Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 26.1915

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Nekrologe — Personalien — Denkmalpflege — Forschungen

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Ein großer Saal vereinigt umfangreiche Arbeiten Len-
bachs und Fritz Aug. v. Kaulbachs, durch die beide
charakteristisch vertreten sind. Von dem ersteren besitzt
die Stadt außerdem über 40 hochinteressante, ganz frühe
Studien der fünfziger Jahre. Diese Bildchen: Landschaften,
Architekturmotive, Tiere und Bauernporträts, zeigen den
Altmeister von einer ganz anderen Seite. Es ist kaum
glaublich, daß diese farbenfreudigen Dinge von derselben
Hand herrühren, die wir aus den braunen, dunklen Werken
der Spätzeit kennen.

Ein Raum vereinigt auserlesene Beispiele der modernen
zeitgemäßen Kunst. Da prangt das wundervolle späte
Selbstbildnis Israels', von dem Liebermann sagte, das sei
Seele gewordene Malerei. Da ist eine Landschaft SI e vo g t s,
eine Ansicht von Frankfurt, in der das Atmosphärische zu
glänzender impressionistischer Darstellung kommt. Von
Liebermann erfreut die Strandlandschaft durch ihre hellere
Färbung mehr als die frühere noch recht dunkle Judengasse
in Amsterdam. Von Uhde besitzt die Stadt eine geniale
Ölstudie zu dem Altarbild in Zwickau.

Von den drei Werken Hodlers vermag nur die Ge-
birgslandschaft wegen ihres klaren Aufbaues größeres Inter-
esse wachzurufen. Die beiden Studienköpfe der Frühzeit
sind unbedeutend.

Ein pikantes Mädchenbildnis und das dekorative, in
lodernder Pinselführung geschaffene Bildnis der »Dame
mit der Perlenkette«1) sind bezeichnende Werke Haber-
manns. — Selbst in diesem Kreise bekannter und be-
rühmter Männer vermag sich die Kunst der leider so früh
verstorbenen Worpswederin Paula Modersohn mit An-
stand zu behaupten. Das Bild der »Bäuerin mit Kind«
bringt das Heroische der Mutterschaft zu monumentaler
Gestaltung.

Dieser kurze Überblick gibt ein annäherndes Bild
von dem, was die Stadt in den letzten Jahren geleistet
hat. Es ist zu hoffen, daß sie sobald als irgend möglich
daran geht, diesen Schätzen eine würdige Stätte zu bereiten.
Dann wird auch bei der großen Masse der Bürger vielleicht
das Verständnis für künstlerische Dinge wieder wachsen.

Und das wäre ZU wünschen. Paul Erich Küppers.

NEKROLOGE

In Erlangen starb der ehemalige Direktor der Universi-
tätsbibliothek D. Dr. Marcus Zucker im Alter von 74 Jahren.
Zuckers literarische Tätigkeit war verschiedenen Gebieten
der Kunstgeschichte gewidmet. Mit Michelangelo und der
holländischen Malerei des 17. Jahrhunderts beschäftigten
sich zwei Schriften, die 1888 und 1892 erschienen. Sein
Lieblingsthema aber war Albrecht Dürer. Er begann mit
einer Arbeit über Dürers Stellung zur Reformation (1886),
ein Thema, das neuerdings von Heidrich wieder behandelt
und in ein wesentlich anderes Licht gerückt wurde. Im
Jahre 1900 erschien Zuckers Dürerbiographie in den
Schriften des Vereins für Reformationsgeschichte. Auch
hier nimmt das Kapitel der Stellung Dürers zu den reli-
giösen Fragen der Zeit und zu den Reformatoren und Huma-
nisten, in deren Kreis er lebte, einen besonders breiten
Raum ein. Im übrigen darf dem Werke gründliche Sach-
kenntnis nachgerühmt werden. Das Eingehen auf die for-
malen Probleme und die Fragen der Entstehung und Ent-
wicklung des Dürerschen Stiles lagen ihm ferner. 1908
folgte nochmals ein Beitrag zu Dürer, der sich mit den
Briefen des Künstlers beschäftigte. Zuckers letzte Veröffent-
lichung im Jahre 1913 war den Einzelformschnitten in der

1) Abb. bei Ostini: Hugo von Habermann. München 1912.
Seite 151.

Kupferstichsammlung der Universitäts-Bibliothek Erlangen
gewidmet. Sie erschien in der bekannten von Heitz in Straß-
burg herausgegebenen Folge.

Bei einem Sturmangriff vor Warschau fiel am 5. August
der Düsseldorfer Maler Offizierstellvertreter David Zacha-
rias. Den Besuchern der großen Düsseldorfer Kunstaus-
stellungen im städtischen Kunstpalaste waren seine sorg-
fältig durchgeführten großen Figurenbilder wohl vertraut.
Im Jahre 1913 sah man von ihm ein Selbstbildnis, ein In-
terieur und ein besonders charakteristisches Gemälde »Haus-
musik«. Ein derartiger Vorwurf lag Zacharias, der ein vor-
züglicher Cellospieler war, besonders. Auf der diesjährigen
Augustausstellung in der Kunsthalle bemerkt man einige
Zeichnungen, die während des Stellungskrieges an der
Bzura entstanden sind. Zacharias war am 5. November 1871
in Königsberg geboren, trat 1899 in die Königl. Kunstaka-
demie in Düsseldorf ein und war von 1902 bis 1906 Meister-
schüler von Professor Claus Meyer. Sein Tod bedeutet für
die Düsseldorfer Künstlerschaft einen neuen schweren Verlust.

Dr. Ernst Weiß, der zuletzt wissenschaftlicher Hilfs-
arbeiter am Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg
war, ist kürzlich gefallen. Mit ihm verliert die Kunst-
wissenschaft wieder einen ihrer tüchtigsten jüngeren Ver-
treter. Weiß stammt aus Oldesloe in Schleswig-Holstein.
Er war Schüler Adolph Goldschmidts. Sein Studiengebiet
war die niederländische Malerei des beginnenden 16. Jahr-
hunderts. Eine mit äußerster Sorgfalt gearbeitete Mono-
graphie über Jan Gossaert, genannt Mabuse, machte seinen
Namen in den Kreisen der kunsthistorischen Wissenschaft
aufs beste bekannt. Auch seiner weiteren Laufbahn ward
nun ein vorzeitiges Ziel gesetzt.

PERSONALIEN

Fritz Winkler, einer der vorzüglichsten Schüler Vöges,
besonders wegen seiner Studien zur Geschichte der Miniatur-
malerei geschätzt, ist als Nachfolger Detlevs'von Hadeln
zum Bibliothekar der Berliner Königlichen Museen ernannt
worden. Winkler war früher am Kaiser-Friedrich-Museum
und jetzt als Assistent Posses an der Dresdner Galerie tätig.

Hofrat Dr. Gabriel v. Te>ey, Direktor der Gemälde-
galerie alter Meister des Museums der bildenden Künste
in Budapest, wurde vom Großherzog von Hessen das Kom-
turkreuz I. Klasse des Verdienstordens Philipps des Groß-
mütigen verliehen.

DENKMALPFLEGE

Der Obervellacher Altar Jan Scorels, der an seinem
Standort infolge der Nähe der italienischen Front der
Bombengefahr allzu sehr ausgesetzt schien, wurde auf
Initiative der k. k. Zentralkommission für Denkmalpflege
nach Wien gebracht und wird in den Depoträumen der
k. k. Staatsgalerie aufbewahrt. Der Altar hatte seit dem
Winter 1881, als er vom Restaurator der Belvedere-Galerie
Karl Schellein in Wien einer Reinigung unterzogen wurde,
die Obervellacher Kirche nicht mehr verlassen.

FORSCHUNGEN

Ein unbekanntes Bild des Vincenzo da Treviso.

In italienischen und anderen Sammlungen (z. B. in Wien,
Berlin) finden sich Bilder mit der Darstellung Christi im
Tempel, die alle auf ein verschollenes Originalwerk des
Giovanni Bellini zurückzuführen sind. Nicht in künst-
lerischer, wohl aber in kunsthistorischer Hinsicht bean-
sprucht das Exemplar des Museo Municipale in Padua
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