Messines und Wytschaete. In diesen
anspruchslosen, mit Bleistift oder Zeichenfeder schnell hin-
geworfenen Skizzen schildert er die furchtbaren Zerstörungen
des Weltkrieges in einer Weise, daß sie zu kostbaren
Dokumenten werden, aus denen die Historiker dermaleinst
schöpfen können. Aber auch ein hoher künstlerischer Wert
wohnt den Zeichnungen Bürcks inne. Mag er das Ein-
schlagen deutscher Granaten in einen englischen Schützen-
graben, marschierende Soldatenkolonnen, zerschossene
Häuser und Kirchen, ein totes Pferd, das leere Schlacht-
feld oder die Gesichter von Kameraden wiedergeben, —
immer weiß er uns unmittelbar zu packen.
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